Auf uns rast eine Klimapolitische-Lawine zu wenn uns keine Alternativen zum ruinösen Umgang mit Natur und Tier einfallen. Aber auch wir selbst werden wohl nicht glücklicher, sondern immer wütender weil ratloser. Ist „Corona“ die Stunde der Populisten?

Der Shutdown kam so überraschend wie verheerend. Das soziale Leben wurde eingestellt. Selten war die planungsbedürftige Zivilisation mit so viel Ungewissheit konfrontiert wie jetzt. Habe ich noch einen Job im Herbst? Hält die Beziehung? Wie werden die Schulden getilgt? Was soll ich mit der großen Freiheit anfangen, denn wenn alles offen ist, was hält und was führt mich dann? Was ist der Sinn meines Lebens. Man muss nicht gleich zum Philosophen werden um die Grundfrage des Sinns des Lebens beantworten zu können. Sich aber mit sich selbst auseinandersetzen macht Sinn. Jedenfalls besser, als sich in Ideologien oder wieder dem Hedonismus hinzugeben. Das permanente „Sich mit sich selbst befassen“ bedeutet auch, dass man sich für die eigene Freiheit entscheidet und gegen die Obrigkeit. Von den fast 200 Staaten die offiziell auf der Welt eingetragen sind, sind nur ein Bruchteil Staaten, in denen sich Bürger frei bewegen und frei entscheiden können, welches Leben sie führen möchten. Erst dann kann eine Gesellschaft halbwegs gesund sein, wenn man erstens die Welt in der man lebt irgendwie verstehen kann. Ohne Verständnis wird man wütend, selbst wenn man von Schicksalsschlägen heimgesucht wird und erstmals ratlos zurück bleibt – irgendwie muss man versuchen die Situationen zu verstehen, zumindest nicht wütend zurück bleiben. Zweitens muss das Handeln möglich sein – dort wo Not am Mann ist, muss geholfen werden können – wenn man dann nicht handeln darf, macht uns das alle krank. In Diktaturen scheint dies nicht so leicht zu sein – in einer freien Gesellschaft wie der unsrigen stehen meistens nur wir selbst uns im Weg. Und drittens sollte man das eigene Handeln immer auch in einen sinnvollen Zusammenhang stellen können. Verstehen, handeln und der Sinn im großen Ganzen. Wenn alles aber immer komplexer wird, bleiben wir oftmals ratlos zurück und wollen klare einfache nachvollziehbare Lösungen haben.

Randgruppen rücken in den Mittelpunkt

Doch das ruhige Auseinandersetzen mit Themen und das Suchen nach Lösungen fällt immer schwerer. Manche sprechen gar von Meinungsfaschismus. Randgruppen die sich medial in die Mitte pushen nehmen immer öfter für sich in Anspruch die Wahrheit gepachtet zu haben. Sobald man sie angreift, ihre Thesen in Zweifel zieht wird der Gegner hemmungslos an den Pranger gestellt. Allerdings nicht mehr so wie früher am Marktplatz, als diese Personen dann mit Fallobst beschmissen wurden. Heute wird man medial zerlegt – das kann soweit gehen, dass man den Job aufgeben muss, egal ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Wichtig ist nur die Headline und die Dauerempörung. Sinn und Zweck werden nicht hinterfragt. Dafür steht bereits die nächste News in den Startlöchern. Nur die ständige Aufgeregtheit und Zuspitzung schafft Aufmerksamkeit. Auch wenn da die eine oder die andere Existenz daran glauben muss – die Quote muss passen.

Alternativen suchen und lebendig machen

Das Virus bietet nun die Möglichkeit für die Regierungen und die Medien Alternativen zur bestehenden Welt zu entwickeln, sie lebendig zu machen und zu erhalten und verfügbar zu machen, bis das politisch Unmögliche zum politisch Unvermeidlichen wird. Durch diese Diskurse eines alternativen Lebens könnte das derzeit politisch Unmögliche zum politisch Notwendigen werden. Dazu müsste aber der Mensch auch von seiner konkreten sozialen Situation abstrahiert werden. Nur wenn man mal nicht als Arbeiter, Chef, Mutter, Vater und so weiter handeln und denken muss, sondern als Mensch an sich, wird man anschlussfähig auch für Perspektiven, die das unmittelbare Eigeninteresse übersteigen. Durch einen Wettbewerb an Ideen, ohne dass jeder gleich ins schlechte Eck gestellt wird, nur weil allzu quergedacht wird, kann ein permanenter Wind aus allen Quellen des gesellschaftlichen Diskurses entstehen, bis das ungehörte Unerhörte zu einer anschlussfähigen Alternative wird. Dieser Entschluss zu einem alternativen Leben zu dem bisherigen muss langsam reifen – es muss aber auch endlich mal los gehen. Denn nichts kann werden, was nicht für möglich gehalten wird. So wie wir bisher verschwenderisch leben und das Klima verunglimpfen werden wir noch viele „Coronas“ haben und jedes Mal werden wir wieder in Schockstarre verharren und uns fragen: „Wie gibt es denn das?“. Erst wenn man sich mit dem System ein bisschen auseinandersetzt ist man in der Lage auch ein wenig Abstand nehmen zu können. Ansonsten schwimmt man eh nur mit, weil man keine Alternativen kennt. Und dann ist man ein leichtes Fressen für jene, die einfache Lösungen auf eine immer komplexere Welt haben. Seien wir froh, dass wir grundsätzlich die Möglichkeit haben uns mit uns und dem System befassen zu können – der Großteil der Menschen weltweit kann dies nämlich nicht so gefahrlos wie wir.

Wolfgang Glass promovierte in Politikwissenschaft an der Uni Wien, mit Schwerpunkt EU und Medienkompetenz. Beruflich war er in EU-kofinanzierten Projekten und später als Personalberater & Arbeitsbegleiter im sozialökonomischen Bereich tätig. Derzeit arbeitet er als freier Journalist in Wien.

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