Gerüchte sind tückisch. Wie das Herpes-Virus. Sie tauchen ganz plötzlich auf, obwohl sie immer da waren und verschwinden dann wieder, ohne wirklich weg zu sein. Dementieren hilft nicht viel, im Gegenteil. Um zu dementieren, muss man das Gerücht neuerlich erzählen und es nochmals weiterverbreiten. Das wirkt dann wie das Kratzen an einer Fieberblase – den Lippen-Herpes freut es. Reden wir jetzt nicht über aktuelle Gerüchte. Denken wir stattdessen ein wenig zurück. Der eine oder andere erinnert sich noch an die Dornfinger-Spinne. Vor etwa zehn Jahren tauchten in den Medien – gleichzeitig in Oberösterreich und Nordostdeutschland übrigens – immer mehr Berichte über Menschen auf, die nach einem Biss

durch diese giftige Spinne schwer krank wurden. Was die Story einerseits glaubwürdig und andererseits dramatisch machte, war die Verknüpfung mit der Klimaerwärmung. Bedingt dadurch wandere diese hochgefährliche Spinne Richtung Norden. Es fanden sich auch eine

Reihe von Experten, die das bestätigten. So nach einem Jahr war die Dornfinger-Epidemie ausgestanden. Aber warum? Ist es wieder kälter geworden? Wohl kaum. Und sollte es so sein, bliebe immer noch die Frage, wie die Menschen in Italien die letzten Jahrhunderte mit einem dermaßen gefährlichen Insekt koexistieren konnten und vor allem warum so viele Österreicherinnen und Österreicher dort freiwillig ihren Urlaub verbringen. Der französische Gerüchteforscher Jean-Noël Kapferer hat eine Erklärung: „Das Gerücht ist eine Information, die wir glauben wollen.“ Sie passt ins Konzept.

Ein älteres Beispiel: In den 50er-Jahren bemerkten sehr viele Menschen in der nordwestamerikanischen Stadt Seattle, dass die Frontscheiben ihrer Autos kleine Beschädigungen aufwiesen. Rasch waren Atomversuche als Ursache gefunden. Es entstand regelrechte Panik. Bis eine nationale Untersuchungskommission anrückte und herausfand, das Autoscheiben in Seattle genauso viele Schrammen aufwiesen, wie sie Steinchen und Asphaltpartikel überall auf der Welt verursachen. Der einzige Unterschied: Überall auf der Welt schauen Autofahrer durch die Scheiben, die in Seattle schauten aber auf die Scheiben.

Das geflügelte Wort „Kein Rauch ohne Feuer“ wird ja oft als Entschuldigung für die Verbreitung von Gerüchten herangezogen. Es bekomme aber nur dann einen Sinn, „wenn man ‚Feuer‘ die Leidenschaft und die zuweilen fruchtbare Phantasie der Augenzeugen, der Empfänger von Nachrichten und derjenigen Personen nennt, die vorsätzlich Gerüchte in Umlauf bringen“, warnt Kapferer. Also: Besser nicht kratzen, sondern kritisch hinterfragen.

Ist aber leichter gesagt als getan: Denn, so der Forscher, „Das Gerücht ist … eine gesellschaftlich annehmbare Abreaktion der verdrängten Agressivität“. Also irgendwie auch etwas Gutes.

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Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 02.01.2016 10:09:24

fischundfleisch

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