Trotz Ende der Ferien und „Overtourism“ – bleiben Sie geschmeidig

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu, der Arbeitsplatz ist wieder in Reichweite und die Wärme endet. Nach der kollektiven Rückkehr aus dem Urlaub scheint sich manchmal auch Unzufriedenheit breit zu machen – war der Urlaub wirklich entspannt, oder enttäuschend? Bei manchen Urlaubszielen stellt sich auch die Frage: Wie museumsreif und nicht unmittelbar wurden Gegenden und wer hat „Schuld“ daran?

Man kann ein Buch über das Skifahren lesen, dann hat man das in der Theorie, aber noch immer keine Praxiserfahrung. Echtes Wissen koppelt sich ab von dem Prozess, den ich erwartet habe und steht mir dann einfach zur Verfügung und ich kann das dann regelmäßig praktizieren. Sollten Sie also mit der Situation, dass die nächste Reise noch weit weg ist, unzufrieden sein, versuchen Sie die Vergleiche mit anderen wegzulassen. Sie sind es oft, die uns die Freude am Alltag nimmt. Urlaub, bzw.Reisen, sind doch oft nur Verzweiflung am Alltag, werbetechnisch gut verpackt. Das Beispiel mit dem Buch verdeutlicht, dass es keinen Sinn macht fix fertige „Normen“ zu entwickeln wie bei der Diätbranche die dann für jeden gelten sollen. Das funktioniert nicht. Wichtig ist das Handwerkszeug zu erhalten, Fragen an sich selbst stellen zu können und dann auf den offenen Ausgang zu setzen. Vorausgesetzt man akzeptiert den Menschen, also sich selbst, als ein Individuum das jede Situation neu und anders bewertet als der andere. Wissen ist also immer an Praxis gebunden und Praxis kostet Zeit – Lebensmittelzeit, wovon es auch ein Genug gibt.

Der Tourismus gibt sich große Mühe uns mit vielen Glaubenssätzen zu versorgen. Alle Sehenswürdigkeiten, die wir besuchen, sind Inszenierungen, gewöhnlich von Vergangenheit. Hallstatt ist sicher eines der negativen Beispiele. Aber Vergangenheit lässt sich nicht besichtigen – sie ist vergangen. Man muss sie für Touristen erfahrbar machen, also wiederherstellen, säubern und mit Erzählungen anreichern. Jede Burg, Schloss und Palast funktioniert so. Erst durch die moderne Aufbereitung durch Beschilderungen werden aus stummen alten Steinen historische Orte, die man besuchen kann. Das ist viel Arbeit, die wir meist gar nicht wahrnehmen. Ferien sind meistens eine begrenzte Zeitperiode, in der wir die Erzählungen auf der Reise für wahr halten, die wir im normalen Leben als Fiktion behandeln würden. Der Reiseprospekt verspricht die Fahrt in die Vergangenheit und ich blende ganz viel aus, zum Beispiel die Autobahnen und Flughäfen, damit ich Geschichte überhaupt konsumieren kann.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde Reisen toll – unterwegs sind wir ja schließlich immer und nur so erfährt man auch etwas über sich und seine Mitwelt. Urlaub bedeutet eigentlich „Entlassung aus der Pflicht“ und verspricht mir so für ein paar Wochen im Jahr eine wahrere Version meiner selbst zu sein – total entspannt, topfit, romantisch und natürlich sehr intelligent. Doch Intelligenz ist nicht Abwesenheit von Dummheit, Dummheit nicht Abwesenheit von Intelligenz. Sie ist vielmehr dann vorhanden, wenn man die Synapsen im Nervenkonstrukt dazu bringen kann, selber denken zu können und sich nicht auf reine Normen, wie eingangs erwähnt, verlassen zu müssen.

Aus dem Grund funktionieren auch menschenleere Orte nicht als touristisches Ziel. Meistens wollen wir uns selbst und anderen zeigen wer ich mit meiner Reise bin. Wir müssen ja immer irgendwen treffen, und zwar die richtigen Leute, denn auch im Urlaub bleiben wir meistens in unseren Blasen. Auch der Kulturtourist ist nicht viel anders. Er holt sich etwas, das er in seinem Alltag vermisst. Er will aber auch kein typischer Tourist sein, sondern dort sein, wo die Hiesigen sind und deren Alltag konsumieren.

Wenn man Alltag als Dienstleistung verkauft, beginnt sich genau dieser Alltag irreparabel zu verändern. Die paradoxen Auswirkungen davon sieht man in Hallstatt, Dubrovnik, Venedig oder Berlin. Das lässige Leben mit nicht viel Geld während der 90er Jahre in Berlin wurde zur Sehenswürdigkeit. Und wenn etwas touristisch erschlossen worden ist, darf es sich nicht mehr verändern, sonst sind die Touristen enttäuscht. Wenn dann Touristenmassen die Reste des wilden Lebens besichtigen wollen, findet es nicht mehr statt. Das nennt man dann Musealisierung – keine Unmittelbarkeit mehr. Während der Pandemie bereiste ich einige der touristischen „Hotspots“. Sie kamen mir aber nicht echter vor, sondern nur unwirtlicher und künstlicher. Die Sehenswürdigkeiten mit den geschlossenen Souvenirläden davor wirkten wie eine leere Kulisse, oder eine traurige Fototapete.

Das Schönste finde ich, wenn Ungeplantes passiert. Zumindest im Nachhinein. Ganz selten erlebt man heute noch Überraschungen – jede Hotelbuchung ist vorab genauestens zu klären, Google zeigt per Satellit exakt welche Routen wir nehmen müssen und wie sie aussehen werden. Sobald noch gute Bewertungen dazu kommen, kann man sicher sein, dass gewisse Gegenden touristisch werden.

Ich für mich bin mit mir und meiner Mitwelt halbwegs im Reinen und zufrieden, somit nicht wirklich urlaubsreif. Und wenn ich dann verreise, also auch tatsächlich geografisch mich verrücke, versuche ich möglichst wenig zu planen. Es ist schön, wenn man weniger plant – nichts passiert, die Zeit dehnt sich und der Urlaub passiert. Drum finde ich auch, dass der Weg das Ziel ist und immer seltener das Ziel so begehrenswert. Denn am Weg der Reise durch den Urlaub, oder einfach nur durchs Leben, passieren die merkwürdigsten Dinge die das qualitativ hochwertige Leben ausmacht. Und das ist schließlich die Lebenszeit, etwas, das Qualität hat, weil es von dem ein Genug gibt.

Mag. Dr. Wolfgang Glass (Jahrgang 80) ist promovierter Politologe und hauptberuflich Sanitäter in Wien.

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Zaungast_01

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Aron Sperber

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