Jämmerlich, feig, scheinheilig

Es reicht, ich halt den selbstgerechten Schwachsinn nicht mehr aus.

„Ich bin Jahrgang (da steht dann irgendwas aus den 1940er-, 50er, 60er-Jahren) und ich erzähl euch Gören jetzt mal, wie bescheiden und nachhaltig wir in unserer Kindheit gelebt haben… blah blah…Kleider gestopft… blah blah zu Fuß zur Schule… blah blah… keine Handys gehabt… blah blah… nix weggeschmissen… alles repariert… blah blah blah… lebt ihr erst mal so nachhaltig wie wir gelebt haben, anstatt streiken zu gehen… blah blah blah…“

So und leicht abgewandelt kursiert der peinliche Sermon in Facebook und diversen Medien als Leserbrief und werweißwonochüberall. Ist bestimmt vielen von euch auch schon begegnet.

Und wie gesagt. Ich kann den Schwachsinn nicht mehr hören bzw. lesen. Ich bin Jahrgang 1952 und erwidere euch Folgendes:

Es mag ja sein, dass unsere Eltern noch Strümpfe gestopft und Sachen repariert haben. Und dass wir in unserer Kindheit auf Zettel geschrieben, die Kleider der älteren Geschwister übernommen haben und zu Fuß zur Schule gegangen sind. Eigenartig ist nur, wie leicht man bei allem Stolz auf unsere (eher gezwungenermaßen) „nachhaltige“ Kindheit unser ganzes späteres Erwachsenenleben vergessen kann (oder sollte ich sagen verdrängen und verleugnen?).

Dass unsere Mütter noch Strümpfe gestopft haben, ist nämlich KEIN Verdienst unserer Generation. Wir selbst haben das schon sehr lang nicht mehr getan. Genau wir waren es stattdessen, die jahrzehntelang Schindluder getrieben haben mit unserem Planeten!

Genau wir selbst sind eben jene Wirtschaftswunder-Generation, die spätestens nach absolvierter „bescheidener“ Kindheit glücklich nach jeder erdenklichen Art von erhältlichem Luxus gegriffen hat: für jeden Handgriff ein Elektrogerät, zwei Autos in fast jedem Haushalt, Flug- und Traumschiffreisen, praktisches Plastikzeug und wasweißich noch alles, dessen Erzeugung oder Entsorgung irgendwelchen Dreck macht.

Nein, Leute, das war nicht die heutige Jugend, das waren nicht in erster Linie unsere Kinder, das waren schon wir! Und zwar mindestens unser halbes erwachsenes Leben lang.

Wir selbst sind es nebenbei auch, die unsere Nachkommen so verzogen haben, dass sie heute alles für selbstverständlich halten, was wir damals eben noch nicht zur Verfügung hatten (denn hätten wir´s gehabt, hätten wir auch nicht darauf verzichtet). Und jetzt auf die Kinder hinhacken, anstatt dazu zu stehen, was wir in unserer Gedankenlosigkeit angerichtet haben? Wie jämmerlich, wie feig, wie scheinheilig!

Das Elend der Welt hat beileibe nicht erst in den letzten 10, 15 Jahren seinen Anfang genommen, nicht erst seit diese Jugendlichen zugange sind. Nein und nochmal nein. Wir sind diejenigen, wir, unsere Generationen (ich rede da von 50/60/70/80+), die bereits seit Jahrzehnten dem eigenen Luxus zuliebe die Dritte Welt ausgebeutet, Abgase und sonstiges Gift in die Luft geblasen und die Erde inklusive der Meere so zugemüllt haben, dass einem nur noch grausen kann. Wir, die Wegwerf-Gesellschaft seit Jahrzehnten, wir, die Erfinder des praktischen Plastiksackerls, wir haben das getan und tun es immer noch.

Schämen sollten wir uns und dankbar sollten wir sein, dass uns die Jungen jetzt aufzuwecken versuchen. Aber nein, stattdessen sind wir beleidigt und verbreiten weiter den selbstgerechten verlogenen Schwachsinn von "unserer nachhaltigen Generation".

Wie jämmerlich, wie feig, wie scheinheilig! Das glaubt ihr doch selbst nicht!

Und wenn jetzt ein Kind aufsteht – und mit ihm Millionen andere – um uns endlich einmal gnadenlos und leidenschaftlich einen Spiegel vors Gesicht zu halten, dann gäbe es zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren:

1. Wir könnten uns selbst bei der Nase nehmen und versuchen, wenigstens in Zukunft ein bisschen weniger gedankenlos dahinzuleben, unserer verwöhnten Jugend zur Abwechslung mal ein besseres Vorbild sein und ein bisschen weniger unsere eigene Schuld an der Entwicklung verleugnen.

2. Wir können aber auch die Nase rümpfen, uns abwenden, erbost erzählen, was wir in unserer Kindheit alles nicht hatten und weiterhin unserer Bequemlichkeit zuliebe unser Bestes tun, damit der Planet bald endgültig im Arsch ist. Weil wir uns ja von einem Kind, Gott bewahre, nichts sagen lassen. Auch wenn es noch so recht hat.

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