Heute Morgen habe ich den Tag mit einem der berüchtigten, mehrstündigen Gespräche mit einem guten Freund begonnen. Immer nur Facebook bringt es ja nicht. Man muss auch mal laut schreien, hysterisch lachen und sich aus vollem Hals entsetzen oder energisch anklagen. Wir springen dabei munter von Thema zu Thema in dieser Untergangskomödie; es besteht ja wahrlich kein Mangel.

Ein Stichwort heute: Unterwerfung. Eigentlich ist Unterwerfung ja evolutionär keine so üble Überlebensstrategie. Man kann kämpfen und hat dann vielleicht eine Chance von 50 %, so kamen wir überein. Oder man unterwirft sich und mit etwas Glück liegt die Chance bei 90 %. Sicher, auf so Luxus wie Freiheit oder Stolz muss man dann verzichten. Aber bringt das was, wenn es ums Überleben geht?

Man stellt sich so eine Unterwerfung auch viel zu dramatisch vor. Bilder von Königen oder Heerführern, die niederkniend ihr Schwert dem Siegreichen übergeben, ziehen am inneren Auge vorbei. So wird das nicht sein. Michel Houllebecq hat in seinem Buch ja schon mal skizziert, wie das ablaufen kann. Alles geschieht schleichend, denkbar undramatisch und rational begründet. Ist halt vernünftiger so.

Tatsächlich hat der Prozess der Unterwerfung längst begonnen. Wir trotten hinter der rotgrün schimmernden Fahne der Toleranz hinterher und singen Loblieder auf unsere moralische Überlegenheit. Aber bald wird es richtig losgehen, und – wie es sich für eine Gesellschaft wie die unsrige gehört – werden die Medien da eine Schlüsselrolle spielen.

Wir kennen ja schon die gebetsmühlenartig wiederholten Parolen von der Religion des Friedens, die unzweifelhaft zu unserem Land gehört. Das ist alles noch sehr grob und hat wenig Relevanz für das Leben des einzelnen. Aber bald werden die Frauenmagazine das Tragen des Kopftuches für en vogue erklären. Influencer auf Instagram werden sich bemühen, einen neuen Trend auszulösen. In der Mainstream-Presse werden wissenschaftliche Untersuchungen auftauchen, die beweisen, dass Halal-Schlachtung für die Tiere stressfreier und das Fleisch daher gesünder ist. In Magazinen wie Men’s Health werden wir über die potenzsteigernde Wirkung der Beschneidung informiert und irgendwann werden sich Experten finden, die uns erklären, dass eine Schwangerschaft bei unter 20-jährigen die wahre Erfüllung des Mutterglücks ist.

Wir werden uns unterwerfen im Namen von Toleranz, Wissenschaft, Modetrends und Glücksverheißungen. Alles ganz unspektakulär und viele werden das gar nicht bemerken. Die Unterwerfung wird – in Anlehnung an Hannah Arendts Betrachtungen über das Böse – in unsere Realität kriechen, mit der Banalität des „gesunden Menschenverstandes“ und der offenkundigen Notwendigkeit, „seine Pflicht zu tun“. Und irgendwann ist es nur ein ganz kleiner Schritt zu konvertieren. Wird sich bestimmt auch beruflich auszahlen. Ich sehe schon die entsprechenden Artikel im Manager Magazin.

Zurück zum Telefonat. Während wir so unsere begründeten Vorstellungen ausspannen, fiel mir wieder ein, was ich gestern über „Familien“ geschrieben hatte. Ich bin überzeugt, Menschen in intakten Sozialstrukturen, Familie, Gemeinde, Verein, Dorf etc., unterwerfen sich nicht so leicht. Sie sind ja gewissermaßen „eingekittet“ in eine soziale Matrix und müssten sich erst mal daraus lösen. Ganz unspektakulär: Eine Tochter, die plötzlich mit Kopftuch rumläuft oder ein Sohn, der auf Halal Fleisch besteht, wird mit Befremden und Widerstand rechnen müssen.

Die Sozialstruktur mit ihrem Wertesystem bietet also eine Art Schutzwall. Sie ist vergleichbar mit einem Immunsystem gegen kulturfremde DNA. Nicht unüberwindlich, aber immerhin…

Leider, so mein Verdacht, sind wir schon länger an einer Art kulturellem AIDS erkrankt, das dieses Immunsystem geschwächt und sturmreif geschossen hat. Seit Jahrzehnten erleben wir die Demontage der Familie, lauschen wir dem Hohelied der Individualisierung, vereinzeln die Menschen immer mehr und belegen mittlerweile ein Drittel aller Wohnungen mit Single Haushalten. Auch diese Entwicklung wurde medial promoted, von Sex in the City bis zu den allfälligen Ratgebern über die perfekte Beziehung und dass es besser sei, diese weiter zu suchen. „Du, du …. bist es wert … nur das Beste ist gut genug für dich. Optimiere dein Leben bis zum Maximum. Wirf sozialen Ballast ab, bleibt unabhängig und beweglich“, so tönt es uns seit Jahren entgegen, damit die Wirtschaft boomt.

Ja, so ist es, denke ich. Man unterwirft sich nicht einfach so. Schon im Mittelalter kam vor der Unterwerfung das sturmreif Schießen. Und da wurde ganze Arbeit geleistet. Wäre ich ein Verschwörungstheoretiker, würde ich mich vor dem perfiden Genius, der das geplant und durchgezogen hat, verneigen.

Aber das spielt nun keine Rolle mehr. In dem Sinne „Happy Unterwerfung“. Es tut nicht weh und ist nicht so viel anders, als das was ihr schon kennt.

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