Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist. Von Bogumil Balkansky

Der Hl. Rochus ist bei den Stivanjani der Superstar im Festkalender. Er bewahrt einst Stivan und alle Stivanjani vor der Pest und hinterlässt sogar bei seiner wundersamen Weiterreise auf einem Felsen über der Livka Bucht einen übermenschlich riesigen Hand- und/oder (je nachdem, wen man fragt) Fußabdruck. Weswegen zu St. Rochus am 16. August seine Statue in einer Prozession getragen wird und anschließend die kollektive Megaparty startet. Früher stellen die Adeligen und Reichen die Träger, im Kommunismus machen das Nenad und einige genauso arme Stivanjani. Nenad ist mit nur drei Fingern an der rechten Hand geboren und wie seine Mit-Träger sehr gläubig. Sein Glaube hilft ihm durch die Armut und das Tragen des Hl. Rochus ist der Höhepunkt in Nenads Lebenskalender, der während meines privaten "Year of Living Dangerously", gerade 50 wird.

Der schwarze Tod

Mit dem Alkohol nimmt es Nenad nie katholisch und bekommt Kehlkopfkrebs, an dem er kurz nach dem Krieg stirbt. Doch ich weiß, dass Nenad schon vorher tot ist. Ab 1991 darf er den Rochus nicht mehr tragen, weil nun - hm - die Zeiten wieder gut und alt sind. Und man keinen Mut und Glauben mehr braucht, um den Rochus zu tragen, sondern die richtigen Vorfahren. Ob so oder anders, zumindest deutet Nenad seinen größten Schicksalsschlag und größte Kränkung eben so und nicht anders. Und beginnt so hemmungslos zu trinken, dass nicht einmal der alte Frano mithalten kann, der nicht mehr nüchtern ist, seit er damals, als junger Partisan, die Wehrmacht in der Gegend praktisch unter den Tisch säuft. Am Ende dieses Krieges, jedenfalls, sind Nenad wie Frano tot.

Nach dem Krieg suche und finde ich den Felsen des Hl. Rochus über der Livka Bucht. Als kleine Hommage an Nenad. Der Abdruck ist da. Offenbar gehört der Hl. Rochus einer Spezies an, die sich mit Hilfe recht großer Tentakel fortbewegt.

Der bunte Freund

Eines Morgens ist er einfach da und wedelt mit dem Schwanz. Er ist mager und schmutzig und weckt sofort mein Mitleid. Ich gebe ihm den Inhalt einer meiner Dosen mit Jagdwurst, die er in nur zwei Happen gierig verschlingt. Seitdem weicht der kleine, kurz später etwa 14 Kilo schwere, bunte Hund nicht mehr von meiner Seite. Weil ich sämtliche Hundenamen blöd finde, nenne ich ihn einfach "Prijatelj". Das heißt Freund. Ein Bekannter aus Milna meint, jemand hätte ihn von einer der Yachten, die selten, aber doch in der Marina festmachen, ausgesetzt. Wie er seinen Weg nach Sutivan findet, bleibt für immer ein Geheimnis.

ls mir einer der böseren Stivanjani droht, Prijatelj lebend zu häuten und seine Haut auf meine Türe zu nageln, sobald ich nach Wien abreise, investiere ich 200 Deutsche Mark um den Veterinär in Supetar zu bestechen, damit der Hund gültige Papiere und einen fiktiven Impfpass bekommt und nehme ihn nach Wien mit. Eine Recherche ergibt, dass obwohl er wie ein Produkt von hundert Vätern aussieht, tatsächlich einer Rasse von Schafhütern, den deutschen Kromfohrländern, angehört. In Wien wird er zum Zentrum des Lebens meiner Mutter und ihres Lebensgefährten. Im hohen Alter von 15 Jahren stirbt Prijatelj und seine Urne steht auf einem Regal in der Wohnung meiner Mutter. Neben dem Foto meines toten Vaters.

Der rote Mercedes

Ich muss manchmal nach Supetar, um die sprichwörtliche Tapete ein wenig zu wechseln und um Zigarettenpapier und Tabak zu besorgen, weil es das in Sutivan nicht gibt. Die sieben Kilometer gehe ich auf der alten, staubigen Straße entlang des Meeres. Hier fahren keine Autos, seit es die neue Asphaltstraße gibt und unterwegs kann ich zwischendurch ins Meer springen, mich abkühlen und unter Tamarisken eines der Biere aus meinem Rucksack köpfen. Weil es manche Stivanjani nicht lassen können, mich im Vorbeigehen zu beschimpfen und zu provozieren, bin ich immer in meinen Walkman eingestöpselt, höre den Gangstarap der Fu-Schnickens oder Hard Metal, je nach Laune auch Oldschool Reggae.

Auf halbem Weg trennt nur ein fünfzig Meter breiter Streifen Macchia die alte und die neue Straße. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen roten Mercedes, der auf der Asphaltstrecke verlangsamt und in Schrittgeschwindigkeit meiner Wanderung folgt. Das Fenster sinkt in die Türe, ein Arm wird ausgestreckt und ich blicke in den Lauf einer Pistole. Der Mann, der auf mich zielt, sagt etwas, aber ich lasse die Kopfhörer aufgesetzt und schreite langsam weiter, obwohl jede Faser meines Körpers schreit: "Lauf!" Nach zehn, fünfzehn Sekunden dieser Tortur begreife ich, dass ich längst tot wäre, wenn diese Aktion nicht als bloße Terrormaßnahme gedacht ist. Ich konzentriere mich nur auf das Gehen. "Noch fünfzig Schritte bis zum Pinienwald, noch neunundvierzig ... " Das ist der einzige Gedanke, den ich zulasse. Als ich endlich am Wald anlange, zieht der Fahrer Hand und Pistole in das Auto, kurbelt das Fenster hoch und beschleunigt. Ich kotze im Stehen das noch kühle Bier aus.

Schwarzweißgrau

Mancher fragt sich (und mich) nach der Intention dieser Geschichte(n). Sorry, aber es gibt keine. Ich erzähle nur, was ich sehe, erlebe und manchmal was ich dabei fühle. Nicht weil es etwas Besonderes wäre, sondern gerade weil es so klein und unbedeutend ist gegenüber dem, was vielen anderen heftiger und tragischer widerfahren ist. Es gibt aber auch diese Grauzone zwischen bedeutend und unbedeutend, wie es zum Beispiel mein Alltag auf einer Insel unweit des Krieges ist. Und ich bin g´rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist. Ich finde es einfach nur schade, dass wenn ich tot bin, alle diese Augenblicke für immer verloren sein sollten. Also schreibe ich sie auf.

Ach, und noch was...

Ich bin in Sutivan - und nicht bei irgendeinem serbischen Warlord - weil ich ganz ohne Partei zu ergreifen, zu urteilen oder der Idiotie des Patriotismus anheim zu fallen, meine Solidarität mit jenen zeigen will, die Teil meiner besten Jahre sind. Nicht mehr und nicht weniger.

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