Ich hatte kürzlich die Gelegenheit einen Schüler bei der Vorbereitung zur Externistenprüfung für den Pflichtschulabschluss begleiten zu dürfen. Seit ich dies getan habe, mache ich mir wirklich ernsthaft Sorgen um die Zukunft  jener Schüler, die nach neun Jahren das österreichische Schulsystem verlassen.

Warum - nun hier meine Erfahrungen mit den Unterrichtsgegenständen:

Ein Hauptgegenstand wie Deutsch wird reduziert auf das Verfassen von Textsorten wie Lebenslauf und Bewerbungsschreiben. Alternativ wird noch das Verfassen eines Textes mit Schwerpunkt "Mein bester Freund" abverlangt. Mündlich wird Grammatik und Rechtschreibung auf sehr überschaubarem Niveau geprüft. Literaturgeschichte - nicht vorhanden, Leseliste gibt es nicht. Warum wir im umgangssprachlichen Bereich auf einem Soap-Opera-Niveau angelangt sind erstaunt mich nicht mehr. Auch das der Trend zum Zweitbuch in dieser Bildungsschicht bescheiden bleibt ist leicht verständlich.

Der prüfungsrelevante Stoff im Gegenstand Geschichte wird auf 28 Seiten komprimiert - der zweite Weltkrieg wird in 5 Seiten abgehandelt(Personen welche genannt werden: Hitler, Goebbels, Stalin, Heydrich). Die Rolle Österreichs im Dritten Reich wird nicht thematisiert, der "Opfertod" vieler tausender Österreicher in Stalingrad ist auf jeden Fall einen Absatz im Geschichtsbuch wert. Demgegenüber steht eine sehr lieblose Aufarbeitung der Rolle des Widerstands im Dritten Reich. Warum in einem österreichischen Schulbuch des 21. Jahrhunderts der kommunistische Modellarbeiter Stachanow besonderer Würdigung verlangt(inklusive Foto) ist mir nicht aufgegangen. Wie bei allen anderen Schulbüchern ist die Sprache auf einem Niveau gehalten, welches schon fast an qualifizierten Analphabetismus denken lässt.

Biologie ist vom genannten prüfungsrelevanten Stoff gerade einmal 15 Seiten wert. Der Blutkreislauf, Verdauung und Schwangerschaft und Geburt auf einem Prüfungs-Niveau welches sprachlich und inhaltlich gefühlsmäßig auf dem Level einer ambitionierten 4. Klasse Volksschule liegt. Drogenmissbrauch, Zivilisationskrankheiten, Epidemien - kein Thema welches für den Pflichtschulabschluss relevant wäre.

Das Chemie-Lehrbuch liegt auch auf dem Niveau eines Volksschul-Bilderbuchs mit vielen lieben bunten Abbildungen und sehr schlicht gehaltenen Texten. Der vom Prüfer übergebene Fragenkatalog ist definitiv nicht mit dem vorliegenden Lehrbuch zu beantworten, sondern muss im Internet recherchiert werden. Von der abgefragten Komplexität her erinnert es mich an meinen Chemie-Unterricht in der Gymnasiums-Unterstufe.

Geographie fokussiert sich auf Europa und EU(was ja logisch sein sollte) und die USA. Asien, Afrika oder der arabische geographische Raum findet nicht statt. Während Europa noch einigermaßen abgebildet wird, sind für die USA 10 augenscheinlich mehr oder weniger zufällig ausgewählte Großstädte, 15 amerikanische Konzerne, 2 Gebirgszüge und zwei Flüsse sowie augenscheinliche Urlaubseindrücke des Schulbuchautors("so viele Sorten Cornflakes im Supermarktregal";) prüfungsrelevant.

Was dem externen Beobachter nach dem erfolgreichen Abschluss der Externistenprüfung bleibt ist ein sehr schlechtes Gefühl in Bezug auf die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der glücklichen Absolventen. Ja, sie sind jetzt nicht mehr Drop-outs des österreichischen Schulsystems, sondern können zumindest den Abschluss der Pflichtschule vorweisen. Ihren Chancen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt sind aus meiner Sicht sehr niedrig anzusehen - schon das Finden einer Lehrstelle ist mit einem durchschnittlichen Pflichtschulabschluss kaum erfolgreich zu bewerkstelligen(außer man verfügt über persönliche Kontakte).

Die Kompatibilität in Bezug auf eine weitere Schullaufbahn in einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule ist auf Grund des extrem niedrigen Niveaus in den Hauptgegenständen, aber auch in den anspruchsvolleren Nebengegenständen kaum gegeben.

Ohne es statistisch belegen zu können halte ich es für evident, dass unser Bildungssystem Schüler deren Muttersprache nicht Deutsch ist, und die womöglich auch aus dem Elternhaus heraus nicht in ihrer Schullaufbahn unterstützt werden können massiv in die Einbahnstraße Pflichtschulabschluss drängt. Das diese Entwicklung für unsere Gesamtgesellschaft fatal ist, ist evident. Menschen die am Arbeitsmarkt auf Grund ihrer Ausbildung als minderqualifiziert angesehen werden sind schwer bis gar  nicht vermittelbar und daher die Arbeitslosen von morgen. Auf Basis der sehr dürftigen Mindestausbildung im österreichischen Schulsystem ist in dieser Bevölkerungsgruppe auch kaum darauf zu hoffen, dass in späteren Lebensjahren Qualifikationen oder Schulausbildungen nachgeholt werden.

Fordern und fördern, dass sollte der Anspruch an unser Schulsystem sein - die aktuelle Realität ist aus meiner eigenen Erfahrung(Vater von drei Kindern mit Reifeprüfung) sehr, sehr weit weg von diesem Ziel. Unser System fixiert die aus dem Elternhaus heraus vorhandenen sozialen Einstufungen schon in frühen Jahren durch die Wahl der Schulform und den maximal erreichten Schulabschluss. Unsere Gesellschaft hat augenscheinlich ein Faible für das Bewahren von Ungleichheiten, anstatt Kindern die Möglichkeit zu geben durch Schulausbildung einen Aufstieg aus eigener Kraft zu ermöglichen.

Demokratiepolitisch ist kritisch zu hinterfragen, ob das offensichtliche permanente Senken des Wissens-Niveaus nicht auch zur Bildung eines Wählervolks führt, welches aktuelle politische Bestrebungen und Aktivitäten in ihrer gesamten Komplexität nicht mehr verstehen kann oder will. In einer Zeit, in der Zusammenhänge und Auswirkungen von Maßnahmen  auf Grund der komplexen globalen Verflechtungen immer schwieriger zu verstehen sind eine Entwicklung in die falsche Richtung.

Als kritischer Staatsbürger sollte man auch darüber nachdenken, warum unsere Kinder ab 16 wählen dürfen, aber zumeist erst mit 18 Jahren das erste Mal politische Bildung als Unterrichtsgegenstand haben.....

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fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:15

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