Emotion geht vor Inhalt - leider auch in der Sicherheitsdebatte

Meine Rede in der Aktuellen Europastunde des österreichischen Nationalrats am 21.09.2016 zum Thema „Schutz der österreichischen Grenzen, der EU-Außengrenzen und Sicherung von Schutzzonen – wie wird sich Österreich verhalten?“:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebes Publikum im Saal und vor den Fernsehgeräten.

Es freut mich, dass das Interesse an den nunmehr schon fast Tradition gewordenen Aktuellen Europa-Stunden so groß ist und das Politikinteresse in Österreich im Steigen begriffen ist.

Fast Tradition geworden scheint auch das Thema, mit dem wir uns zum wiederholten Male beschäftigen. Ich ver­fol­ge zwar ei­nen ganz an­de­ren An­satz als das Team Stro­nach, möch­te Ih­nen aber ger­ne mei­ne Über­le­gun­gen zu die­sem The­ma mit­tei­len:

Ich weiß nicht, wie vie­le von Ih­nen in der ver­gan­ge­nen Wo­che die Rede von Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Jean-Clau­de Juncker im EU-Par­la­ment zur Lage der EU ge­se­hen bzw. ge­hört ha­ben, hof­fe aber, dass zu­min­dest die meis­ten im Saal hier dar­über ge­le­sen ha­ben. Ich selbst fand Junckers Wor­te sehr gut und den In­halt sehr wich­tig. Er hat die wich­ti­gen The­men der Staa­ten­ge­mein­schaft auf­ge­lis­tet und sei­ne Vor­schlä­ge zu ei­ner Ver­bes­se­rung bzw. Lö­sung ge­wis­ser Her­aus­for­de­run­gen prä­sen­tiert. Au­ßer­dem hat er an die Ver­ant­wort­li­chen, meis­tens die Staats- und Re­gie­rungs­chefs, ap­pel­liert, die EU nicht im­mer zum Sün­den­bock für ei­ge­ne Ent­schei­dun­gen zu ma­chen und sich wie­der an Grund­wer­te der EU, wie zum Bei­spiel die So­li­da­ri­tät zu er­in­nern.

Kri­ti­ker ha­ben Juncker vor­ge­wor­fen, dass er zu we­nig emo­tio­nal oder emo­tio­na­li­sie­rend ge­we­sen sei. Man­che sa­gen: Er sagt zu we­nig, was an­de­re hö­ren wol­len, mehr noch: füh­len wol­len. Er gehe nicht auf die Ängs­te, die Sor­gen, die Wut und Ab­wehr ein, die viel­leicht so­gar die Hälf­te der eu­ro­päi­schen Be­völ­ke­rung der­zeit be­schäf­ti­gen. Und wenn, dann tut er dies sach­lich oder auf eine kon­struk­ti­ve Art, was bei die­sen Men­schen aber nicht an­kom­me

Ich bin al­ler­dings der Mei­nung, dass ge­nau in die­ser Kri­tik ei­nes un­se­rer Pro­ble­me liegt. Jour­na­lis­ten, aber auch Tei­le der Be­völ­ke­rung, wol­len nur mehr un­ter­hal­ten wer­den. Emo­ti­on geht vor In­halt, und je grif­fi­ger die Bot­schaf­ten und Auf­ru­fe, des­to bes­ser kom­men sie an – egal, ob sie durch­dacht, ge­schwei­ge denn durch­führ­bar sind. Haupt­sa­che, die Schlag­zei­le passt ins Klein­for­mat. Ich will das jetzt nicht mit dem Stich­wort „Po­pu­lis­mus“ zu­sam­men­fas­sen, denn die­ser Be­griff er­freut sich oh­ne­hin schon über­mä­ßi­ger Ver­wen­dung.

So kann es aber bit­te nicht sein! Eu­ro­päi­sche Po­li­tik passt nicht im­mer in zwei Zei­len und Po­li­ti­ker_in­nen soll­ten wie­der mehr die Kon­se­quen­zen ih­rer Auf­schreie be­rück­sich­ti­gen. Zwei ös­ter­rei­chi­sche Bei­spie­le, die mich dann auch di­rekt zum heu­ti­gen The­ma brin­gen, ha­ben Bun­des­kanz­ler Kern und Au­ßen­mi­nis­ter Kurz im Som­mer­loch zum bes­ten ge­ge­ben:

Der eine will ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Ka­na­da, wel­ches jetzt 7 Jah­re lang ver­han­delt wur­de und fer­tig am Tisch liegt, durch eine Mit­glie­der­be­fra­gung der ei­ge­nen Par­tei aus den An­geln he­ben. Die Art der sug­ges­ti­ven Fra­ge­stel­lung und die be­reits vor­ab mit­ge­lie­fer­te Er­klä­rung, dass man in Brüs­sel da­mit wohl mit we­hen­den Fah­nen un­ter­ge­hen wer­de, zeigt für mich, dass die gan­ze Sa­che nur eine Show zur Un­ter­hal­tung, gern auch Mo­bi­li­sie­rung der Leu­te ist, und mit se­riö­ser Po­li­tik we­nig zu tun hat.

Ähn­lich die For­de­rung nach Ab­bruch der Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei, die Kanz­ler und Au­ßen­mi­nis­ter in sel­te­ner Übe­rein­stim­mung for­mu­liert ha­ben, und da­für am hei­mi­schen Par­kett zwar Zu­stim­mung, in­ter­na­tio­nal aber durch die Bank Kopf­schüt­teln ge­ern­tet ha­ben. Au­ßen­po­li­tik für die In­nen­po­li­tik zu ma­chen, war noch nie eine gute Idee, und soll­te ge­ra­de bei uns in Öster­reich nicht auf die Ta­ges­ord­nung kom­men.

Ge­nau­so wie das The­ma der heu­ti­gen Sit­zung, wo das Team Stro­nach eine Eu­ro­pa-De­bat­te zur in­nen­po­li­ti­schen Thea­ter­ver­an­stal­tung um­funk­tio­nie­ren will.

Ich bin selbst eine höchst emo­tio­na­le Po­li­ti­ke­rin, ver­su­che mein En­ga­ge­ment aber nicht in emo­tio­na­ler, son­dern sach­lich fun­dier­ter Po­li­tik zum Aus­druck zu brin­gen.

Ich bin letz­tes Jahr im No­vem­ber, von der Tür­kei aus­ge­hend, die da­mals über­vol­le Bal­kan­rou­te ab­ge­fah­ren. Ich war an der bul­ga­risch-tür­ki­schen Gren­ze, in ei­nem Flücht­lings­la­ger in Bul­ga­ri­en, an der Gren­ze zwi­schen Ma­ze­do­ni­en und Ser­bi­en und hier kon­kret im La­ger Pre­se­vo, wo zu die­ser Zeit täg­lich 10.000 Men­schen durch­ge­gan­gen sind.

In die­sem Früh­jahr war ich an der sy­risch-tür­ki­schen Gren­ze in Ki­lis. Dort im Flücht­lings­la­ger – rund 10 km vom IS-Ge­biet ent­fernt – wa­ren 25.000 sy­ri­sche Flücht­lin­ge mehr oder we­ni­ger dau­er­haft. Da­nach war ich in Jor­da­ni­en eben­falls an der sy­ri­schen Gren­ze und 3 Wo­chen spä­ter im Li­ba­non und der Be­k­aa-Ebe­ne.

Ich war auch auf Lam­pe­du­sa, zu ei­ner Zeit im Jahr 2015, wo sich bei uns noch nie­mand für das The­ma in­ter­es­siert hat, und man glaub­te, so­lan­ge die Ita­lie­ner und da­mals auch die Grie­chen nicht lau­ter schrei­en, ha­ben wir mit dem Pro­blem nichts zu tun, ist es nicht un­se­res. Viel­leicht Eu­ro­pas, aber nicht un­se­res. Aber: Wir sind Eu­ro­pa. Wer sonst? Wer, wenn nicht wir – und zwar alle ge­mein­sam – soll die­se Pro­ble­me bit­te­schön lö­sen?

Jetzt schrei­en wir „Zäu­ne rauf“, Bal­kan­rou­te zu, zu­rück zum Zu­stand von vor 2 Jah­ren, wir wol­len mit dem Pro­blem nichts mehr zu tun ha­ben. Sol­len sich die an­de­ren dar­um küm­mern. Wel­che an­de­ren? Wer soll­te die Ver­ant­wor­tung über­neh­men?

Die­ser An­satz a la Un­garn, zu dem man als Bun­des­kanz­ler, Au­ßen­mi­nis­ter oder auch ein­fa­cher Mensch Pre­mier Or­ban aber nicht gra­tu­lie­ren darf, son­dern ihn als für eine zi­vi­li­sier­te und de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft un­wür­dig ein­stu­fen muss, löst aber kein Pro­blem! Nein, er schafft viel­mehr neue, nur eben au­ßer­halb des un­mit­tel­ba­ren In­ter­es­ses der hei­mi­schen Pres­se.

Alle, die hier Maß­nah­men beim Grenz­schutz for­dern und da­für so­gar das Schen­gen-Prin­zip zu Las­ten al­ler EU-Bür­ger_in­nen auf­ge­ben wol­len, ver­schwen­den ihre En­er­gie bei der ir­re­füh­ren­den Be­kämp­fung der Sym­pto­me. Aus mei­nen Ge­sprä­chen mit der Küs­ten­wa­che auf Lam­pe­du­sa und den Grenz­be­am­ten am Zaun zwi­schen der Tür­kei und Bul­ga­ri­en, muss ich ih­nen jetzt eine trau­ri­ge Wahr­heit mit­tei­len: Die EU-Au­ßen­gren­ze kann nicht ge­schützt wer­den, wie wir uns das als Bin­nen­land mit Gren­zen an Flüs­sen und im Hoch­ge­bir­ge vor­stel­len. Als Po­li­ti­ke­rin will ich da­her den Men­schen auch kei­ne Si­cher­heit vor­gau­keln, oder die­se for­dern, son­dern will mei­ne En­er­gie lie­ber in sinn­vol­le­re Ak­tio­nen ste­cken, die viel­leicht lang­fris­tig das ge­wünsch­te Ziel der Be­völ­ke­rung nach­hal­ti­ger er­reicht.

Ver­ste­hen sie mich rich­tig: auch ich bin der Mei­nung, als sou­ve­rä­ner Staat muss ich wis­sen, wer mein Ho­heits­ge­biet be­tritt bzw. wer sich in die­sem auf­hält. Ich bin auch für den Schutz der Gren­zen. Wir müs­sen aber ver­ste­hen, dass un­se­re Gren­ze nicht die zu Slo­we­ni­en ist, son­dern un­ser al­ler Gren­ze die im Mit­tel­meer bzw. die an der je­wei­li­gen EU-Au­ßen­gren­ze ist.

Wenn ich aber fak­tisch eine See­gren­ze nur mit der Ma­ri­ne und in letz­ter Kon­se­quenz durch das Schie­ßen auf Boo­te si­chern kann, dann ist die­ser Weg der Auf­rüs­tung der Ma­ri­ne si­cher nicht der rich­ti­ge. Ge­nau­so ver­hält es sich mit dem Zaun, der üb­ri­gens sehr gro­ße Lö­cher auf­weist, die man­gels Per­so­nal und Geld gar nicht ge­flickt wer­den kön­nen. Der Zaun al­lein hält auch nie­man­den ab, denn der kann über­klet­tert wer­den, weil oh­ne­hin das Per­so­nal zur Kon­trol­le der ge­sam­ten Län­ge fehlt.

Was ich sa­gen will: Wenn die Leu­te an der Gren­ze ste­hen, ist es zu spät, hier brau­chen wir nicht an­set­zen. Wir müs­sen viel frü­her in den Kreis­lauf ein­grei­fen und da­für sor­gen, dass erst gar nie­mand über den See­weg kom­men will. Ei­ner­seits, lang­fris­tig und aus jet­zi­ger Per­spek­ti­ve op­ti­mis­tisch be­trach­tet, weil er von nir­gend­wo flüch­ten muss. Und an­de­rer­seits, weil er viel­leicht als Flie­hen­der die Mög­lich­keit zum Asyl­an­trag in ei­ner EU-Bot­schaft in der si­che­ren Nähe sei­nes Hei­mat­lan­des be­kommt.

Hier muss un­se­re En­er­gie hin­ein­flie­ßen. Ge­mein­sam mit den EU-Part­nern Lö­sun­gen zu fin­den, wie wir die­se Auf­ga­be so­li­da­risch lö­sen. Die Her­aus­for­de­rung ist schwer ge­nug, aber dar­in wür­de aus mei­ner Sicht sinn­vol­le EU- und Au­ßen­po­li­tik be­ste­hen.

Jetzt der Ver­füh­rung des Na­tio­na­lis­mus, der Ab­schot­tung und des Ein­igelns zu er­lie­gen, und ei­gent­lich nur die Po­li­tik der Rechts­po­pu­lis­ten sa­lon­fä­hig zu ma­chen, ist der fal­sche Weg. Eu­ro­pa braucht ein Mehr an Mit­ein­an­der, Eu­ro­pa braucht ein Mehr an in­di­vi­du­el­len und auch ös­ter­rei­chi­schen In­itia­ti­ven zur Ge­mein­sam­keit. Wenn Nach­bar­staa­ten nicht ein­fach zu über­zeu­gen sind, dass auch sie ih­ren Bei­trag leis­ten müs­sen, dann müs­sen wir ge­nau hier an­set­zen und eben nicht nur der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung vor Au­gen füh­ren, war­um wir vom ge­mein­sa­men Vor­ge­hen alle pro­fi­tie­ren und sich das Ab­keh­ren da­von viel­leicht kurz­fris­tig als Er­folg an­fühlt, lang­fris­tig aber ge­nau der fal­sche Weg für uns alle ist.

Eines fällt auf: Mess­ba­re po­li­ti­sche En­er­gie wird im ak­tu­ell ne­ga­tiv ge­pol­ten Um­feld nur noch dann frei­ge­setzt, wenn es dar­um geht, et­was zu ver­hin­dern. Da­für ist lei­der auch der so hoff­nungs­voll ge­star­te­te Bun­des­kanz­ler ein Bei­spiel. Wir dür­fen aber ge­ra­de au­ßen­po­li­tisch nicht nur als Blo­ckie­rer in Er­schei­nung tre­ten, egal ob es die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei oder die Frei­han­dels­ab­kom­men mit Ka­na­da und den USA sind.

Wir müs­sen wie­der po­si­ti­ve En­er­gie in den Pro­zess Eu­ro­pa brin­gen und soll­ten als Öster­reich mit sei­nen vie­len Nach­barn im Zen­trum des Kon­ti­nents mit gu­tem Bei­spiel vor­an ge­hen. Im De­struk­ti­ven liegt kei­ne Kraft. Es wäre hilf­reich, wenn Po­li­ti­ker für das Ge­stal­ten eine eben­so gro­ße Lei­den­schaft auf­bräch­ten wie für das Ver­hin­dern.

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G. Szekatsch

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