Stress und Burnout sind heutzutage Begriffe, die in der öffentlichen Diskussion inflationär verwendet werden. In der Auseinandersetzung mit dem Thema stehen psychische Erkrankungen im Fokus und hindern somit häufig die Sicht auf die Kehrseite der Medaille: Wer aktiv die Gesundheit fördern will, sollte dieses Ziel auch formulieren und sich nicht ausschließlich auf die Vermeidung psychischer Erkrankungen beschränken. Viele Betroffene meiden bis heute, ihre Krankheit mit Kollegen und Freunden zu diskutieren. Was gilt denn nun tatsächlich als psychisch krank? Nach der Definition des ICD-10, Kap. V. ist jemand psychisch krank, wenn häufige, intensive und lang andauernde Normabweichung des Erlebens, Befindens und Verhaltens stattfinden. Dies deutet dann auf eine psychische Erkrankung hin. Diese Erkrankungen werden in der Internationalen Klassifikations-Liste der Krankheiten (ICD) als Psychische und Verhaltensstörungen beschrieben. Dort finden sich Krankheitsbilder, wie Depression, manisch-depressive Erkrankungen, Angststörungen und andere Persönlichkeitsstörungen. Diese Krankheiten bedeuten für den Betroffenen Leid, Angst, Verunsicherung, sowie einem gewissen Verlust an Freiheit. Vor allem länger andauernde Krankheitszustände, die nicht betreut werden, können bei Betroffenen zu einer Einschränkung der Lebensqualität in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Freizeit führen.

Die Verknüpfung von psychischer Belastung und Erkrankung ist ein wechselseitiger Prozess. Wenn ein Mensch psychisch krank ist, können die Ursachen hauptsächlich in der Person selbst liegen, aber auch im privaten oder beruflichen Umfeld. Eine Depression stellt beispielsweise einen Stress-Faktor dar, der die Leistungsfähigkeit einer Person am Arbeitsplatz beeinträchtigt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Anzeichen frühzeitig zu erkennen. Wenn psychische Erkrankungen nicht rechtzeitig behandelt werden, tritt eine Verschlechterung ein, und sie könnten langfristig chronisch verlaufen. Problematisch wird es allerdings, wenn Betroffene nicht rechtzeitig bemerken, dass sie anders fühlen oder erleben. Eine Begründung dafür könnte sein, dass sie diese Verschiebungen bereits viele Jahre erleben. Wenn Betroffene bereits älter sind, so haben sie bereits Routinen und Muster erlernt, mit denen sie in der Vergangenheit verdrängen konnten, was sie fühlen oder erleben. Es hat sie vermutlich auch schon damals blockiert, aber sie suchten verzweifelt nach Strategien, die den Schmerz, das Leid, den Leidensdruck oder die Gefühle linderten, die sie in ihrem Alltag blockierten oder belasteten. Psychologische Literatur gibt es wie Sand am Meer und Erkenntnisse darüber ebenso. Die Psychologie basiert meist auf vielen Theorien, allerdings sieht eine psychische Schräglage in der Praxis meist ganz anders aus und ist nicht mit einer Kurzzeit-Recherche zu bekämpfen. In der heutigen Gesellschaft sind sehr viele Menschen durch eine Depression gehemmt oder erleben ein Burnout. Andere haben eine posttraumatische Belastungs- und Anpassungsstörung. Soweit wie die Liste der heutigen eingetragenen möglichen psychischen Krankheiten reicht, soweit reicht leider ebenso die Anzahl derer, die betroffen sind oder im unmittelbaren Kreis Betroffene haben, und somit die Auswirkungen miterleben. Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist an der Stelle gewiss, wie es sein kann, dass immer mehr Menschen an psychischer Erschöpfung erkranken oder an einer Depression leiden.

Im Kern kann man wohl sagen, dass die Beschleunigung und Überreizung des Lebens und den Erwartungen an Leistung, Gewinnmaximierung, dem höchst möglichem Nutzen und der Disziplin, vermutlich über kurz oder lang, eine Krankheit unausweichlich machen, denn die Menschen der heutigen Zeit haben häufig die Fähigkeit, sich im gleichen Tempo daran anzupassen. So richtig ungesund wird es, wenn keine Zeit zur Einstellung oder Gewöhnung bleibt. Vor einigen Jahren habe ich eine Studie zum Thema Work-Life Balance durchgeführt, die sich damit befasste, inwieweit die Menschen an Ihrem Arbeitsplatz zufrieden sind, was sie bemängeln, und ob sie den Eindruck haben, zufrieden mit und in Ihrem Leben zu sein. Damals empfand ich das Ergebnis dieser Querschnitt-Studie als sehr ernüchternd, denn die Mehrheit der Befragten (127 Insgesamt), teilten mit, dass sie erschöpft seien, zu viel Arbeit auf eine Person verteilt würde, fast alle um Ihre Existenz bangen, wenn sie dieses an den Chef herantragen würden, und dass etwa ¾ der Befragten ihre Stimmung und ihr Wohlbefinden als „nicht zufriedenstellend“ einschätzten. Hinzu kam, dass etwa ¾ ebenso sagten, dass sie nicht glauben würden, eine gesunde Work-Life Balance zu haben. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird darüber bereits diskutiert, dass die psychischen Erkrankungen und Langzeit-Erkrankungen zunehmen und dennoch werden daraus augenscheinlich nicht in allen Gesellschaftskreisen die Richtigen Schlüsse gezogen.

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