Manche Menschen denken alles sollte erlaubt sein, auch Kannibalismus. Die Breite Mehrheit denkt aber, dass es in Gesellschaften durchaus legitim ist das Verhalten zu begrenzen. Wo diese Grenze liegen soll ist nicht Gegenstand der heutigen Debatte sondern was wir mit den Grenzgängern tun und tun sollten.

Gesellschaften definieren sich durch ihre Regeln. Menschen die nach den gleichen Regeln spielen kommen üblicherweise gut miteinander klar, vorwiegend weil das Verhalten des anderen verständlich und vorhersagbar ist. Menschen die nach unterschiedlichen Regeln leben hingegen haben oftmals Probleme und diese Probleme basieren zu einem erheblichen Teil darauf, dass der Eine etwas tut was er für völlig normal hält, wohingegen es für den Anderen nicht akzeptabel ist.

Der Europäer rümpft etwa die Nase, wenn der Chinese aufzieht und auf die Straße spuckt, der Chinese wenn der Europäer sich in einem Meeting die Nase im Taschentuch schnaubt. Das bedeutet aber nicht, dass jeder der beiden die subjektiv falsch empfundenen Handlungen des Gegenübers tolerieren kann ohne sie aber wirklich als normal oder akzeptabel zu verstehen.

Aber auch innerhalb der gleichen Kulturen gibt es unterschiedliche Auffassungen was normal und akzeptabel ist und was nicht. Die Grenze etwa welche Tiere in unseren Breiten gegessen werden können bewegt sich von „alle“ bis „keine“ aber die breite Mehrheit teilt keine der beiden extremen Ansichten. Es gilt dabei zu verstehen, dass das was die Mehrheit tut das Normal definiert und was die Mehrheit tut ist alle 100km und alle 20 Jahre anders.

Das Normal ist im Fluss aber immer davon abhängig was eben die Mehrheit gerade tut. Das Smartphone ist heute normal weil alle es benutzen, vor 20 Jahren war man ein Freak wenn man eines hatte. Diese Veränderung des Normals ist Teil der Normalität und recht unvorhersagbar.

Zu Beginn der Coronakrise vermutete ich, dass Masken zu tragen, wenn man krank ist Teil unserer Normalität werden würde, wie in Asien eben. Der staatliche Zwang verpasste der Maske aber einen autoritären Touch und wirkt so gegen den Trend. Wie es in 10 Jahren aussehen wird kann also keiner sagen. Was wir aber sagen können ist wie es früher war.

Wenn Menschen vor 4 Jahren mit Maske alleine im Auto gefahren sind wurden sie zwar als Spinner bezeichnen, aber niemand tat ihnen etwas an. Dinge die die Mehrheit nicht akzeptiert, Dinge die nicht normal sind, werden geduldet, insofern niemand zu schaden kommt.

Es wurde geduldet und toleriert aber normal war es deswegen noch lange nicht. Muss es aber auch nicht sein.

Es ist dabei völlig unerheblich ob das was derjenige tut gut oder schlecht ist. Eine Maske zu tragen, wenn man krank ist, war und ist etwa klug. Auch in einer Bank. Dennoch duldeten wir es in Banken vor 4 Jahren nicht, jetzt war es für 2 Jahre normal und es gilt abzuwarten wie die Normalität in 10 Jahren aussieht.

An der Grenze des Akzeptablen steht also immer die Duldung und Toleranz.

Menschen die Dinge tun die nur geduldet werden fühlen sich dennoch immer etwas ausgegrenzt und es liegt in der Natur der Sache dass sie versuchen ein Teil der Normalität zu werden und es ist aus Sicht der breiten Masse oftmals schwer zu verstehen warum Menschen die an der Grenze stehen nur geduldet und nicht vollständig akzeptiert werden. Jeder von uns kennt solche Fälle und viele von uns hier sind auch solche Fälle.

Betrachten wir beispielsweise Menschen die gern Katzen essen.

Das Problem bei der Normalisierung der Katzenesser ist, dass irgendwann weiter hinten der Frischfleischkannibale darauf wartet auch akzeptiert zu werden. Wenn man Schritt für Schritt jeden in die Normalität lässt, wenn wir alles akzeptieren und jeden der Menschen diskriminiert als den Schurken versteht, landen wir in einer Gesellschaft in der derjenige der in der U-Bahn von einem Frischfleischkannibalen angeknabbert wird und sich wehrt ein -ist und eine -phob ist, weil er den armen Kannibalen daran hindert seiner Identität entsprechend zu handeln.

Die Masse diskriminiert also diejenigen die außerhalb des normalen Regelwerks agieren, wobei diese Diskriminierung zunimmt je weiter man vom Normal entfernt ist. Das gilt für Kulturen wie Subkulturen, viele Veganer werden nicht mit Fleischessern ausgehen und wenn sie es doch tun wird es vorkommen dass jeder im gegenüberliegenden Freundeskreis schief angesehen wird, weil „was normal ist“ in den unterschiedlichen Freundeskreisen unterschiedlich definiert ist und man, je nachdem in welcher Mehrheit man sich gerade befindet, der Freak ist der etwas Falsches tut.

Im Idealfall toleriert jeder Freundeskreis den Abweichler. Die andere Lebensweise aber vollständig zu akzeptieren kann nicht wirklich erwartet werden, insbesondere nicht von Menschen die einen Teil der persönlichen Identität aus z.B. dem Essverhalten ableiten, wie etwa ein Bekannter von mir der sich zum Käsefondue ein Steak mitnimmt und den halben Abend darauf herumreitet, dass zu jeder Mahlzeit Fleisch gehört.

Wir rollen die Augen aber wir tolerieren ihn. Eine Zeit lang jedenfalls, irgendwann sagen wir ihm dass er ein Spinner ist und den Mund halten soll.

Fakt ist, dass Menschen die an der Grenze stehen selber durchaus nicht frei vom Wunsch sind anderen zu verbieten was sie tun sollen. Im Gegenteil. Viele am gesellschaftlichen Rand treten offen dafür ein dass gewisse Dinge die „normal“ sind verboten sein sollten, dafür die eigene Lebensweise normalisiert sein sollte, etwa Kiffer die meinen THC gehöre legalisiert, dafür Alkohol verboten.

Diskriminierung ist also ein Teil der Gesellschaft und etabliert wie weit man vom Normal abweicht. Die Idee Diskriminierung zu unterbinden klingt gut, schließlich haben auch die Menschen am Rand ein Recht in der Gesellschaft mitzuwirken, das Problem ist nur eben dass die Toleranz gewisse Grenzen haben muss und sobald man diese Grenzen einzieht hat man geradezu zwangsläufig wieder Diskriminierung oder aber, im Fall der grenzenlosen Akzeptanz und einer vollständigen Ächtung der Diskriminierung, Kannibalen in der U-Bahn.

Zu sagen man akzeptiert jeden wie er ist, auch den Frischfleischkannibalen, ist nur so lange eine gute Idee bis besagte Minderheit neben einem die Messer wetzt und die Mitmenschen einem sagen dass man eben den Preis der Toleranz zu zahlen habe und sich nicht so anstellen möge, dann plötzlich wirkt die Idee nicht mehr so gut.

Das Akzeptable zu begrenzen ist notwendig um eine funktionierende Gesellschaft zu erhalten, eine Gesellschaft in der die Mitmenschen sich eben berechenbar verhalten.

Die Alternative ist Chaos.

4
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Matt Elger

Matt Elger bewertete diesen Eintrag 05.02.2023 18:08:01

Tourix

Tourix bewertete diesen Eintrag 04.02.2023 22:57:02

Petra vom Frankenwald

Petra vom Frankenwald bewertete diesen Eintrag 03.02.2023 18:20:01

Kai-Uwe Lensky

Kai-Uwe Lensky bewertete diesen Eintrag 03.02.2023 10:12:07

10 Kommentare

Mehr von Angus