Der perfekt glatzköpfige Herr ohne Krawatte und mit dem starren, verspannten Gesicht [1] ist Andreas Deffner, seinerzeit einer von 5 (!) Pressesprechern von Bundesgesundheitsminister Gröhe im Kabinett Merkel III.

Vor Zeiten stellten sich fünf Mitglieder der Grünen Jugend vor das Gesundheitsministerium in Berlin-Mitte, rauchten demonstrativ einen Joint, jeder seinen eigenen, versteht sich und forderten die Freigabe von Cannabis. Nur durch Legalisierung seien Drogenprobleme überhaupt in den Griff zu bekommen. Deffner hält dagegen: Eine Legalisierung würde suggerieren, die Droge sei nicht gefährlich. Das wäre ein völlig falsches Signal und ein gesellschaftliches Experiment mit unklarem Ausgang.

Was für eine krause Argumentation! Ist Alkohol legal? Ist Alkohol gefährlich? Tabak ist legal und gefährlich, niemand macht sich Illusionen. Dasselbe gilt für Autos, für die Bundeswehr, für die ostasiatische Brenzelfanne [2]. Die Aussage "Cannabis ist weniger gefährlich als Alkohol" ist einerseits richtig, andererseits heißt "weniger gefährlich" nicht "ungefährlich". Und was das "gesellschaftliche Experiment mit unklarem Ausgang" angeht: Experimente macht man in der Wissenschaft genau deswegen: Der Ausgang ist unklar und das Experiment soll Klarheit bringen. Experimente mit klarem Ausgang sind die Lehrexperimente, die wir aus der Schule kennen, aber selbst die verlaufen manchmal anders als geplant.

Abgesehen davon wäre es ja keinesfalls eine völlig neue Erfahrung, die unsere Gesell­schaft mit legalem Cannabiskonsum machen würde. Ich möchte dran erinnern, daß es gerade mal etwas mehr als 90 Jahre her ist, seit in Deutschland und in vielen anderen Ländern des westlichen Kulturkreises Köst­lichkeiten wie Opium, Morphium, Kokain oder Cannabis verboten wurden. Vorher waren sie frei in jeder Apotheke oder sonst einem Ladengeschäft erhältlich, keiner machte ein Geschiß darum.

Sherlock Holmes setzte sich die 7-Prozent-Lösung Kokain, Thomas de Quincey veröffentlichte unbehelligt seine "Bekenntnisse eines englischen Opiumessers", Hegel schnupfte seinen mit Cannabis versetzten Tabak (High durch Schmai) und Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel rauchte des abends gemütlich seine Pfeife Knaster, also einen mit Hanfsamen aufgepeppten Tabak.

Um 1905 rum brachte die Firma Bayer ein neuartiges Medikament gegen die Opiumsucht auf den Markt - Heroin. Schnaps gegen Biersucht. Kein Satiriker traut sich so was auszudenken. Außer Jaroslav Hašek: Von Hašek gibt's eine Geschichte ("Alkoholikeridylle" ), in der ein Prager Apotheker Schnaps als Medikament gegen übermäßigen Bierkonsum anbietet, womit es eine besorgte Ehefrau schafft, aus einem sehr mäßigen Biertrinker einen haltlosen Schnapsalkoholiker zu machen.

Egal. Ende der zwanziger Jahre kam dann das Verbot all dieser Drogen, in den USA wurde sogar die gefährlichste aller Rauschdrogen, der Alkohol verboten. Heroin, ein Produkt der Firma Bayer gegen Morphiumsucht, wurde allerdings erst in den späten 30er Jahren verboten, Pervitin, heute bekannt als Crystal Meth, noch viel später. Die nunmehr verbotenen Drogen waren damit nicht verschwunden, sie wurden durch das Verbot nur wesentlich teurer und wesentlich gefährlicher, denn keine neutrale staatliche Zulassungsbehörde kontrollierte nun noch die Einhaltung von Standards bei der Herstellung. Ist seither das Drogenproblem geringer geworden?

Der austro-amerikanische Psychologe Paul Watzlawick hat zusammen mit Kollegen das Problemlösungskonzept des Mehr desselben formuliert.

Drogen sind gefährlich, klar, also besteht verantwortliches Handeln darin, Drogen zu verbieten. Ich ziehe Bilanz und stelle fest, daß das mit dem Verbot so recht nicht funktioniert, was logischerweise daran liegt, daß ich nicht konsequent genug gegen den Drogenhandel vorgegangen bin. Ich verschärfe die Gesetze, ich ziehe Bilanz und stelle fest, daß es immer noch nicht funktioniert. Das geht eine Weile so und schließlich muß ich beobachten, daß die Gefährlichkeit der Drogen durch das Verbot gestiegen ist.

Als Heroin von der Firma Bayer auf den Markt gebracht worden ist, wurde es oral eingenommen und galt als probates Hustenmittel, auch und gerade für kleine Kinder. Es wurde - übrigens lange nach dem Verbot von Cannabis - schließlich verboten. Nun verschwindet eine Droge nicht einfach durch ein Verbot, solange es Bedarf danach gibt, wird sie weiter gehandelt, nun auf dem Schwarzmarkt. Die Preise steigen, drastisch. Was macht der Konsument in diesem Falle? Er wird versuchen, mit der gleichen Menge Stoff eine höhere Wirkung zu erzielen, klar. Er zerbröselt die Tabletten und schnieft das Heroin durch die Nase. Ein anderer kommt auf die Idee, den Wirkstoff aufzulösen und ihn sich direkt in die Vene zu injizieren, nochmalige Potenzierung der Wirkung. Ah, jetzt ist das Heroin wirklich gefährlich geworden, ein weiterer Grund, die Drogengesetze zu verschärfen.

Durch das Verbot hat keine Aufsichtsbehörde mehr die Möglichkeit, die Qualität des in den Handel gelangenden Stoffes zu kontrollieren, als Junkie kannst du nur noch beten, daß dich der eben erworbene Stoff nicht umbringt. Damit du dich als Junkie über die Runden bringst (das Zeug ist inzwischen schweineteuer geworden), mußt du einbrechen, rauben, Apotheken überfallen oder dich prostituieren - Beschaffungskriminalität. Du rutscht nahezu zwangsläufig in das gesundheitliche und soziale Elend. Die Droge selbst spielt dabei eine untergeordnete Rolle, viel gefährlicher als die Droge ist das Betäubungsmittelgesetz.

Du krepierst irgendwann, nicht so sehr an der Droge sondern an deren Verbot.

Logischerweise müssen die Drogengesetze verschärft werden, damit dergleichen nicht weiter passiert... Es ist 1 Jammer und es passiert tagtäglich unter den Augen wahnsinnig gescheiter Idioten.

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[1] Mich erinnert Deffner auf diesem Photo an den Udo Lattek seiner letzten Trainerjahre. Der hat seinerzeit auch zum Gottserbarm ausgeschaut, die Zähne zusammengepreßt, den inneren Schmerz niederzukämpfen. "Junge, kiff doch", dachte ich damals, "oder pfeif dir andere entspannende Drogen rein, das ist ja nicht mehr mit anzusehen." Auf die geniale Lösung, den Trainerjob hinzuschmeissen und im Liegestuhl von den im Laufe der Jahre angesammelten Millionen zu leben, kommt eh kaum einer von den Narren mit einem Jahreseinkommen von - sagen wir mal - über 250.000 Euro.

[2] "Ostasiatische Brenzelfanne" steht hier für "Alles Mögliche, das nicht ausdrücklich verboten ist."

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