Warum Linke das Wahlmännersystem lieben müssten

Das Wahlmännersystem der USA (Electoral College) ist für Europäer oftmals schwer zu verstehen. Anstatt einfach alle Stimmen zusammenzuzählen und dann zu sehen wer die meisten Stimmen hat werden die Stimmen gewichtet. In Wyoming werden so aus 187 000 Stimmen defakto eine Stimme. In Kalifornien hingegen werden aus 677 000 Stimmen auch nur eine Stimme. Als Einwohner von Wyoming zählt also jede Stimme mehr als Dreifache eines Einwohners aus Kalifornien. Das wirkt fürchterlich, wenn man ein (europäisches) demokratisches System gewöhnt ist.

Aber warum machte man dieses System und warum halten so viele immer noch daran fest?

Hier gilt es zu verstehen was die Amerikaner bei der Gründung ihrer Republik tun wollten. Das Ziel war nicht eine Demokratie zu erschaffen. Das Ziel war es immer eine „Constitutional Republic“ zu erschaffen, also eine Regierung die durch das Volk legitimiert ist und nach den Spielregeln einer Verfassung arbeiten würde. Die Trennung von Senat und House of Representatives ist in sich bereits nicht sehr demokratisch und das ist alles absichtlich und um zu verstehen woher dieses Skepsis stammt müssen wir in die antike Philosophie abtauchen.

Schon früh wurde festgestellt dass Regierungen einem gewissen Muster unterworfen sind, Plato beschrieb das als den „Verfassungskreislauf“

Dieser verläuft von einem edlen König der für das Volk arbeitet (Monarchie) zu einem Tyrann der nur auf sich schaut (Tyrannei). Dieser wird von einer Elite die auf auf das Volk achtet gestürzt (Aristokratie) welche zu einer Herrschaft einer selbstsüchtigen Elite verkommt (Oligarchie) welche dann durch eine edle Volksherrschaft gestürzt wird (Politie) welche dann zur Pöbelherrschaft verkommt in der alle über alles herrscht aber jeder nur auf sein eigenes Wohl achtet (Demokratie) welche dann wieder zur Monarchie führt und so weiter und so fort.

Das Ziel war es irgendwie aus dem Kreislauf auszubrechen und eines der guten Elemente (Monarchie, Aristokratie und Poltie) zu verfestigen. Die Wahl fiel auf eine Mischform aus Aristokratie und Politie, wobei die aristokratischen Elemente im Wesentlichen dafür zu sorgen hatten das aufstreben eines Monarchen zu stoppen sowie den Verfall der Politie zur Demokratie zu verhindern. Eine Löbliche Mission die aber von Haus aus zum Scheitern verurteilt war.

In der Geschichte der Menschheit haben stets bevölkerungsdichte Gebiete über die weniger dichten Gebiete geherrscht. In der Praxis bedeutete das Städte die dem Land diktierten ihr Korn in die Stadt zu liefern „oder sonst“.

Das ermöglichte es den Städter besser zu leben, was dazu führte dass die Städte immer weiter anschwollen, noch mehr Macht ausübten, das Land noch schlimmer drangsaliert wurde und noch mehr Menschen in die Städte zogen, denn war man in der Stadt, hatte man einfach mehr Macht und zählte mehr.

Das Wahlmännersystem bildet hierbei ein Gegengewicht: die natürlich (sozioökonomische) Macht(konzentration), die bevölkerungsdichte Gegenden ohnehin haben, werden so etwas vermindert. In anderen Worten: Dieses System gibt einer unterdrückten Minderheit Rechte.

Und hier beginnt die Sache witzig zu werden, denn genau das fordert die Linke ständig: Gruppen die einen systemischen Nachteil hätten müssten, via Machtumverteilung, gefördert werden.

Das Wahlmänner System ist damit genau das was Linke sonst feiern: Umverteilung von Macht. Der Grund warum Linke das aber in dem Fall anders sehen ist dass die Linke in den Städten wohnt und die Rolle der Mehrheit spielt. Ist man selber der mit dem Zeug ist Umverteilung plötzlich nicht mehr so attraktiv und wird als unfair kritisiert. Und sie haben ja auch recht.

Der Umstand dass die Städte nunmal auch die Zentren der Macht darstellen und diese Macht noch mehr Menschen anzieht ist ein natürlicher Effekt und sollte nicht künstlich manipuliert werden.

Die Art und Weise in der das Electoral College von der Linken, nicht nur in den USA, kritisiert wird ist daher zum schießen komisch, denn alle Argumente die sie vorbringen könnte man auf jede Form der Umverteilung und Fragen der „sozialen Gerechtigkeit“ anwenden.

Umverteilung ist immer Unsinn, auch wenn das Ziel noch so edel erscheint.

Demokratie ist der freie Markt der Ideen und jede Gewichtung stellt einen Eingriff in diese Freiheit dar. In Europa etwa wird um jede Stimme gekämpft. Auch die Konservativen bemühen sich um die Städter und auch die Linken um die ländliche Bevölkerung. Das führte zu gesünderen Republiken.

So edel das Ziel der Gründerväter war, eines Tages verkommt die Politie ohnehin zur Demokratie, zur Pöbelherrschaft wo alle über alles herrschen aber das Volk in ein „wir“ und „die“ gespalten ist.

Dieser Punkt ist schon vor langer Zeit erreicht worden und seither hängt das Rad fest. Wenn es sich aber beginnt zu drehen, dann rasch und unaufhaltsam weg von der Herrschaft des Volkes. Historiker werden in Jahrhunderten sagen dass das es nicht anders hätte kommen können und das System das das hätte verhindern sollen es am Ende begünstigte.

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Matt Elger

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