„Wer spricht?“ – Über die Wohltat eines Textes, der aus der eigenen Erfahrung spricht und„über die anderen“ nicht alles besser weiß

Bemerkungen zu Elisa Erkurts Buch „GENERATION HARAM“

Im Frühjahr 2019 durfte ich Melisa Erkurt zum jährlichen europäischen Symposium zu aktuellen kulturpolitischen Fragen an der Universität für angewandte Kunst einladen. Sie erzählte damals aus ihrer Praxis als Lehrerin in einem Wiener Gymnasium mit einem hohen Migrationsanteil unter den Schüler*innen. Als Deutschlehrerin hätte sie sich mit ihren Schützlingen auch gerne über Kunst unterhalten. Um wenig überraschend zu erfahren, dass das, was da an der Angewandten verhandelt wird, mit deren Lebensrealitäten aber auch schon gar nichts zu tun hat: „Kunst, das ist was für Österreicher“, lautete der selbstausschließende Befund und machte damit eine kulturpolitische Kluft in der österreichischen Kulturlandschaft sichtbar, die tiefer nicht sein könnte.

Jetzt habe ich Erkurts Standortbestimmung „GENERATION HARAM“ gelesen. Die Geschichte findet sich auch dort, darüber hinaus ist sie auch gleich ein Plädoyer, „Kunst neu zu denken“; sie von „oben herunter zu holen und für ihre Schüler*innen alltagstauglich zu machen: „Kunst, das ist auch arabische Kalligraphie, Kunst sind auch die Mangas, die eine meiner Schülerinnen immer heimlich im Unterricht zeichnet. Kunst, das sind auch die Videos, die einer meiner Schüler bis in die Nacht filmt, schneidet und auf YouTube veröffentlicht… Kunst, das sind auch die Bilder, die meine Eltern von ihrer Heimatstadt Sarajevo in der Wohnung hängen haben. Kunst, das ist auch die selbstgehäkelte Tischdekoration meiner Oma. Stellen Sie sich vor, wie die Augen dieser Kinder leuchten würden, würde man zur Abwechslung das im Werkunterricht häkeln.“

Als selbst jemand, der sein Leben lang versucht hat, sich von den Zwängen der ästhetischen Vorlagen früherer Generationen zu befreien, mag darüber die Nase rümpfen und einen solchen Werkunterricht in Zweifel ziehen. Bei diesem Bericht der jungen bosnisch-stämmigen Journalistin aber geht es nicht um mich und meine ästhetischen Vorlieben. Es geht um eine empathische Darstellung der Lebensumstände von Menschen, die nicht immer schon in Österreich gelebt haben, sondern irgendwann in ihrem Leben den steinigen Weg nach Österreich gegangen sind. Und denen nur allzuoft die Sprache fehlt, über sich selbst zu berichten und damit darüber, wie es ihnen hier ergeht.

Beginnen, den Mund aufzumachen

Also nimmt Erkurt – gegen lang eingeübte Vorbehalte sich selbst gegenüber – allen Mut zusammen und ergreift selbst das Wort. Als eine, die sich im Kindergarten gefürchtet hat, überhaupt zu sprechen, schildert sie ihre eigene Gespaltenheit. Trotz erfolgreichem Germanistikstudium hadert sie bis heute mit dem Gebrauch der deutschen Sprache, weil sie meint, inneren und äußeren Ansprüchen ohnehin nie entsprechen zu können: „Wenn mich Professorinnen und Professoren vor anderen für mein Deutsch lobten, wollte ich im Erdboden versinken“. Und doch gelingt es ihr, nicht nur über die ungenügenden äußeren Umstände von Zugewanderten zu berichten, sondern auch über deren innere Einstellungen, Befindlichkeiten, aber auch Zumutungen und Selbstzweifel, die sie daran hindern, die zu sein, die sie sein könnten (nein, die sie sein sollten).

Erkurts Bericht hat mich bewegt. Vor allem hat er vieles von dem, was da von mir und all den anderen gutmeinenden Österreicher*innen über Migration nachdenken hat lassen, von einem Moment auf den anderen zur Makulatur werden lassen. Sie versteht es trefflich, die Ambitionen von mir und Meinesgleichen, die wir die Österreich-Ideologie mit der Muttermilch aufgesogen haben, „über“ Migrant*innen anders als in Stereotypen zu sprechen, als eine vergebliche Liebesmühe zu denunzieren. „Unser Blick“ ist notwendig beschränkt, wenn er weder die äußeren Gräuel, die die Menschen nach Österreich getrieben hat, noch die inneren Befindlichkeiten, die den Status der anhaltenden Fremdheit begünstigen, auch nur halbwegs nachvollziehen können. „Wir“ haben zumeist gar keine Ahnung.

Also brauchen wir Menschen wie Erkurt, die sich ein Herz nehmen und sich trauen, über das, was uns alle trennt (und wie die öffentliche Einrichtung Schule doch einen sollte) aus einer anderen Perspektive zu sprechen. Sie tut das oft an ganz konkreten Beispielen, etwa, wenn sie draufkommt, dass mehr als die Hälfte ihrer (Gymnasial!-)Schüler*innen über kein einziges Buch zu Hause verfügt; also hat sie allen – je nach ihren Neigungen – ein Buch gekauft und ihnen dieses in die Hand gedrückt. Manche hätten „ihr erstes“ Buch wie einen zerbrechlichen Gegenstand aus Glas gehalten, andere sich sofort daran gemacht, in der Pause darin zu schmökern.

Natürlich nimmt auch in diesem Buch die Frage der Religionszugehörigkeit einen besonderen Stellenwert ein. Dass man dabei zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen kann, wie Susanne Wiesingers „Kulturkampf im Klassenzimmer“, wird schon nach wenigen Bemerkungen klar. Und anhand Erkurts Biographie wird mir das ganze Ausmaß der Pervertierung des Bildungsbegriffs in der Schule schlagartig bewusst. Erkurts Mutter musste mit ihrer Tochter Melisa als Heranwachsender aus Bosnien flüchten, weil sie als Muslime galten (egal welcher Richtung); in Österreich ausgerechnet in der Schule als dem zentralen Ort der Aufklärung erfährt sie aus genau derselben Zuschreibung abermals Diskriminierung und Ablehnung. Dass sie sich persönlich längst als Atheistin begreift, tut da nichts mehr zur Sache: „Es ist eine Ironie der Geschichte“, meint sie fast schon begütigend, „dass meine Familie aufgrund dieses Religionsbekenntnisses ermordet und vertrieben wurde und dass ich heute in Österreich aufgrund dieses Religionsbekenntnisses beschimpft und bedroht werde“. Beindruckt hat mich in diesem Zusammenhang auch ihr Zugang zu männlichen Jugendlichen, die gerne als ehrverteidigende Jungislamisten verhandelt werden. Dabei handelt es sich um ganz normale Jugendliche, die es durch ihre Stärken ebenso wie durch ihre Schwächen verdient haben, Einfühlungsvermögen zu erfahren. Wenn sie mit ihnen unvoreingenommen spricht, erweisen sie sich rasch als diejenigen, die sie zumindest auch sind: als junge Menschen auf der Suche, die permanent unter Verdacht stehen und die immer dringlicher um die Aufmerksamkeit buhlen, die ihnen so konsequent verweigert wird.

Erkurt weist zurecht darauf hin, dass die Potentiale, die junge Migrant*innen für die österreichische Gesellschaft haben, in der öffentlichen Diskussion völlig unterbelichtet bleiben. Sie erzählt von den vielen „kleinen Held*innen“, die oft ein „Doppelleben“ zu managen haben, als Schüler*innen zugleich Verantwortung für ihre Familie übernehmen, darüber hinaus doppelsprachig sind und mit ihrer Doppelidentität zurechtkommen müssen. Im Rahmen von „Sags Multi!“ erfahren wir immer wieder, welche unglaublichen Leistungen diese jungen Menschen, schon aus der Not heraus, erbringen müssen. Diese bleiben in der Regel unberücksichtigt und ungedankt.

Und daher ist es nicht verwunderlich, wenn diese äußerlich so erfolgreiche Autorin in einem eigenen Kapitel davon erzählt, dass sie sich nach wie vor als eine Verliererin begreift. Sie sei noch immer „eine von ihnen“. Diese Stigmata ist sicher schmerzlich und schenkt uns gerade deswegen einen besonderen Einblick in das Leben einer Verlierer*innengruppe, derer sie sich noch immer zugehörig fühlt. Immerhin resultiert daraus eine kämpferische Herangehensweise, die Erkurt zu einem überzeugenden Sprachrohr für all diejenigen, „die nie eine Chance hatten“ werden hat lassen.

Einen besonderen Raum in dem Buch nimmt das System Schule ein. Ihr Hauptkritikpunkt liegt darin, dass sich die österreichische Schule ungebrochen an Kindern der Mittelschicht orientiert, von denen es de facto immer weniger gibt. Diese strukturelle Verengung ihres Auftrags setzt voraus, dass die Familien wesentliche Vorleistungen erbringen. In ihrer Praxis aber hat es Erkurt vor allem mit Kindern zu tun gehabt, die auf keinerlei elterliche Unterstützung zurückgreifen können. Eher umgekehrt sind viele von ihnen gefordert, neben dem Schulbesuch wesentliche familienerhaltende Aufgaben wahrzunehmen. Andere sind ungefiltert dem Hass der Eltern ausgeliefert, die sich – oft mit guten Gründen – in ihren neuen Lebensumständen diskriminiert und zurückgesetzt fühlen und ihren Zorn auf die Kinder abladen. Kein Wunder also, wenn sich Lehrer*innen, die auf einen Unterricht mit einsichtigen und kooperativen Mittelstandskindern vorbereitet wurden, sich mit den kulturellen Eigenarten, die die „neuen“ Kinder mitbringen, völlig überfordert bzw. sich seitens der Schulverwaltung komplett im Stich gelassen fühlen.

Erkurt führt uns durch alle aktuellen Aufregerthemen wie „Kreuz in der Klasse“, „Kopftuchverbot“ oder „Deutschförderklassen“ und kommt dabei aber zu ganz anderen Schlussfolgerungen, als unser öffentlicher Diskurs suggeriert. Für alle, die sich in ihren Versuchen, immer neue didaktische Modelle im Umgang mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu überbieten versuchen, hat Erkurt entlang ihrer eigenen Schulkarriere eine ganz einfache Lösung parat: Es gab für sie „eine entscheidende Person, die an sie geglaubt hat“. Deren besondere Fähigkeit, so habe zumindest ich es verstanden, bestand darin, Melisa gerade nicht auf ihre Rolle als Migrantin festgelegt zu haben, sondern als ein ganz normales junges Mädchen anzusprechen, die das Recht hat so, wie sie ist, voll und ganz wahrgenommen zu werden. Nähmen wir das als eine generelle Handlungsanleitung im Umgang zwischen Menschen mit ihren unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, es würde uns allen besser gehen.

Aber soweit ist das System leider noch lange nicht. Also versucht auch Erkurt am Ende ihres Textes, Vorschläge zur Behebung der gegenwärtigen Malaise des Schulsystems zu machen. Dabei spricht sie sich für mehr Lehrer*innen mit Migrationshintergrund, die Einsetzung von Fachteams aus Sozialarbeiter*innen, Betreuungspersonal und Psycholog*innen zusätzlich zu den überforderten Lehrkräften oder der Einführung einer kostenlosen Ganztagsschule aus. Als Deutschlehrerin ist ihr insbesondere eine Reform des Deutschunterrichts ein Anliegen, in dem Literatur eine wesentlich wichtigere Funktion zukommen sollte: „Eine der besten Deutsch-Doppelstunden, die ich persönlich hielt, behandelte das Interpretieren und Stilmittel-Analysieren von Deutschrap-Texten. Danach mussten die Schülerinnen und Schüler eine Podiumsdiskussion abhalten, wo sie über künstlerische Freiheit und Frauenfeindlichkeit in diesen Texten debattierten. Es war unglaublich zu sehen, wie viel sie auf einmal zu sagen hatten, wie sehr sie es genossen, Expertinnen und Experten zu sein, und festzustellen, dass sich Gedichte gar nicht so sehr von den Texten ihrer Lieblingsrapper unterschieden.“

Aber natürlich ist Erkurt auch ein höheres Ausmaß an Repräsentation von Zugewanderten an den entscheidenden Machtstellen unserer Gesellschaft ein Anliegen, nicht zuletzt, um damit Role-Models zu kreieren, die jungen Menschen helfen, ihr tief verankertes Minderwertigkeitsgefühl: „Wozu soll ich überhaupt in die Schule gehen, jemand wie ich landet eh nur beim AHS“ zumindest relativieren zu lernen.

„Sie haben da etwas missverstanden“ (Fassmann)

Geht es nach den jüngsten Erfahrungen Erkurts im Gespräch mit dem amtierenden Bildungsminister Heinz Fassmann, dann besteht freilich wenig Anlass zum Optimismus. Sie hätte da etwas falsch verstanden, bedeutete ihr der führende Repräsentant einer Schule, die sich immer weiter von den Lebensverhältnissen der Menschen entfernt. Kein Wunder, dass Erkurt aufgrund solcher Erfahrungen in ihrem Buch bereits ziemlich am Anfang zum Schluss kommt: Unter den gegebenen Umständen ist es „ein Märchen, Kindern und Jugendlichen erzählen zu wollen, dass sie mit Bildung in Österreich alles erreichen können“.

Nein, eher stimmt das Gegenteil, wenn die schulischen Strukturen (oft gegen das intensive Bemühen einzelner Lehrkräfte) darauf angelegt sind, junge Menschen aus Zuwanderer-Familien zu diskriminieren. Was bleibt ist, hinauszugehen, dem Beispiel Erkurts zu folgen und zu beginnen, diese Diskriminierung nicht nur zu erleiden, sondern zu beginnen, darüber zu sprechen. Wie das geht, das hat die indische Literaturwissenschafterin Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem legendären Text „Can the Subaltern Speak?“ dargelegt.

Ja, auch die, für die Erkurt in „GENERATION HARAM“ als eine von ihnen spricht, haben Interessen. Und sie haben das Recht, diese zu artikulieren und – sei es im Konflikt – auch durchzusetzen. Die gutmeinenden Alt-Österreicher*innen, die zur eigenen Gewissensberuhigung und in wohlwollend paternalistischer Manier immer neue Programme zu Diversität, Interkulturalität und was es da sonst noch alles gibt auflegen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese bislang kaum etwas bewirkt haben, wenn es darum geht, das Standing der Neuzugewanderten nicht nachhaltig verbessern. Also werden sie sich mit der Funktion als Reibebäume in den kommenden Konfliktzonen zufrieden geben müssen.

In der Zwischenzeit wollen wir mehr von Erkurt hören und von den vielen anderen, die drauf und dran sind, ihrem Beispiel zu folgen.

Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld.

Michael Wimmer schreibt regelmäßig Blogs zu relevanten Themen im und rund um den Kulturbereich.

Anhand persönlicher Erfahrungen widmet er sich tagesaktuellen Geschehnissen sowie Grundsatzfragen in Kultur, Bildung und Politik.

Weitere Blogs, Publikationen und Aktivitäten sind auf Wimmers Kultur-Service zu finden. Hier geht's auf die Website.

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