Der Kellner, der da war – und dafür haftbar gemacht wurde

Manchmal genügt es, am falschen Ort zu stehen.

Nicht nackt.

Nicht laut.

Nicht auffällig.

Einfach da.

Der Kellner stand da.

Er trug Tableaus, Teller, vielleicht ein neutrales Gesicht – diese schwer verzeihliche Provokation im Dienstleistungssektor. Um 12 Uhr begann sein Dienst. Um 12.18 Uhr war seine Existenz bereits öffentlich bewertet.

Achtzehn Minuten.

Keine Interaktion.

Kein Konflikt.

Kein erinnerbarer Kontakt.

Aber eine Rezension.

Keine Beschreibung, keine Szene, kein Vorgang. Nur die hohlste aller Formeln: die pauschale Abwertung. Jene rhetorische Mülltrennung, bei der nichts Konkretes gesagt werden muss, weil man sich moralisch ohnehin über dem Gesagten wähnt.

Der Kellner kann sich nicht erinnern, den Mann bedient zu haben.

Das ist nicht ungewöhnlich.

Ungewöhnlich ist nur, dass daraus ein Makel wird.

Denn all das geschieht nicht in einem luftleeren Raum.

Das Lokal war zu diesem Zeitpunkt bereits insolvent.

Medial bekannt. Öffentlich diskutiert. Ein Betrieb im Ausnahmezustand, geführt unter Beobachtung, am Rand der Übergabe.

Genau in diesem Moment wird fotografiert.

Genau in dieser Phase wird bewertet.

Genau dann, wenn jeder Eindruck überzeichnet wirkt, jede Zuschreibung stärker haftet als sonst.

Damit das Ganze auch „Beweiswert“ erhält, wird fotografiert. Trotz ausgeschildertem Fotografierverbot. Trotz Persönlichkeitsrechten. Trotz der lästigen Vorstellung, dass Menschen mehr sein könnten als Kulisse.

Der Kellner ist klar erkennbar abgebildet.

Nicht als Zufall.

Nicht als Randfigur.

Sondern als Ziel.

Fast rührend ist dabei, dass der Rezensent sich selbst mitfotografiert. Spiegelung. Kamera in der Hand. Ein digitales Selbstporträt der eigenen Überlegenheit. Narzissmus mit Weitwinkel.

Nebenbei geraten rund siebzehn weitere Personen ins Bild. Kolleginnen, Gäste, Unbeteiligte. Niemand gefragt. Niemand informiert. Niemand relevant genug, um Rechte zu haben. Wer im Bild ist, ist halt im Bild – so denkt man, wenn man sich selbst für den Mittelpunkt hält.

Die Rezension bleibt online.

Monate.

840 Aufrufe.

Steigend.

Was für den Rezensenten eine „Meinung“ ist, wird für den Kellner zur Hypothek. Bewerbungsgespräch. Namenssuche. Google. Gesicht. Kontext. Urteil.

Das Lokal geht insolvent.

Der Kellner nicht.

Er bleibt zurück mit dem Bild, dem Text, der Unterstellung – und der latenten Frage, ob Arbeiten inzwischen ein öffentliches Risiko darstellt.

Und irgendwo sitzt jemand, der glaubt, Löschen sei eine Großzügigkeit. Einsicht eine Option. Verantwortung verhandelbar. Schließlich war es ja „nur eine Rezension“.

Nein.

Es war eine Zuschreibung ohne Sachverhalt.

Mit Bild.

Mit Reichweite.

Mit Dauer.

Der Kellner wollte keinen Diskurs.

Er wollte arbeiten.

Aber das reicht heute nicht mehr.

Heute muss man auch noch ertragen, bewertet, fotografiert und archiviert zu werden – von Menschen, die sich für kritisch halten, weil sie klicken können.

Und wenn der Kellner sich wehrt, heißt es plötzlich: überempfindlich. Undankbar. Humorlos. Einer, der „das Internet nicht verstanden hat“.

Vielleicht hat er es besser verstanden als andere.

Nämlich, dass Willkür nur so lange Meinung ist, bis sie haftet.

Denn am Ende zählt nicht, wer sich für wichtig hält.

Sondern wer Verantwortung tragen muss – auch für achtzehn Minuten Arroganz.

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