Man liegt morgens unter der kuscheligen Decke und der Wecker läutet. Mit aller Kraft schafft man es eine Auge zu öffnen. Eine innere Stimme sagt: „ich muss aufstehen, es ist Zeit“ eine andere Stimme antwortet: „Nein, ich bleibe liegen. Hier ist es warm und wozu tu ich mir das überhaupt an?“ die erste Stimme wirft nun ein „Ich muss aber aufstehen, es gibt Arbeit zu tun und wenn ich liegenbleibe, wer bringt dann das Geld heim? Es nützt nichts. Ich muss aufstehen!“ Die andere Stimme verhandelt dann noch einige Male um ein paar Minuten und irgendwann wälzt man sich dann eben aus dem Bett.

Innere Monologe wie diese sind den meisten Menschen bekannt. Die meisten tun so etwas. Das ist spätestens seit Lev Vygotsky als Wahrheit akzeptiert, aber bereits Marcus Aurelius beschrieb genau dieses Beispiel mit dem morgendlichen Aufstehen in seinem Werk Ta eis heauton vor über 800 Jahren.

Das beiläufige Selbstgespräch ist also kein Zeichen von Wahnsinn sondern von seelischer Gesundheit.

Die meisten Menschen sprechen also mit sich selber auch wenn es nicht jeder zugibt. Aber nicht jeder kann das, wie es scheint. In der Studie „An asymmetrical relationship between verbal and visual thinking: Converging evidence from behavior and fMRI“ wird dargestellt dass ein Teil der Bevölkerung solche inneren Dialoge nicht führt. Grundsätzlich denken wir in zwei wesentlichen Wegen: in Bildern und Wörtern. Praktisch jeder kann in Bildern denken, aber die Fähigkeit in Wörtern zu denken scheint weniger verbreitet zu sein als angenommen. Wir denken scheinbar nicht alle gleich.

Fehlt die Fähigkeit zum inneren Monolog bzw. „Dialog der Persönlichkeiten“ wird es schwierig sich ein eigenes Weltbild zu bauen. Was bleibt ist vorhandene Weltbilder und Ideale ungefiltert zu akzeptieren.

Hier stolpern wir über einen Vorwurf den sich Kinder öfter vorwerfen lassen müssen, den Vorwurf der Altklugheit. Laut dem Philosophen Robert Pfaller besteht „Altklugheit darin, auf unreflektierte und dogmatische Art vermeintlich vernünftigen Idealen nachzueifern, was aber gerade nicht einem erwachsenen Verhalten entspricht, welches auch abwägen und relativieren kann.

Diese Definition postuliert also dass es einen Erwachsenen geradezu definiert dass er Ideale relativieren und abwägen kann. Er versteht dass ein Ideal sich nicht in die Realität übertragen lässt.

Die Idee dass es „toll wäre wenn wir fliegen könnten“ klingt toll. Das Ideal wie ein Vogel zu fliegen übersetzt sich dann in fliegende Superhelden und ein Kind möchte dann genau das auch können. Der Erwachsene ist sich darüber im Klaren dass das nicht möglich ist und begnügt sich mit dem Flugzeug, das Kind aber wird darauf pochen dass das nicht das ist was es wollte. Es wäre ein fauler Kompromiss, eine Kapitulation vor dem Normalen.

Das Kind will sich ein Cape umhängen und wie Supermann fliegen können, alles darunter ist zu wenig.

Der Idealist und Fundamentalist stimmt in diesen Chor ein.

Im Hinblick auf die oben zitierten Studien kann es aber sein dass diese Menschen gar keine andere Wahl haben die Welt so zu sehen wie sie sie sehen. Wenn keine innere Stimme da ist die einem sagt „Moment, Halt. Das passt doch gar nicht zu dem was ich beobachten kanndann bleibt das Ideal völlig unangetastet als Option im Raum stehen. Es gibt dann keinen Grund für einen Kompromiss für den Fundamentalisten, den Idealisten oder eben das Kind.

Wie viele Menschen denken aber nun erwachsen?

Laut Experten wie etwa Dr. Jay Giedd ist die Entwicklung des Gehirns mit 18 längst nicht abgeschlossen sondern zieht sich zumindest bis 25. Diese Entwicklung geht auch mit einer Verhaltensänderung einher. Viele Jugendliche Verbrecher ändern ihren Lebensweg kurz vor 30, sofern sie die Möglichkeit dazu haben. Es kann angenommen werden dass sie erst dann wirklich fähig sind ihre Kriminalität als das zu sehen was sie ist.

Das Gehirn ist eine tückische Sache. Wir erwarten nicht von jemandem der ohne Beine auf die Welt gekommen sind „wenigstens durchschnittlich gut zu laufen“. Wir erwarten das auch nicht von jemandem mit einer angeborenen Fehlstellung.

Wir wissen dass diese Forderung geradezu grausam wäre.

Menschen die aber mit einem weniger leistungsstarken Gehirn auf die Welt kommen erhalten aber diese Gnade oft nicht. Das Märchen von der Seele, die in uns allen gleich existiert, dominiert noch immer die Kultur. Der überwiegende Teil der Bevölkerung mag zwar akzeptieren dass es Menschen gibt die klüger sind als sie selber, die Vorstellung dass es aber auch Menschen gibt die deutlich weniger vermögen als sie selbst ist für viele unvorstellbar. „Wenn ich das kann, dann musst du es auch können“ ist kein seltenes Mantra.

Der aktuelle Forschungsstand gibt dem Philosophen also recht: dem Kind fehlt, im Allgemeinen, die Fähigkeit zur Rationalisierung. Sie impliziert aber auch dass viele Erwachsene diese Fähigkeit niemals erlangen.

Ist es also denkbar dass ein Kind mit einer grundlegenden Fähigkeit zum inneren Dialog zu rationaleren Resultaten kommen kann als ein Erwachsener dem diese Fähigkeit vollständig fehlt?

Offensichtlich.

Der Vorwurf der Altklugheit ist daher grundsätzlich abzulehnen. Klug ist jemand der etwas Richtiges sagt und richtig bleibt es sofern es nicht widerlegbar ist. Ein Kind muss sich hierbei den gleichen Regeln unterwerfen wie ein Erwachsener, obgleich es eventuell nicht vollständig verstehen kann warum es falsch liegt. Das gleiche gilt für jede andere Debatte zwischen Skeptikern und Rationalisten auf der eine Seite und Idealisten und Fundamentalisten auf der anderen Seite.

Basierend auf den eigenen Vorstellungen liegt der andre falsch und man selber richtig. Für den Rationalisten ist seine Art zu denken eine höher entwickelte Form, da er sich aus der Beschränkung des Fundamentalen erhoben hat. Für den Idealisten aber stellt es eine korrumpierte Form der Denkweise dar, da der Rationalist das Ideal als unerreichbar betrachtet, eine Sicht die der Idealist nicht teilt.

Der Konflikt zwischen Fundamentalismus und Rationalismus, dem Ideal gegen den Kompromiss, ist also ein Konflikt der sich durch Gruppen und Generationen zieht. Hätte er keinen Nutzen, hätte die Natur ihn ausgerottet.

Eines ist aber sicher: der Konflikt wird so rasch nicht enden, aber es hilft ihn zu verstehen.

daniel stolle https://i.pinimg.com/originals/6c/56/b1/6c56b12b08e75cf8c5b989fe26655d58.jpg

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