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„Schau Gerti... des is vom Pfarao der Postler“

Der Mann in einem dreiteiligen Trainingsanzug und mit einem mehr als Dreitagesbart grinst und dreht sich zu Gerti.

„Heast Joschi, ned so laut... des is a Museum...“ - sagt Gerti.

Genaugenommen: Die Ägyptische Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien. Meine Lieblingssammlung. Und heute ist ein guter Tag für mich, weil ich hier die Saalaufsicht habe. Ich bin einer der stolzen Ersatzkassiere deren Aufgabenbereich sich auch auf die Aufsicht über die diversen Sammlungen dieses wunderbaren Hauses erstreckt. Diesen Job bekomme ich über die „Aktion 20.000“ des Arbeitsmarktservice. Mein bester Job seit langem.

„Owa der hot a scheene Wamp´n... fost wia deine...“ Jetzt kichert Gerti. Leise.

Sebek der Postbote des Pharao ist mein bester Freund hier. Morgens, bevor ich in meine Dienstkleidung schlüpfe, die ein schwarzer Anzug ist, genauso einer wie ihn die Men in Black tragen, bevor ich die anthrazitfarbene Krawatte knüpfe, den Kragen des schneeweißen Baumwollhemdes richte und mein Funkgerät an den schwarzen Gürtel aus Leder klemme, bin ich eine Putzkraft für Vitrinen, Böden und Teppiche. Und die großen Schaukästen der Mumien.

Anfangs unheimlich: Ich sprühe entionisiertes Wasser auf die Mumienvitrinen und wische Segment für Segment bis zu dem genau über dem Kopfteil der Mumie, die mich dann für den Rest des Putzvorganges, durch ein weggebrochenes Stück der Gesichtsmaske aus einer leeren Augenhöhle anstarrt. Noch zehn Minuten später, spüre ich diesen Nicht-Blick irgendwo im Nacken. Und im Kopfkino sehe ich Boris Karloff um eine der Säulen hinter meinem Rücken schlürfen. Dann höre ich die Stimme: „He du!“

Das ist kein Kopfkino! Hinter mir ist jemand, der spricht!

„He! Du! Mit dem Putzlappen!“

Mein Mut ist nicht viel. Er reicht zum entschlossenen, ruckartigen Umdrehen. Genau hinter mir steht die Statue des Sebek-Em-Saf, Postbote des Pharao, tot seit 3700 Jahren. Und sagt - „Relax alter! Ich tu dir nichts!“

Es ist eine überaus tragische Geschichte: Sebek beklagt den Verlust seiner Füße. Kurz: Nachdem sie ihm habituell die Nase wegmeißeln, stoßen ihn irgendwelche Religionsfanatiker um, Sebek zerbricht, wird nach Jahrhunderten aus dem Sand gegraben – und kommt in zwei verschiedene Museen: Rumpf und Kopf ins Kunsthistorische Museum in Wien und die Füße ins Dublin National, die Nase wird nie gefunden.

„Weißt du, die Nase ist mir echt Blunzn!“ - Offenbar ist Sebek schon sehr lange in Wien - „Aber dieser Abguss, auf dem ich stehe... das juuuuckt!“

Also schließt Sebek diesen Deal mit mir: Er hält mir mit der Autorität eines der höchsten Beamten des Pharao den Fluch der Mumien vom Hals, insbesondere was diese rebellische Ptolomäermumie in Saal I betrifft – und ich suche dafür seine Füße. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich reitet, aber ich sage Sebek nicht, dass seine Füße genau neben ihm stehen: Sie sind eine unverkäufliche Dauerleihgabe, man kann Sebek aus rechtlichen Gründen also nicht auf seine eigenen Füße stellen. Doch Sebek hat davon keine Ahnung. Er ist aus Diorit und kann seinen Kopf keinen Millimeter bewegen. Oder die juckende Prothese kratzen. An dieser Stelle frage ich mich, wie viele Ersatzkassiere vor mir diesen Deal mit Sebek eingehen und ihn belügen, nur um vor den Mumien sicher zu sein. Armer Sebek.

Seitdem, immer wenn ich früh morgens die Ägyptische Abteilung putze und mich vergewissere dass die Hygrometer-Tussi nicht wieder in Ägypten herumschleicht, erzähle ich Sebek immer die selbe Lüge.

„Sorry, Alter, nichts neues...“ Und er antwortet: „Hurrrrrrrrrrnbock noamoi!“ Beim Verlassen der Sammlung, nach dem Putzen, muntere ich Sebek immer auf: „Relax, Alter! Neuer Tag neues Glück!“

Und beim Verlassen des Kunsthistorischen Museums Wien, nachdem mein 20-Monate Vertrag ausläuft, weihe ich meinen Nachfolger, aus einer anderen Aktion des Arbeitsamtes ein, wie er dem Fluch der Mumien entgehen kann.

Er fragt mich nur: „Du kiffst doch wie ein Maultier... oder?“

ENDE

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Markus Andel

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rigoletta

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