Mit der „völkerrechtswidrigen“ Annexion von vier ukrainischen Territorien, im Anschluss an die „Scheinreferenden“, hat Russland eines seiner Hauptziele dieses Krieges erreicht, nämlich die Eroberung und Annexion der mehrheitlich russischsprachigen Territorien der Ukraine. Dass die Ukraine, die sich zu Beginn des Krieges vorgenommen hatte, sogar noch die 2014 annektierte Krim zurückzuerobern, nun vor vier weiteren verlorenen Regionen steht ist eigentlich Nachweis genug um zu erkennen, dass keine der annektierten Regionen in absehbarer Zukunft wieder von Kiew kontrolliert sein werden. Die Gegenoffensive in der Region Charkow war zwar erfolgreich, dränge aber lediglich, bei massiven Verlusten, die russischen Streitkräfte in einer wenig befestigten Besatzungszone zurück, und es ist folglich nicht zu werten, als sei dies der Beginn eines grösseren Rückeroberungsfeldzuges gewesen. Die Tatsache, dass die Gegenoffensive praktisch zum Stillstand gekommen ist, und dass die Gegenoffensive im eigentlich viel eher ersehnten Gebiet von Cherson ein vollkommener Fehlschlag war, würden diese These stützen. Mit der Teilmobilmachung Russlands, den immer knapperen Waffenlieferungen des Westens und den angeschlagenen Ukrainischen Streitkräften, kann man davon ausgehen, dass die Gefechtssituation zu Gunsten Russlands entschieden ist.

Doch auch in einer ganz anderen Front, dem Wirtschaftskrieg, hat Russland sich haushoch behauptet. Die Inflation in der Eurozone hat soeben die 10% Marke geknackt, was für Deutschland die höchste Inflation seit Ende des 2. Weltkrieges bedeutet. Die Firmenkonkurse häufen sich aufgrund der hohen Energiepreise und fehlenden Rohstoffen, und die erwartete Rezession wird hierin möglicherweise zu einem negativen Teufelskreis werden. Solche wirtschaftlichen Vorgänge wirken erst verzögert (wie man bei der Steigung der Inflation Anfang 2022 sehen konnte, welche noch nicht durch den Wirtschaftskrieg hervorgerufen wurden sondern als verzögerte Nachwirkung der Corona-Massnahmen), und sie werden sich mindestens entlang des Jahres 2023 erstrecken, wenn nicht länger. Der wirtschaftliche Analphabetismus, welcher in mancher Regierung herrscht, die dann vielleicht Inflation mit Ausgabe von Steuergeldern bekämpfen will, könnte die Auswirkungen auf mehrere Jahre ausdehnen. Was auch immer das letztendliche Resultat sein sollte, Europa wird bedeutend verarmen und an Wohlstand verlieren.

Russland hingegen kann derzeit eine vergleichsweise solide Wirtschaftssituation aufweisen. Natürlich wird die Wirtschaft aufgrund der Abkopplung von Europa schrumpfen, aber angesichts der Tatsache, dass die Atombombe des Wirtschaftskrieges, der SWIFT-Ausschluss, gezündet wurde, und dies zu keinem wirtschaftlichen Kollaps führte, ist dies schon mal ein beeindruckendes Zeugnis für die Widerstandsfähigkeit der russischen Wirtschaft. Mit reichlich Energie und Rohstoffen, einer angemessenen industriellen Grundlage (wenn auch bei weitem nicht so hochentwickelt wie im Westen), sowie mit China und Indien grossen Wirtschaftspartnern, hat Russland trotz seiner derzeit schwierigen Situation einen guten Ausweg indem Wirtschaftsbeziehungen neu ausgelegt und die Industrie gefördert wird. Es ist anzunehmen, dass die Wirtschaftspolitik eines Landes, welches dem SWIFT-Aufsschluss standhalten konnte, und dessen Währung trotz des Krieges an Wert zugenommen hat, von ausserordentlicher Kompetenz ist.

Die Zustände im russischen Alltag sind, vor allem bezüglich Wohlstand, trotzdem noch ziemlich weit hinter denen Europas, das kann kein Mensch leugnen, und das wird sich auch in naher Zukunft noch nicht ändern. Das Land hat weiterhin grosse strukturelle Probleme, Korruption, Bürokratie, fehlende Bildungsmöglichkeiten, fehlende Infrastruktur ausserhalb der Ballungszentren, usw.. Dem Europäer schwebt hierbei vor, die russische Bevölkerung würde, in Erwartung an westliche Lebensstandards, der Regierung gegenüber unzufrieden, und durch den Krieg als Auslöser eventuell dazu gedrängt, diese Unzufriedenheit durch Proteste oder gar Putschversuche zu veräusserlichen. Diese Ansicht ist weitgehend naiv, und entsteht vor allem durch Unkenntnis der Auffassung bezüglich Staat und Verwaltung in rückständigen oder Drittweltländern. Der Autor dieses Textes kann hierbei auf persönliche Erfahrungen in solchen Ländern (wenn auch nicht spezifisch Russland) zurückgreifen. Generell herrscht in Staaten mit grösseren strukturellen Defiziten, ein gewisser Fatalismus, welche diese Probleme aufgrund von Gewohnheit und Resignation als permanent oder bestenfalls sehr schwer lösbar versteht. Das Potential für Besserung und Entwicklung wird innerhalb des Rahmens dieser strukturellen Probleme gesehen, d.h. ob die individuelle Situation trotz alledem sich bessert oder verschlechtert. Dies ist nicht einmal ein Phänomen dass sich auf Entwicklungsländer begrenzt, so zum Beispiel auch gewisse Probleme in Deutschland aus Schweizer Sicht abstrus erscheinen, dort aber ebenfalls durch Gewohnheit und Resignation nicht als akut gesehen werden. In gewisser Weise ist dies das Umkehrphänomen zu dem, worin das Gras grüner auf der anderen Seite des Hags ist: Hier werden strukturelle Probleme anderer Staaten durch die Ferne oder den Kontrast stärker wahrgenommen als es die eigenen Einwohner tun. Schlussfolgernd kann man also davon ausgehen, dass in der russischen Bevölkerung zumindest genügend Zufriedenheit herrschen wird, dass keine Instabilität oder soziale Unruhe zu erwarten ist.

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Die Ukraine findet sich derweil in einer äusserst schlechten Situation wieder, auch von der eigentlich kollabierten Wirtschaft, die nur durch finanzielle Unterstützung der USA aufrecht erhalten wird, abgesehen. Angesichts der russischen Annexion hat Präsident Selenski einen Antrag für NATO-Mitgliedschaft im Eilverfahren unterschrieben, doch die Reaktion war ernüchternd: Nicht nur hat die NATO klargestellt, dass die Ukraine „derzeit“ nicht in die NATO aufgenommen werden wird (womit sicherlich gemeint ist, so lange die Ukraine aktiv in einem militärischen Konflikt ist), sondern auch nochmals betont, dass die NATO nicht Partei in diesem Konflikt ist. Der kontinuierlichen rhetorischen Unterstützung der Ukraine zum trotz war dies im Grunde die knallharte Abservierung jeglicher Aussichten auf eine massgebliche Unterstützung. Trotz des andauernden Appells von NATO, EU, USA, usw., dass die Annexion ukrainischer Territorien eine weitere Eskalation darstellt, hat der Westen hiermit die Ukraine endgültig fallen lassen. Ohne solche Unterstützung (welche zugleich sicherlich zu einem atomaren Weltkrieg geführt hätte) kann die Ukraine nur noch verlieren. Dass zugleich vor allem die USA weiterhin schweres Kriegsgerät liefern, zeugt davon, dass diese die Ukraine lediglich als Kanonenfutter benutzen, um die russische Militärkraft so weit es geht abzunutzen, was auch von einer geopolitischen Amoralität zeugt, die ihresgleichen sucht.

Während die Medien Russlands „verzweifelte“ Teilmobilmachung kolportieren, ist eigentlich das westliche Narrativ das, welches von Verzweiflung zeugt: Das Einziehen eines Bruchteils der Reservisten, welche Soldaten sind die bereits Training und Kampferfahrung haben, wird mit schamloser Falschheit berichtet als Zivilisten die für den Volkssturm aufgeboten werden; man schwadroniert über einen möglichen Einsatz von Atomwaffen um weiterhin Angst und Hass zu schüren; und man versucht zu begründen, warum Russland seine eigenen Pipeline sabotieren würde, obgleich alle Logik auf die USA als Hauptverdächtigen deutet. Dass die Rhetorik erneut auf solche Art intensiviert wird deutet am ehesten darauf hin, dass die aussichtslose Situation verschleiert werden soll, und nicht auf einen imminenten Siegeskreuzzug der Ukraine.

Ironischerweise hat die konstante Rhetorik sowie die Attacken gegen jedweden Versuch einer objektiven Betrachtung, wie es dieser Text tut, dazu geführt dass keinerlei Pragmatismus angewendet wurde, dass man stets innerhalb einer Phantasie anstatt einer Realität agiert hat, da man die eigenen Schwächen und Verfehlungen einfach nicht erkennen wollte, und ebensowenig die Stärken des Widersachers. Der Autor dieses Textes ist kein verbissener Russland-Liebhaber oder Putin-Fan, wie manch einer sicherlich bald unterstellen wird, und vor allem er hat keine Freude oder Genugtuung am Verlust des europäischen Wohlstandes, von dem er ist schliesslich selber betroffen ist. Wie bereits im vorangehenden Beitrag „Anmerkungen zur Postmoderne (7): Realität und Erkenntnis“ dargelegt wird, bedeutet das Erkennen einer Realität nicht, dass diese dem eigenen Wunsch entspricht, oder dass sie gefällig ist. Jedoch ist das erkennen der Realität erforderlich, wenn man Probleme überwinden will, wie ein Süchtiger, der erst seine Sucht eingestehen muss, um sie zu bezwingen. Europa hat nichts davon, die eigene Situation schönzureden und die des Widersachers schlechtzureden, denn nichts davon wird an den Tatsachen etwas ändern, sondern ist lediglich eine emotionale Bewältigung der Situation. Ob es einem gefällt oder nicht, Russland hat den Krieg gewonnen und sich im Wirtschaftskrieg behauptet, und es ist an den europäischen Staaten irgendwie mit dieser Situation klarzukommen.

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