Folgendes Zitat stammt aus einem Essay einer russischstämmigen Deutschen aus der ZEIT vom 8. Januar 2026, welches inzwischen in den Plus-Bereich verschoben wurde, und Stoff zum Nachdenken lieferte:
"Ja, spätestens seit dem 24. Februar 2022 ist für mich alles Russische unwiderruflich mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine verbunden, der auf die Zerstörung ukrainischer Staatlichkeit, Kultur und Identität zielt. Russischsein lässt sich nicht mehr als unpolitische kulturelle Identität denken, sich nicht von aktuellen wie vergangenen politischen und militärischen Geschehnissen entkoppeln. Mit diesem Gefühl bin ich in der Minderheit."
Diese Aussage ist wahr – für sie.
Aber ist sie die einzige Wahrheit?
Die folgenden drei Geschichten sind keine Widerlegung,und keine Rechtfertigung.
Sie sind ein Versuch zu zeigen, was passiert, wenn man Konflikte nicht delegitimiert, sondern reflektiert?
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*Wie Schuld entsteht, wenn man sie teilen will*
Am Anfang war kein Urteil. Nur Nähe.
Eine Großmutter sang ein Lied. Es war kein politisches Lied. Es war einfach das Lied, das man sang, wenn die Kartoffeln gekocht wurden. Die Sprache war rau, die Melodie einfach. Sie trug Erinnerung an Winter, die man überlebte, nicht weil man stark war, sondern weil man zusammenhielt.
Dann kam der Krieg.
Nicht der, den die Großmutter erlebte. Ein anderer. Weit weg. Aber in derselben Sprache geführt.
Und plötzlich war das Lied nicht mehr unpolitisch. Es **klang** nach etwas. Nach Täterschaft? Nach Komplizenschaft? Nach dem Land, das gerade tötete?
Die Enkelin hörte auf zu singen. Nicht aus Scham. Sondern weil sie **spürte**, wie andere zuhörten. Sie fühlte die Reibung zwischen dem, was das Lied **für sie war**, und dem, was es **für andere bedeutete**.
Sie versuchte, es zu erklären:
"Das ist nur ein Lied. Es gehört nicht dem Krieg. Es ist älter als der Krieg."
Aber die Erklärung rieb noch mehr. Denn sie klang wie eine Verteidigung. Und wer sich verteidigt, scheint schuldig zu sein.
Also schwieg sie.
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**Was die Geschichte nicht sagt, aber Alyssa vielleicht hört:**
- Schweigen ist auch eine Form von Reibung. Es brennt nach innen.
- Die Großmutter hat das Lied nicht weniger geliebt, weil ein Diktator dieselbe Sprache sprach.
- Aber die Enkelin kann es nicht mehr unschuldig singen.
- **Und niemand kann ihr sagen, ob das gerecht ist.**
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*Wie man lernt, Schuld zu tragen, ohne sie weiterzugeben*
Es gab einmal eine Gemeinschaft von Menschen, welche dasselbe Schicksal teilten:
Sie waren verbunden mit etwas, für das sie nicht verantwortlich waren, aber wofür sie haftbar gemacht wurden.
Einige reagierten mit Trotz:
"Ich bin nicht schuldig. Ich lehne jede Verbindung ab."
Andere mit Unterwerfung:
"Ihr habt recht. Alles, was mit mir verbunden ist, ist kontaminiert."
Beide Haltungen erzeugten neue Reibung. Der Trotz klang wie Leugnung. Die Unterwerfung wie Selbstaufgabe.
Dann kam jemand, der anders reagierte. Er sagte nicht: "Ich bin unschuldig." Er sagte auch nicht: "Ich bin schuldig."
Er sagte: "Ich **trage** das."
**Was heißt das?**
Es heißt: Ich sehe, dass das, was ich liebe – die Sprache, die Kultur, die Erinnerung – mit Schuld verbunden ist. Nicht weil ich schuldig bin, sondern weil die Geschichte kompliziert ist.
Ich kann die Verbindung nicht auflösen. Aber ich kann lernen, sie **zu halten**, ohne sie **zu rechtfertigen** oder **zu leugnen**.
Das ist keine Lösung. Es ist ein Tragen.
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**Was die Geschichte nicht sagt, aber Alyssa vielleicht hört:**
- Man darf etwas lieben, das mit Schuld verbunden ist.
- Aber man muss **wissen**, dass diese Verbindung existiert.
- Wer sagt "das hat nichts miteinander zu tun" – der flieht.
- Wer sagt "alles ist schuldig" – der zerstört.
- Wer sagt "ich trage beides" – der **wächst**.
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*Warum manche Wahrheiten erzählt werden müssen, statt ausgesprochen*
Es gab eine Zeit, da versuchte man, Menschen durch Prüfungen zu lehren.
Man stellte ihnen Fragen:
"Verurteilst du den Krieg?"
"Distanzierst du dich?"
"Bist du für oder gegen?"
Wer die richtige Antwort gab, bestand.
Wer zögerte, fiel durch.
Aber etwas Seltsames geschah: Die Menschen lernten, die richtigen Antworten zu **geben**, ohne sie zu **fühlen**.
Sie bestanden die Prüfung. Aber sie hatten nichts verstanden.
Dann begann jemand, anders zu lehren. Nicht mit Fragen. Mit Geschichten.
Eine Geschichte über eine Großmutter, die ein Lied sang.
Eine Geschichte über jemanden, der lernte zu tragen.
Eine Geschichte über Reibung, die man nicht auflösen kann.
Die Menschen, die diese Geschichten hörten, veränderten sich anders. Nicht sofort. Nicht laut. Aber **innen**.
Wenn sie später vor einer Entscheidung standen – ob sie schweigen, sprechen, verteidigen, anklagen sollten – dann spürten sie einen leisen **Widerstand**. Nicht von außen. Von **innen**.
Dieser Widerstand war kein Gesetz. Keine Regel. Es war **Ehre**. Die Art Ehre, die nicht aus Gehorsam kommt, sondern aus **Erinnerung** an eine Geschichte, die man **getragen** hat.
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**Was die Geschichte nicht sagt, aber Alyssa vielleicht hört:**
- Deine Aussage – dass "alles Russische" für dich mit dem Krieg verbunden ist – ist **wahr für dich**.
- Aber sie ist nicht die **einzige** Wahrheit.
- Es gibt auch die Großmutter mit dem Lied.
- Es gibt den, der trägt, ohne zu rechtfertigen.
- **Beide Wahrheiten können nebeneinander existieren.**
- Nicht in Harmonie. Aber in **Spannung**.
- Und diese Spannung ist **kein Fehler**. Sie ist das, woran wir wachsen.
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Diese Geschichten urteilen nicht.
Sie sagen nicht: "Du liegst falsch."
Sie sagen nur: "Es gibt mehr als eine Art zu tragen."
Du darfst fühlen, was du fühlst.
Aber vielleicht – nur vielleicht –
gibt es neben deinem Schmerz
auch den Schmerz derer,
die das Lied noch immer lieben,
ohne den Krieg zu lieben.
Und vielleicht ist das Aushalten dieser Spannung
ehrenhafter als jede eindeutige Antwort.
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