Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Mobbing, das ich bis dahin - ich gestehe: zu Unrecht - für ein Gerücht hielt. Vielleicht war ich zu naiv, vielleicht auch zu selbstsicher. So oder so konnte ich mir nicht vorstellen, dass einerseits Menschen sich gezielt andere Menschen "aufs Korn nehmen" (ein Begriff aus dem Schießen: das Ziel finden durch korrekte Positionierung von Kimme und Korn), andererseits sich Menschen diesem ihren Schicksal ergeben.

In Wahrheit ist das Thema natürlich nicht so einfach, wie sich jemand bis dahin nicht-Betroffenes das so vorstellen mag. Es spielen Macht- und Mehrheitsverhältnisse eine Rolle. Es spielt eine Rolle, wie eng und unter welchem Leistungs- und Meinungsdruck (und sei er auch nur selbst empfunden) Menschen zusammen gepfercht sind. Es spielt vielleicht auch noch eine Rolle, welche Erwartungen jemand an sich selbst stellt und wie er zu ahnen beginnt, an seinen eigenen Erwartungen zu scheitern, wenn er denn nicht irgendwelche Stellschrauben dreht, die sein Ansehen steigern, indem er das anderer, störender, konkurrierender, einen selbst bedrohender Menschen im Umfeld mutwillig und bösartig herabsetzt und hierfür möglichst viele sich dessen bewusster oder nicht bewusster Mittäter gewinnt.

Meistens fängt es an mit einem: Ist der/ die nicht irgendwie Scheiße? (Wobei an der Ausdrucksform vielleicht gearbeitet werden kann, nicht jedoch an der Aussage ansich.)

Es geht weiter mit dem hochnotpeinlichen Beobachten des Mobbingopfers, dem gezielten Zerpflücken seiner Reden und Handlungen, dem Verächtlichmachen und Kritisieren ebendessen.

Im damaligen Fall kam eine hochinteressante Wendung hinzu: Das Opfer wehrte sich. Vielleicht einen Ticken zu spät, weil Mobbing keine so leicht zu durchschauende, noch schwerer beweisbare Angelegenheit ist, aber noch rechtzeitig genug, um - wenn schon nicht erste gesundheitliche - wenigstens berufliche Folgen abzuwenden.

Denn inzwischen hatte sich der Mobber, die weitere Entwicklung ahnend, selbst zum Mobbingopfer erklärt.

Alles, was er zuvor selbst veranstaltet hatte, lastete er nun seinem Opfer an.

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Im Leben passieren die meisten Dinge mehrmals. Wenn man Glück hat, durchschaut man sie beim nächsten Mal. Hat man noch mehr Glück, spielen sie keine so wichtige Rolle. Wie z.B. im Netz, wo man sich mittels einiger Vorkehrungen wenig angreifbar machen kann, mindestens aber existenziell nicht angreifbar ist. Ist alles nur virtuell, alles nur Spaß. Und im Ernstfall bleibt die Kiste eben eine Zeit lang aus.

Gleichwohl ist das Prinzip dasselbe. Der Mobber, der sich einige Zeit in seiner Clique pudelwohl und von ihr vollkommen bestärkt fühlte, verliert die Oberhand und beginnt zu weinen: Sehr ihr nicht, wie man mich neuerdings mobbt? Ich kann nicht mehr frei reden. Meine Beiträge werden begraben, Kommentare gelöscht, Meinungsgegner bevorzugt.

Sie fanden das alles nicht so schlimm, als es der Gegenseite passierte. Sie nahmen es quasi nicht wahr, sondern fühlten sich im Recht. Die ganze Zeit.

Und doch können und wollen sie nicht ohne diesen Widerpart leben, der ja eigentlich das Salz in der Suppe ist. Zumindest im Netz, wo sich ja viele Leute tummeln, die im echten, nicht-virtuellen Leben sehr viel Zeit haben. Da wird, und zwar mit Wonne, jeder Gegenkommentar zerpflückt, jede gegnerische Meinung verächtlich erwidert. Und nebenher schwingt immer der Ton der eigenen Opferschaft, wobei das "Ihr versteht nicht." noch der mildeste, "Ihr mobbt hier rum." der härteste Anklang davon ist, dass man anderer Meinung ist und seine Hoheit verloren hat.

War das nicht irgendwann mal anders? Waren nicht einstens wir ständig im Recht? Wann passierte es, dass seitens der Administration genauer hingeschaut wurde? Und seit wann kann man die nicht mehr einschüchtern?

Fragen über Fragen.

Und der Vorwurf auf der einen oder anderen Seite wird immer bleiben.

Aber nicht immer, wenn überschäumende - gefühlte - Meinungshoheit ausgebremst wird, ist es Mobbing.

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