Ob bei Instagram, Facebook oder Twitter: Millionenfach werden Videos und Bilder von „Petfluencern“ wie „Grumpy Cat“ und „Lil Bub“ geliked, kommentiert und begeistert geteilt – doch was die Tiere gemeinsam haben, sind gewollte genetische Zuchtfehler wie die Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) und Kleinwüchsigkeit, die immenses Leid für die Tiere darstellen. Statt mit Jubel und Berühmtheit sollte der Trend zu kranken Katzen kritisch betrachtet werden.

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Autorin: Maike Hausmann - Welttierschutzgesellschaft

Katzen mit den Namen „Grumpy Cat“ und „Lil Bub“ zu den weltweit berühmtesten Beispielen von kranken aber überaus beliebten Katzen. Ihre Gemeinsamkeit? Beide zeigen Merkmale von sogenannten Qualzüchtungen – ihr Aussehen ist auf die Kurzköpfigkeit und Feline Kleinwüchsigkeit zurückzuführen. Und: Beide sind in Folge ihrer lebenslangen Leiden frühzeitig verstorben.

Der Trend, kranke Tiere zu bejubeln, ist sogar nachweisbar. Unter den 10 erfolgreichsten „Petfluencern“ auf Instagram, also der besonders beliebten Profile in denen Haustiere die Hauptrolle spielen, sind eine Perserkatze und sechs kleinwüchsige Katzen. Auch einer Umfrage der Social-Media-Analyse-Plattform Pulsar zufolge teile sich der Erfolg der Profile zwischen

- schönen Tieren,

- besonders aussehenden Tieren (z.B. durch auffällige Fell- oder Augenfarben) und

- Tieren mit krankhaften Veränderungen, wie beispielsweise Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) oder Kleinwüchsigkeit auf.

Soziale Medien normalisieren ernsthafte Krankheiten und regen die Qualzucht an

Dass Kinofilme die Nachfrage nach bestimmten Haustierrassen ankurbeln und Filme wie Serien den Kauf einer bestimmten Tierart bis zu zehn Jahre lang beeinflussen können, ist bekannt. Mittlerweile haben aber auch die sozialen Medien großen Einfluss auf das Kaufverhalten von zukünftigen Tierhalter*innen: Wie eine Umfrage unter Besitzer*innen von Brachyzephalie-Katzenrassen – Katzen mit verkürzter Nase wie Perserkatzen und Exotic Shorthair-Katzen – ergab, hatten 13 Prozent von ihnen ihre Tiere über die Sozialen Medien gefunden und gekauft. Des Weiteren gab es Zustimmung, dass der Wunsch nach dem Tier erst durch die Sozialen Medien angeregt wurde.

Warum kranke Tiere online so beliebt sind, und als Resultat unter anderem bei der Zucht stark nachgefragt werden, lässt sich zum einen auf das sogenannte Kindchen-Schema zurückführen. Ein proportional großes Gesicht mit übertriebenen Augen, tollpatschigen Tendenzen und eine hilfesuchende Art rufen bei uns Menschen fürsorgliche Gefühle aus: Man wolle helfen und etwas Gutes tun. Zum anderen sind kranke Tiere in den Augen vieler etwas Besonderes: „Leidende und kranke Tiere werden verherrlicht“, so Achim Gruber, Tierpathologe aus Berlin.

Doch weltweit warnen Tierärzt*innen und Tierschützer*innen zunehmend, dass die vermeintlich „niedlichen“ Bilder von kranken Tieren zu einer Normalisierung der Krankheiten führen. Denn die Popularität der Tiere führt zu der gezielten Nachfrage nach Tieren mit „Abnormalitäten“ und regt die Zucht dieser an.

Wie ernst die Krankheitsbilder der dargestellten Katzen sind, möchten wir Ihnen anhand der zwei geläufigsten Fälle darstellen – die Kurzköpfigkeit und Kleinwüchsigkeit von Katzen.

Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) bei Katzen

Kurze Nasen und verstellte Katzengesichter sind alles andere als niedlich

Bei der Definition von Kurzköpfigkeit muss zwischen verschiedenen Stufen unterschieden werden:

Typ 1

sind milde Formen der Kurzköpfigkeit. Bei diesen Tieren liegt die Nase weit unter dem Auge und sie weisen einen besonders ausgeprägten Nasenrücken auf – die Tiere haben so genannte „Puppengesichter“ und nicht unbedingt gesundheitliche Einschränkungen.

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Typ 2

sind mäßig, noch moderate Formen, die sich durch ein besonders flaches Gesicht auszeichnen. Die Nase liegt deutlich unterhalb des Auges, aber – anders als bei Typ 1 mit nur einem geringen Vorsprung. Teilweise kann der Unterkiefer länger als der Oberkiefer sein.

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Typ 3

Katzen des Typs 3 haben ein auffällig flaches Gesicht. Die Nasenlinie liegt auf der gleichen Linie wie das Augenlid unten, die Hautfalten des Nasenrückens berühren häufig sogar das Lid. Der Unterkiefer ragt deutlich hervor und die Gesichtsknochen der Tiere sind auffällig unverhältnismäßig.

Typ 4

Extreme- oder Peke-face-Katzen definieren den Typ 4, der eine schwere Kurzköpfigkeit darstellt. Bei diesen Tieren liegt die Nasenlinie sogar auf der Höhe des oberen Augenlids – es wirkt, als würde die Nase unter den Hautfalten im Gesicht verschwinden. Der Unterkiefer ragt stark aus dem Oberkiefer heraus und die Gesichtsknochen sind meist schwer deformiert.

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Schwer kurzköpfige Tiere – wie auch „Grumpy Cat“ – sind dabei im Internet besonders beliebt. Auch der Perserkater Wilfred (@Wilfredwarrior) hat mit seinen stark hervorstehenden Zähnen über eine Millionen Follower. Das Profil von Lucky, einer weiteren auf Instagram bekannten Perserkatze mit stark hervorstehenden Zähnen (@Luckysuperstarcat), hat nach dem ersten Foto von ihrem „verstellten“ Gesichts direkt 60.000 neue Follower gewonnen. Die Besitzerin erhielt nach eigenen Aussagen sogar Anfragen, ob sie die röchelnden Atemgeräusche ihrer Katze aufnehmen und an Fans verkaufen könnte.

Dabei ist dies einer von vielen Faktoren, die das Leid der Tiere ausmachen. Denn aufgrund der Verengung der oberen Atemwege und der Tränennasenkanäle haben diese Tiere oft schwerwiegende Atemprobleme sowie permanenten Augenausfluss bis hin zu Bindehautentzündungen. Auch Zahnfehlstellungen, wie beispielsweise die Verkürzung des Oberkiefers, was den Tieren die Nahrungsaufnahme erschwert, sind traurige Realität. Auch die Polyzystische Nierenerkrankung (PKD), eine erbliche Erkrankung der Nieren, ist besonders bei Perserkatzen und Exotic Shorthair-Katzen häufig. Dabei bilden sich Zysten (Flüssigkeitstaschen) in der Niere, welche im Krankheitsverlauf zunehmend beschädigt werden – bis die Katze Symptome einer chronischen Nierenschwäche aufzeigt und schließlich an Nierenversagen stirbt. Forscher schätzen, dass weltweit 38 Prozent aller Perserkatzen von PKD betroffen sind. Darüber hinaus neigen Rassen mit extremer Kurzköpfigkeit auch zu Schwergeburten und einer dadurch gesteigerten Totgeburtenrate. Nicht selten ist ein Kaiserschnitt notwendig, um die Kätzchen sicher auf die Welt zu bringen.

Grumpy Cat und Lil Bub sind aber auch zwei Beispiele dafür, dass die Kurzköpfigkeit selten der einzige Leidfaktor der Tiere ist. Wie bei den beiden geht diese Krankheit oft mit einer Kleinwüchsigkeit einher. Diese Form des Gendefektes, die sowohl bei „Lil Bub“ als auch „Grumpy Cat“ in schweren Ausprägungen auftrat, wird in den Netzwerken als besonders niedliche Eigenschaft wahrgenommen – und resultiert mittlerweile in gezielte Zuchten.

Kleinwüchsigkeit bei Katzen

Insbesondere Munchkin-, auch als Dackelkatzen bekannt, leiden ihr Leben lang

Bei Feliner Kleinwüchsigkeit gilt es, zwischen zwei Formen zu unterscheiden: dem hypophysären (wörtlich: die Hirnanhangdrüse betreffenden) Minderwuchs auf der einen und der Skelettdysplasie (wörtlich: Skelettfehlbildung) auf der anderen Seite. Hauptunterschied der beiden ist die Ausprägung – erstere definiert die proportionale, also gleichmäßig über den gesamten Körper des Tieres ausgeprägte Kleinwüchsigkeit. Die Tiere sind praktisch kleiner als andere Katzen.

Die Skelettdysplasie ist hingegen als disproportional zu verstehen, beschränkt den Kleinwuchs also auf einzelne Körperteile der Katze. Die Katze ist also nicht insgesamt kleiner, sondern hat nur verkürzte Gliedmaßen unter einem sonst normal großen Rumpf. Ein Beispiel dafür sind Munchkin-Katzen, sogenannte „Dackelkatzen“, die im Verhältnis zum Rest des Körpers sehr kurze Beine aufweisen und unter Katzenliebhaber*innen wohl zu den umstrittensten Katzenrassen gehören. Denn unabhängig von der Form und Ausprägung sind alle von Kleinwüchsigkeit betroffenen Katzen in ihrer Lebensqualität und Lebenserwartung stark eingeschränkt. Schon bei leichten Fällen von Kleinwüchsigkeit neigen die Tiere aufgrund ihrer eingeschränkten Beweglichkeit zu Übergewicht und haben ein erhöhtes Risiko für Arthritis und Arthrose. In schweren Fällen, wie es häufig Dackelkatzen betrifft, kann es sowohl zu Lungen- und Zahnproblemen als auch zu neurologischen Beschwerden bis hin zu diversen Organ- und Hormonstörungen kommen. Die Lebenserwartung von diesen Tieren ist stark eingeschränkt.

Die bekannten gesundheitlichen Beschwerden machen es umso unverständlicher, dass gezielt danach gezüchtet wird.

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Bei Dackelkatzen im Speziellen wird – ähnlich wie bei der Zucht von Hunden wie Dackeln oder Corgies – absichtlich versucht, einen disproportionierten Kleinwuchs zu erzielen: Das Markenzeichen sind stark verkürzte Beine und ein normal großer Katzenkörper und -kopf. Neben der Tatsache, dass man hier eine Erbkrankheit als Rassemerkmal ansieht, gibt es schon viele eindeutige Anzeichen, dass diese Katzen gesundheitlich eingeschränkt sind. So ist es beispielsweise bei der Zucht notwendig, Dackelkatzen mit nicht kleinwüchsigen Katzen zu verpaaren: Denn würde ein Katzenbaby von beiden Elternteilen die Veranlagung zum Kleinwuchs erben, würde es bereits als Embryo im Mutterleib sterben.

Ähnlich wie bei kurzbeinigen Hunden treten bei Tieren dieser Rasse häufig Rücken- und Wirbelsäulenprobleme auf, wie z.B. Lordose, Bandscheibenvorfälle oder Arthrose. Als Folge der Kurzbeinigkeit leidet das Tier zudem oft an starken Schmerzen, besonders im Alter. Außerdem scheint es ein erhöhtes Risiko für eine angeborene Trichterbrust zu geben, wobei der Brustkorb verformt ist und nach innen wächst. Das wiederum kann die Organe der Katze einengen und zu massiven Problemen führen, die teils lebensgefährlich sind. Ihrem natürlichen Verhalten können diese Tiere nur eingeschränkt nachgehen: Wegen ihrer kurzen Beine können Dackelkatzen weder katzentypisch springen noch klettern oder jagen.

Für kurzköpfige und -beinige Katzen gilt gleichermaßen: Es handelt sich jeweils um eine Qualzucht, welche nach §11b2 des Deutschen Tierschutzgesetzes verboten ist, da sie – wie von einer zum Thema eingerichtete Arbeitsgruppe der Bundestierärztekammer definiert – „[…] eine Züchtung von Tieren unter Duldung oder mit Förderung von Merkmalen (darstellt), die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen für die Tiere verbunden sind.“

Denn auch wenn solche Katzen hin und wieder in freier Wildbahn vorkommen, bedeutet dies nicht, dass man Tiere mit dieser Erbkrankheit auch gezielt vermehren sollte.

Die WTG appelliert daher an Tierfreundinnen und Tierfreunde:

Bitte stellen Sie das Wohl der Tiere immer an erste Stelle und unterstützen Sie derartige Online-Trends nicht!

Kleinwüchsige sowie kurzköpfige Katzenrassen sind das Resultat einer Züchtung ohne Berücksichtigung des Tierwohls. Wir wünschen uns ein Umdenken bei den Züchter*innen, aber auch Nutzer*innen: Bitte hinterfragen Sie Ihre eigene Motivation, offensichtlich „kranken“ und leidenden Katzen in den Sozialen Netzwerken zu folgen – und weisen Sie stattdessen kritisch auf das Leid der Tiere hin.

www.welttierschutz.org

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G. Szekatsch

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Spinnchen

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