Der Islam hat in seiner langen Geschichte keine grundlegenden und nachhaltigen Reformen erfahren. Modernisierungsgedanken basierten zumeist auf der Integration der Tradition, anstelle einer kritischen Hinterfragung. Der Koran und die Sunna stellen den unantastbaren Kern des Glaubens dar. Gelehrte und Imame vermitteln die „absolute“ Wahrheit und zwängen die Gläubigen in ein absolutes religiöses Korsett. Eine Reform des Islams sei nach konservativen Vorstellungen in Europa nicht notwendig, weil der Koran als Wort Gottes nicht reformiert werden darf und weil sämtliches Wissen bereits in dem Heiligen Buch zu finden ist. Als ewiges Gotteswort dürfte er gar nicht reformiert werden, generell sollte er nur im Arabischen gelesen werden. Ansonsten würde die authentische Botschaft durch Übersetzungsarbeit bereits verfälscht werden. Aus diesem Gedanken der Verfälschung der Botschaft bei der Übersetzung rührt auch die Forderung, dass Muslime weltweit die arabische Sprache lernen sollen.

Die Weltreligion Islam hat heute einen starken Einfluss auf die westlichen Staaten und kann zu umwälzenden Veränderungen führen. Nicht ohne Grund warnt Bassam Tibi vor der jihadistischen Bedrohung eines sich ausbreitenden Islamismus in Europa. Auf der ganzen Welt kann man Muslime mit der gleichen Geisteshaltung antreffen: mit einem starken Antisemitismus, mit der Abwertung der Frauen und der Ablehnung demokratischer Systeme; in Ägypten, in Syrien, im Irak oder in Nigeria, aber auch in den USA, Frankreich, Deutschland oder Österreich. Diese Geisteshaltung wird durch radikale Gruppen weltweit verbreitet. Die Texte gegen Juden und Christen, gegen Ungläubige, für die Abwertung der Frauen und die Aufforderung zu Mord und Gewalt sind keineswegs das Produkt radikaler Denker, sie sind bereits im Koran fest verankert. Die radikalen Ideologen rezipieren lediglich die entsprechenden Texte und verengen sie auf gewaltbereite Interpretationen.

Aufbrechen der religiösen Ketten

Nach dem andalusischen Gelehrten Ibn Rushed (1126-1198) vermittelt die göttliche Botschaft der tradierten Quellen die Wahrheit nur in Symbolen, Bildern und Metaphern. Erst eine rationale, philosophische Auseinandersetzung führe zur Erkenntnis der Illusion des vermeintlichen Wahrheitspostulates der Orthodoxie. Eine kritische Auseinandersetzung mit den heiligen Texten ist daher möglich. Die rationalen Wahrheiten der Philosophie gelten aber bei orthodoxen Moslems oft als ein offener Angriff auf die göttliche Offenbarung, weshalb mit allen Mitteln versucht wird, einen solchen Prozess zu unterbinden. Der Prophet baute die Macht der Muslime aus und versprach nichts Geringeres als die Beherrschung der Welt. Diese Eroberungskriege der frühen Muslime, der Anspruch der absoluten Weltherrschaft und der Islamisierung der Welt sollen weiterhin Geltung haben. Solche Vorstellungen sind nach der Erkenntnis von Hamed Abdel-Samad zu einer religiösen Pflicht fundamentalistischer Muslime geworden.

Damit hat sich der konservative Islam bis heute kaum weiterentwickelt, er ist geistig und theologisch auf einem Stand wie zu Zeiten des Propheten verharrt. Das zeigt die Abwertung von Ungläubigen und das latent vorhandene Gewaltpotential. Der geistige „Stillstand“ des Islams bedeutet aber nicht, dass es keine Reformversuche gab. Auch Prozesse der Säkularisierung fanden statt. Besonders heute gibt es eine vielfältige kritische Auseinandersetzung mit dem Propheten und seinen Lehren. Doch ist der bisherige Reformprozess zumeist auf einen kleinen intellektuellen und akademischen Kreis beschränkt. Der „gelebte Islam“ in Europa bleibt in der Abhängigkeit von den Moscheen und von ausländischen Einflüssen. Letztlich hat der orthodoxe Islam durch fundamentalistische Rückgriffe Reformen verhindert und bis heute erfolgreich bekämpft. Notwendige Reformen bedürfen vieler emergenter Prozesse, die den sakralen Kern der fanatischen Religiosität überschreiten und sich auf eine individuelle Spiritualität hinbewegen.

Neue Reformansätze

Eine Gruppe oder eine Gesellschaft, die an göttlichen Regeln festhält, immunisiert sich gegenüber jeglichen Veränderungsprozessen. Wenn eine Religion ihre Werte nur auf Gott bezieht, ist sie unfähig für eine notwendige Veränderung. Denn Gott kann sich nicht irren und kann auch nicht reformiert werden. Das ist die grundlegende Denkfigur des fundamentalistischen Islams. Die Herrschaft eines Gottes kann nur durch rationale Aufklärung gebrochen werden, es gibt keine Möglichkeit der Reform auf Basis des göttlichen Gesetzes. Viele junge Muslime und Konvertiten glauben aber an die islamische Bewegung, auch wenn diese immer wieder blutig in Repressionen endet. Aber gerade auch die Gewalt und die Herrschaftsfantasien machen die Bewegung des Islamismus so anziehend und zerstörerisch. Durch die Internationalisierung der Netzwerke und der islamistischen Ideologie rückt Europa immer mehr in den Fokus gewaltbereiter Islamisten.

Wenn keine Europäisierung des Islams stattfindet, drohen schwere Schäden der europäischen Wertegemeinschaft. Die Werte Europas sind aus der Dialektik des philosophischen Denkens und den christlichen Tugenden entstanden. Das gemeinsame Erbe des Abendlandes besteht trotz kultureller Unterschiede im christlichen Denken. Hier hat sich die Idee der Individualität des Menschen entwickelt, welche zur Identität Europas maßgeblich beigetragen hat. Damit sind viele Begründungskontexte von Werten christlichen Ursprunges, auch wenn sie heute atheistisch gedeutet werden. Viele islamische Reformen greifen aber solche individualistischen und rationalen Positionen nur teilweise auf, sie gehen zumeist von einem religiösen Standpunkt aus. Nur sehr wenige islamische Gelehrte vertreten einen atheistisch-humanistischen Standpunkt, um den Islam zu reformieren und ihn als eine individuelle Glaubensform zu entwickeln. Damit greifen viele dieser Versuche zu kurz, denn sie verharren bei den tradierten islamischen Quellen.

Europäisierung des Islams

Der Islam ist weitgehend in einer fundamentalistischen Position, die mit voller Wucht auf den Westen prallt. Aus der Unfähigkeit zur Selbstreflexion und zur Selbstkritik werden die fundamentalistischen Strömungen mit ihren archaischen Werten bestärkt. Aus diesem Verständnis heraus werden die mythischen Denkfiguren gestärkt und breiten sich unter den Muslimen in Europa weiter aus. Der Islam bedarf aber einer Wandlung in Europa. Das gilt vor allem für das öffentliche Beten, für die strengen Kleidungsvorschriften, die strikte Trennung von Männern und Frauen bis hin zu einer islamischen Spiritualität. Die Glaubenspraktiken des Islams sind veränderbar, sie müssen sich innerhalb des Rahmens der offenen Gesellschaft bewegen. Starre Regeln sind aber kein Ausdruck einer inneren Religiosität. Es geht um eine neue Interpretation von Frömmigkeit und Verhalten. Burka und Halal-Essen sind kein Ausdruck von Gläubigkeit, sondern zeigen Rückwärtsgewandtheit und politische Ansprüche. Hier werden lediglich tradierte Vorstellungen manifestiert und unter dem Mantel der Religionsfreiheit in Europa verbreitet.

Islamische Vereinigungen fordern Toleranz und eine Anpassungsfähig des Westens, ohne sich selbst an die säkularen Werte anzupassen. Damit dringt der tradierte Islam tief in die Gesellschaft ein, ohne notwendige Reformen zu entwickeln. Nicht nur die äußere Sichtbarkeit der Religion muss sich in einem nicht-islamischen Land anpassen, auch die innere Geisteshaltung der Gläubigen muss sich dem Humanismus und der Aufklärung öffnen. Der Islam kann nur dann zu Europa gehören, wenn er auf einer religiösen und rationalen Basis seine Anerkennung finden kann. Dazu bedarf es einer Europäisierung des tradierten Islams ohne politische Ansprüche. Die Menschenrechte, die Demokratie, der Liberalismus, die Gleichberechtigung aller müssen vom Islam bedingungslos akzeptiert werden. Dabei müssen die europäischen Werte den gelebten Islam ihren Charakter mitgeben und den Glauben innerhalb der legitimen sozial verträglichen Sphäre entwickeln.

Gefahr des tradierten Islams

Bei einem solchen Entwicklungsprozess müssen wesentliche Impulse durch die europäische Identität gegeben werden, islamische Wertkonzepte, die nicht mit den Werten Europas vereinbar sind, sind aufzugeben. In dem tradierten Islamverständnis herrscht allerdings die Denkfigur vor, dass die gesellschaftliche Umwelt nach den Forderungen des Islam gestaltet werden muss. Die archaischen und gewaltbejahenden Elemente müssen in einem Europäisierungsprozess aufgegeben werden. Ein solches archaisches Islamverständnis gehört nicht zu Europa. Auch die Moslems können die Werte der europäischen Kultur lernen. Was für die christliche Geschichte Gültigkeit besitzt, gilt auch für die islamische Welt: Die Suren des Korans und die Hadithe müssen einen hermeneutischen Prozess durchlaufen, bevor sie zu Elementen der Moderne werden können.

Die islamischen Quellen können zwar inspirierend wirken, wenn sie dabei nicht zum absoluten Maßstab werden. Ein Islam europäischer Prägung bleibt als eine spirituelle Glaubensform in den Moscheen und vorrangig in der Privatsphäre der Gläubigen. Die Abwertung anderer Personen aufgrund der sexuellen Orientierung und der religiösen Überzeugung darf hier keinen Raum mehr finden. Aufgegeben werden müssen mythische Denkfiguren zur Eroberung und Beherrschung der Welt. Der europäische Islam ist nicht von den Taten der Muslime zu trennen. Deswegen sind dringend innere Reformen notwendig, damit der politische Radikalismus eingedämmt werden kann. Besonders der medinische Islam ist durch die Staatsgründung Mohammeds von seinen Kriegszügen bestimmt, er dient den heutigen Extremisten als Rechtfertigung ihrer Taten. Dienten die kriegerischen Vorstellungen noch der kämpferischen Verbreitung und der Motivation der islamischen Krieger, müssen alle diese Suren in der Moderne relativiert werden. Die kriegerischen Suren und Vorstellungen haben ihre Berechtigung verloren, sie dürfen nicht als Auftrag verstanden werden.

Glaube und Rationalität

Bei diesem Projekt braucht der europäische Islam eine auf Vernunft und Humanismus aufgebaute Reform, die jihadistischen und politischen Denkfiguren müssen dadurch aufgelöst werden. Der Islam in Europa muss durch die sozialen Strukturen und Einflüsse der westlichen Demokratien geprägt werden. Sowohl Muammad Abduh (1903-1935) als auch Jamal ad-Din al-Afghani (1838-1897), vertraten eine rationale Deutung des Islams. Dieser sei prinzipiell mit rationalen und säkularen Weltansichten vereinbar. Auch der Islam kann eine Vernunftreligion werden, um ein Teil der Moderne zu sein, wenn die destruktiven Denkfiguren aufgegeben werden. Dabei kann die islamische Diaspora in Europa durch die emanzipatorischen und rationalen Prozesse nur profitieren und von ihnen lernen.

Abdel-Hakim Ourghi unterstreicht die Notwendigkeit eines rationalen Zugangs zu den tradierten Quellen. Dementsprechend wird der Islam in Europa von der europäischen Kultur beeinflusst; er wird deutlichen Veränderungsprozessen unterliegen. Hier sind Muslime gefordert, ihren Glauben kreativ zu verändern, ihn neu zu interpretieren und im Geist der rationalen Aufklärung und des Humanismus neu zu deuten. Dabei kann der Koran partiell als ein ethisches Rahmenwerk verstanden werden, nicht aber als ein moralisches Programm.

Im Sinne des Gemeinwohls Europas, kann nur eine humanistische Lesart der tradierten Quellen akzeptiert werden. Der Islam als ein ethisches Konstrukt anerkennt andere Propheten und andere religiöse Praktiken. In Sure 2, 136 legitimiert der Islam besonders die christlichen und die jüdischen Glaubensinhalte: Sagt: Wir glauben an Allah und an das, was zu uns (als Offenbarung) herabgesandt worden ist, und an das, was zu Ibrahim, Isma'il, lshaq, Ya`qub und den Stämmen herabgesandt wurde, und (an das,) was Musa und 'Isa gegeben wurde, und (an das,) was den Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen keinen Unterschied bei jemandem von ihnen, und wir sind Ihm ergeben. Diese verbindende Basis von Islam, Christentum und Judentum stellt die gemeinsame Basis der Europäisierung des Islams dar. Eine Reform des Glaubens haben bereits viele wichtige Denker versucht, sie sind aber meist an der starken Orthodoxie gescheitert. Europa muss seine Chance jetzt nutzen und eine intensive Reform des Islamverständnisses in Europa vorantreiben. Überlassen wir die Gestaltung des Islams nicht den Islamisten, radikalen Denkern und traditionellen Muslimen, sondern humanistischen Denkern, Gelehrten und Gläubigen. Dann kann dieser Versuch auch gelingen.

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