„Was denkst du über Paris?” „Was sagst du zu den Terroranschlägen in Paris?“ „Was hältst du von den Reaktionen zu Paris?“ Eine Woche ist der Terroranschlag in Paris nun her – und ich bin es leid. Auf die vielen Fragen, die auf mich als Europäerin in Kolumbien ständig einprasseln versuche ich so leise und bedächtig wie möglich zu antworten: „Ich versuche noch alles zu verarbeiten, “ sage ich, oder „die Ereignisse haben uns alle erschüttert.“ Was soll man auch sagen, wenn man gerade das Gefühl hat, dass einem der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Wenn der Kontinent, den man immer stolz als sichersten Ort der Welt anpreist, plötzlich genau wie der Rest der Welt, sich mit sinnlosen Anschlägen auseinandersetzen muss. Ich denke auch, dass so ein Ereignis Zeit braucht, bis man es verarbeiten kann. Bis ich es verarbeiten kann. Bis ich überhaupt eine informierte Meinung dazu haben kann. Bis die Betroffenen Zeit hatten zu trauern. Doch während Bürger und Betroffene die Ereignisse noch irgendwie versuchen zu verstehen, haben Politiker anscheinend schon 2 Stunden nach dem Anschlag die Lösungen: Krieg und mehr Überwachung. Bei solchen Wortegewalten bin ich es einfach leid, bedächtig zu antworten – hier muss mal Klartext geredet werden.

#Paris: Ich bin es leid

Ich bin traurig und sauer! Wer ist es nicht? Einige meiner Freunde haben Freunde und Verwandte in dem Anschlag verloren. Ich lese denherzerschütternden Brief eines Familienvatersan die Attentäter und muss weinen. Ich sehe wieein deutscher MusikerJohn Lennons „Imagine“ für die Pariser an den Orten der Anschläge spielt – und muss weinen. Ich denke daran, wie mein Vater zum nächsten Fußballspiel ins Stadion gehen wird und habe Angst. Ich bin sauer, dass meine Mutter mir sagt, ich soll ihr eine SMS schicken, wenn ich vom Konzert wieder nach Hause komme. Ich bin nicht sauer auf meine Mutter, sondern auf die Umstände. Auf die Tatsache, dass ein einfacher Konzertbesuch ihr Sorgen bereitet. Auf die Tatsache, dass ein normales Heimspiel Angst in mir auslöst. Doch das alles gehört, denke ich, zum normalen Verarbeitungsprozess. Es dauert eine Weile, bis wir ein tragisches Ereignis verarbeiten können – und vielleicht werde ich es nie verstehen, warum sich junge Menschen dazu entschließen, sich selbst und andere in den Tod zu sprengen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich kaum jemand Zeit nimmt, das Geschehene zu verstehen und einzuordnen.

Ja, eine Gruppe von ISIS Anhängern hat mehrere Bombenanschläge in Paris verübt. Ich verstehe sogar den Drang, darüber so viel Informationen so schnell wie möglich zu verbreiten. Doch jetzt, eine Woche nach den Anschlägen sprechen wir immer noch darüber wie schnell oder langsam eine Nachricht im Fernsehen gesendet wurde, ob man für Paris beten darf oder ob die Toten von Beirut mehr oder weniger wert sind als die Toten von Beirut. Auch wenn ich all diese Fragen nachvollziehen kann – ist das jetzt wirklich wichtig, wie jemand seine Trauer ausdrückt? Auch wenn natürlich die Medien ihre Arbeit reflektieren sollten, darf das doch nicht das Hauptgespräch werden! Was ist also wichtig?

Frankreich steht in der Verantwortung

Warum regen sich viel zu wenige darüber auf, dass der französische Präsident Hollande mal eben den Kriegszustand erklärt hat?! Bin ich die einzige, die an den 11. September 2001 denkt, als George W. Bush die Welt in eine gute und böse Achse teilte und mal eben allen Muslimen dieser Welt den Krieg erklärte? Da war Europa aufgebraucht! Die USA sind doch selbst für diese Anschläge verantwortlich, sagten viele. Was haben sie denn nach so vielen Jahren des Imperialismus' im Nahen Osten erwartet? Und Frankreich? Jahrhunderte des Kolonialismus. Diskriminierung der Einwanderer im eigenen Land. Kaum Perspektiven für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Die einzige wahre Perspektive ist für viele das Gefängnis.70% der Inhaftierten in Frankreichs Großstädten sind Muslime. Muslime haben in Frankreich schlechtere Jobaussichten, werden systematisch diskriminiert und ihre Religion als Angriff auf die französische Verfassung gesehen. Ist es da verwunderlich, dass sich etliche radikalisieren?

Die Pariser Attentäter waren Franzosen

Denn eins sollte bei all dem Krieg gegen ISIS in Syrien und im Irak nicht vergessen werden: Die Pariser Attentäter waren fast alle französische Staatsbürger.Sollte man sich nicht lieber hinsetzen und darüber nachdenken, warum gerade französische Jugendliche reihenweise zu ISIS abwandern? 25% der ISIS Rekruten sind übrigens Frauen – auch ein Detail, das viel Aufschluss über die Hintergründe dieser Terroristen liefern kann, aber kaum Erwähnung findet. Eine weitere oft nur am Rande erwähnte Tatsache zu den Anschlägen in Paris: Es sind nicht nur Muslime aus dem Nahen Osten oder muslimische Franzosen, Deutsche oder Briten, die sich ISIS anschließen, sondern auch eine große Zahl konvertierter junger Menschen. Panikmache vor Flüchtlingen aus Syrien, wie sie gerade in den USA stattfinden oder ein wahnsinniger Krieg in Syrien gegen ISIS bringen da wohl kaum Lösungen. Ein Krieg wird nur noch mehr Menschen töten und noch mehr gegen „den Westen“ aufbringen – und damit ISIS direkt in die Hände spielen. Nein, es ist kein Krieg im Ausland, der geführt werden muss. Was wir jetzt brauchen ist Reflexion und Jugendarbeit im eigenen Land! Frankreich (und auch andere europäische Länder) müssen endlich offen eingestehen, dass die Situation für Einwanderer in ihrem Land miserabel ist und dass DAS auch etwas mit den Pariser Anschlägen zu tun hat.

Was ist los mit Frankreichs Jugend?

Was ist also los mit den Jugendlichen in Frankreich? Warum hört ihnen keiner zu? Warum haben sie so schlechte Perspektiven? Was kann man DAGEGEN tun? Das sollten die ersten Fragen nach den Anschlägen in Paris sein – nicht noch mehr Kriegsgerede, das am Ende nur noch mehr Krieg, Gewalt Zerstörung und wer weißnoch welche anderen unerwarteten Konsequenzen mit sich bringt! Als die USA im Kalten Krieg die Taliban ausbildeten, entstand daraus Jahrzehnte später Al Qaeda. Als die USA die Demokratie in den Irak bringen wollte, entstand daraus eine radikale Al Qaeda Splittergruppe mit Namen IS. Wenn Frankreich nun einen Krieg gegen ISIS lancieren will – was wird daraus entstehen? Eine friedlichere, demokratischere Welt? Sicher nicht! Weniger radikalisierte Jugendlich? Garantiert nicht! Die Lösung ist MEHR Willkommenskultur, nicht weniger!

Hört auf, den Islam verantwortlich zu machen

Der Islamismus ist eine Erfindung der Moderne, genauer genommen gibt es Terror mit islamistischer Rhetorik genau seit 1979, als im Iran die US-Botschaft angegriffen wurde. Der Islam ist Tausende von Jahre älter – und hat nichts mit dieser irrwitzigen Gewaltbotschaft zu tun. Wer sich einmal näher mit der Geschichte des politischen Islams auseinandersetzt, wird feststellen: Im Islamismus kommen vor allem westliche Ideologien zum tragen. Islamistische Gruppen haben mal mit den Faschisten, mal mit den Marxisten und Leninisten zusammen gearbeitet und ihre Strategien der Gewalt gehen tatsächlich auf die extreme Linke und Rechte in Europa zurück. Die Ideologie des heldenhaften Martyrertods stammt ebenfalls nicht aus dem Koran oder den Sprüchen des Propheten, sondern aus der französischen Revolution. Die Jakobiner waren es, die in der Moderne als erste rechtfertigten, eigene Staatsbürger aus ideologischen Gründen zu ermorden und dies auch noch verherrlichten. Der Islamismus tut genau das – im Deckmantel des Islams. Das hat mit Religion genau so wenig zu tun wie das Morden der IRA mit der katholischen Kirche. Islamistischer Terror hat vor allem zwei Beweggründe: nationale und internationale Politik, es ist eine politische Bewegung, die herzlich wenig mit Religion zu tun hat. Nur wenn wir das verstehen und aufhören alle Muslime für den Terror verantwortlich zu machen, können wir gemeinsam MIT Muslimen den Kampf gegen den Terror gewinnen. Und dieser Kampf findet nicht auf dem Schlachtfeld statt, sondern in unseren Köpfen und in unseren Herzen – mit unserem Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit.

Wer die Demokratie aufgibt, hat verloren

Wer jetzt anfängt diese Werte einzuschränken, hat nichts verstanden. Eine freie Gesellschaft wird immer porös sein. Das Recht auf Freiheit gilt für alle – auch für Menschen mit kriminellen Ideen. Diese Kriminellen müssen verfolgt und bestraft werden, aber wie andere Kriminelle auch, durch die Mittel des Rechtsstaates. Nicht mit der Armee, nicht durch einen Überwachungsstaat. Wenn die Antwort auf Terror das Aufgeben der Demokratie ist, dann haben geben wir genau das auf, wofür wir angeblich kämpfen. Datenüberwachung ist nicht die Antwort. Wie viele unschuldige Menschen sind genau dadurch nach dem 11. September in Guantanamo gelandet – und haben sich genau dort in radikale Terroristen verwandelt, aus Wut auf einen Staat, der ihnen alle Rechte genommen hatte?! Nein, wir müssen mit allen Mitteln unsere demokratischen Werte, unsere Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen bewahren und leider dafür in Kauf nehmen, dass es immer Menschen gibt, die diese Werte angreifen wollen. Totale Sicherheit ist eine Illusion. Wer das behauptet, lügt und sucht nur nach Wegen unsere Freiheit einzuschränken. Wir müssen daher diese Werte, die unsere Gesellschaft zu einer freien und toleranten Gemeinschaft machen, in unseren Köpfen, mit unseren Taten verteidigen, nicht mit Waffen und Überwachung! Wir müssen aufeinander zugehen, miteinander reden, miteinander weinen, miteinander stark sein und uns nicht dem Terror beugen.

Nach den Anschlägen von Paris, sind es nicht die feigen Terroristen, sondern vor allem die feindselige Mentalität und gewaltvolle Kriegsrhetorik, die mir Angst machen. Martin Luther King Jr. hat mal gesagt: Dunkelheit kann nicht mit Dunkelheit bekämpft werden, sondern nur mit Licht. Ich wünschte mir, es gäbe mehr Lichtgestalten.

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G. Szekatsch

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fischundfleisch

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