„Weil zahlreiche Namen von bedeutenden Kunstwerken heute rassistisch anmuten, hat das Rijksmuseum in Amsterdam nun Bildtitel mit Wörtern wie "Negro", "Indian", "Dwarf" und "Mohammedan" rigoros abgeändert. Das Werk "Young Negro Girl" von Simon Maris aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise wird künftig etwa nur noch unter dem Titel "Young Girl Holding A Fan" veröffentlicht. Auch die Untertitel werden einer Begutachtung unterzogen. So ändert man beim Werk von Maris den beschriebenen "negro servant" in einen "black servant".“(Quelle: Pressetext Nachrichtenagentur)

Was für ein Übergriff gegen Künstler, die sich nicht mehr wehren können! Und was für eine jämmerliche Augenauswischerei, was den historischen Kontext betrifft, aus dem heraus die Werke damals eben entstanden sind.

Man gehe davon aus, schreibt mir dazu jemand, dass die Künstler, weil anders sozialisiert, heutzutage ohnehin von sich aus andere Titel gewählt hätten. Deshalb sei das Verändern auch nicht als Übergriff zu sehen.

Wäre, hätte, würde... was frühere Künstler heute gemeint, gesagt oder geschrieben hätten, werden wir nie erfahren und deshalb kann "man" auch nicht davon ausgehen. Ob es nun der Titel eines Gemäldes ist, ein ganzes Theaterstück oder sonst ein Text, das eigenmächtig zu ändern ist in jedem Fall unverzeihlich, wenn den Künstlern kein Mitspracherecht zugestanden wird - oder eben nicht mehr zugestanden werden kann, weil nicht mehr am Leben. So einfach ist das.

Und überhaupt: Heute "unkorrekt" gewordene Zugänge nachträglich zu korrigieren ist darüber hinaus zumindest eine gefährliche Entstellung historischer Fakten. Alles auslöschen, was früher als normal empfunden wurde, neuerdings aber unangenehm rüberkommt? Die Vergangenheit säubern, beschönigen, die Geschichte neu schreiben? Was für ein dummer, gedankenloser Schwachsinn und nur der Anfang einer verlogenen Entwicklung, die geradewegs in einen Abgrund führt. Denn ein paar Schritte weitergedacht kann ich dann gleich auch noch dem nächsten Holocaust-Leugner die Hand schütteln.

Abgesehen davon tut es immer weh, erleben zu müssen, wie sich selbstherrliche Kleingeister an fremder Kunst vergreifen, auch wenn es aus anderen Gründen als der „political correctness“ geschieht. Nennt mich altmodisch. Ich bin auch bekennender Gegner dessen, was eine gewisse Art von Regietheater sich bisweilen erlaubt.

Mein Eindruck ist immer öfter: Wenn respektvolle, sensible Interpretation eines Originals die Fähigkeiten eines Regisseurs übersteigt, er sich aber doch um jeden Preis, notfalls mit roher Gewalt, unbedingt irgendwie selbst verwirklichen will, aber leider auch nicht wirklich schreiben kann, schon gar nicht ein ganzes eigenes Theaterstück – dann fällt er eben mit dem Rotstift über den armen unschuldigen Klassiker eines bereits verstorbenen Autors her, und das manchmal bis zur schieren Unkenntlichkeit desselben. Und plustert sich auf, als hätte er etwas ganz besonders Kreatives geschaffen. Dabei hat er doch nur etwas vergewaltigt.

Was soll das, bitte? Wer kein eigenes Werk zustande bringt, vergreift sich eben an den Werken anderer, dafür reicht´s dann gerade noch, oder wie?

Von der Großkotzigkeit, mit der zum Beispiel Thomas Bernhards Testament ignoriert wird, gar nicht zu reden. Jeder dahergelaufene Veranstalter meint, seine gierigen Griffel auf das hinterlassene Werk legen zu können und keine Sau kümmert sich mehr um die Verfügung, dass seine Werke 70 Jahre lang in Österreich in keiner Form aufgeführt werden dürfen. Künstler sind eben Allgemeingut. Das wäre ja noch schöner, wenn sie bei ihrer Vermarktung mitreden dürften. Und im Idealfall arbeiten sie überhaupt gratis, aber das ist jetzt noch mal eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Übrigens, weil es gerade dazu passt, und um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin sehr dafür, in der Bundeshymne auch Österreichs Töchter zu würdigen. Unbedingt, das war schon lange überfällig! Aber dann sollte man auch so weit sein, gleich ein paar neue Reime zu verfassen, anstatt – und das auch noch ungeschickt und holprig – den Text einer Verfasserin zu verbiegen, die sich, siehe oben, nicht mehr wehren kann. Das nämlich ist respektlos, stillos, armselig. Ihr fordert mehr Respekt für Frauen? Da seid ihr völlig im Recht.

Ich fordere außerdem mehr Respekt für Künstlerinnen und Künstler. Mit genau dem gleichen Recht.

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Gerhard Neuwirth

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fischundfleisch

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maennerORG

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