Es muss ein gewaltiger Wandel in unserer Gesellschaft stattgefunden haben - und ich habe ihn offensichtlich nicht bemerkt. Täglich aber wird er mir vor Augen geführt. In der Werbung zum Beispiel. Wenn ein Discounter Autozubehör im Angebot hat, dann bebildert er seinen Prospekt mit einer jungen Frau, die ölverschmiert an einem Auto rumschraubt. Oder Baumärkte, da sind Presslufthämmer schwingende Frauen schon fast die Regel und nicht die Ausnahme. Einfach mal drauf achten.

Natürlich sind die Damen nicht in Szene gesetzt wie im Pirelli-Kalender, nein, das wäre sexistisch und damit ein No-Go. Also sehen wir sie züchtig bekleidet beim Malochen, so als wäre es das Normalste der Welt. Nun bin ich allerdings doch einigermaßen verwirrt, denn meine Frau schraubt weder an unserem Auto rum, noch würde sie je eine Bohrmaschine in die Hand nehmen. Ist sie eine krasse Außenseiterin? Zu ihrer Ehrenrettung muss ich sagen, auch in unserem Bekannten- und Freundeskreis ist die Bereitschaft der Damen mal kurz die Winterreifen aufzuziehen oder dem morschen Baum mit der Kettensäge zu Leibe zu rücken eher gering ausgeprägt.

Es besteht also eine erkennbare Diskrepanz zwischen einer "gewollten" Realität, die man uns vorgaukelt und dem wirklichen Leben. Und ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass wir alle nicht nur für dumm verkauft, sondern vor allem erzogen werden sollen. Es gibt offensichtlich einen kleinen, feinen Kreis einer intellektuellen oder vielmehr sich intellektuell gebärdenden Schickeria, die Maßstäbe für uns schafft und die definiert, was gut und richtig ist. Es gehört inzwischen zum guten Ton, diesem Mainstream hinterher zu hecheln. Ein solches Mantra ist die Negierung der Unterschiede zwischen Mann und Frau. Frauen, so die frohe Botschaft, können und wollen alles genauso wie Männer. Frauen rein in Männerdomänen! Schluss mit Verkäuferin und Friseuse, die moderne Frau von heute wird KfZ-Mechanikerin oder geht auf den Bau. Und damit uns dies genügend bewusst wird, spielen auch die Unternehmen mit und die Werbung. Auch wenn damit Traumwelten geschaffen werden, die mit der Realität wenig zu tun haben. Gefährlich wird es nur, wenn Traumwelten für real gehalten werden.

Wer die DDR erlebt hat, hat Erfahrungen mit solchen Traumwelten. Da eilte der Sozialismus von Sieg zu Sieg. Ständig wurde propagiert, dass die sozialistische Produktionsweise die überlegene sei und der Zusammenbruch des Kapitalismus unmittelbar bevorstünde. Da wurden in der Landwirtschaft Ernteschlachten siegreich geschlagen und in der Produktion die Pläne übererfüllt und trotzdem waren die Regale in den Geschäften oft genug leer. Der DDR-Bürger hatte sich darum eine gehörige Portion Skepsis gegenüber den Verlautbarungen der Regierung und der Medien zu eigen gemacht.

Alles Geschichte? Das hätte ich vor 20 Jahren auch noch gedacht. Heute bin ich mir da nicht mehr sicher. Wenn ich höre, dass eine Million Flüchtlinge nichts weniger als eine ungeheure Bereicherung unserer Gesellschaft sind und ein Fachkräftepotential bilden, aus dem man sich nur bedienen muss, fühle ich mich irgendwie an die Propaganda der DDR erinnert. Oder wenn ich sehe, mit welchem Enthusiasmus uns die Energiewende schmackhaft gemacht wird, die bislang nichts als eine deutliche Erhöhung der Energiekosten gebracht hat. Da wird von Atomausstieg und gleichzeitiger Dekarbonisierung gefaselt, ohne dass bereits wirkliche Alternativen zur Verfügung stünden. Da wird so getan, als sei E-Mobilität dem Verbrennungsmotor weit überlegen und es mangele nur am guten Willen der Industrie, der Politik, der Käufer, kurz aller. Doch: Wer kauft sich eine Karre, die mit Glück 200 Kilometer weit kommt, aber dann erst mal wieder für Stunden an die Steckdose muss? Das ist im Moment ein Spielzeug für Besserverdiener, mehr nicht.

Die Reihe der Beispiele für Traumwelten, die ein weltentrücktes Weltverbesserungskartell schafft, ließe sich endlos fortsetzen. Da ist der Euro, der eine ganz tolle Sache ist, aber leider immer wieder neu gerettet werden muss. Da ist der Arabische Frühling, der Demokratien nach westlichem Vorbild entstehen lassen sollte und trotz oder gerade wegen der Einmischung des Westens nur eine Brutstätte für den Islamismus war. Da ist das Paralleluniversum Schule, das von ständigen Niveauabsenkungen geprägt ist und dem Zauberwort Inklusion. Jeder kann heute alles mit nur ein bisschen gutem Willen und Förderung, Beeinträchtigungen gibt es nicht, sie werden weggewischt. Abi für alle - wenn's sein muss auf Hauptschulniveau, Hauptsache die Quote steigt.

Deutschland im Jahr 2016, das ist mehr und mehr ein Traumwunderland, dass sich seine eigene Realität schafft. Im Westen sicher mehr als im Osten. Dort schwingt noch aus der Zeit der DDR ein gewisses Misstrauen gegenüber der Politik und den Verlautbarungen der Medien mit. Es ist übrigens diese distanzierte und kritische Sicht auf unser Land und seine Protagonisten, die im Osten den hohen Anteil der Stimmen für die AfD erklärt. Dort ist beileibe nicht jeder AfD-Wähler ein überzeugter Anhänger dieser Partei und schon gar kein Nazi. Doch die Realitätsverweigerung der etablierten Parteien treibt viele Menschen der AfD förmlich zu. Dem wird man mit einfallsloser Wählerbeschimpfung auf jeden Fall nicht beikommen. Und Traumwelten nützen da schon gar nicht.

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