Wie Arbeit das Leben überhaupt erst ermöglicht

Wie kann es sein, dass in einem Land Überschuss herrscht und in einem anderen Land Mangel – obgleich sich diese Länder wie ein Ei dem anderen gleichen?

Die Antwort ist im Wesentlichen, dass der Mensch den Unterschied macht.

Vergleichen wir hierzu zwei fiktive Länder. Beide Länder seien gleich groß und verfügen über gleich viele Bodenschätze. Beide Länder können von sich aus 5000 Menschen versorgen: das Wasser kommt aus einem Bach und es wachsen genügend Früchte um eben besagte 5000 Menschen durch das Jahr zu bringen. Der Aufwand hält sich in Grenzen. Kulturen die „vom Land leben“ (gibt es im Deutschen eine Phrase die das englische „living off the land“ beschreibt?) arbeiten im Schnitt 15 Stunden pro Woche leichte Arbeit.

Das eine Land bleibt bei diesem Lebensstil. Im anderen beginnt jemand damit Feldfrüchte zu domestizieren. Das bedeutet zusätzliche Arbeit. Aus den 15h leichte Arbeit werden für diese Person eher 30 Stunden harte Arbeit. Das Resultat ist aber dass er nicht nur die Nahrung hat die er braucht sondern signifikante Überschüsse generieren kann. Das ermöglicht es ihm einige Kinder mehr durch den Winter zu bekommen. Aus den 5000 Menschen die zuvor ernährt werden konnten wurden also 5005. Diese Überschüsse kann er zudem nutzen um Arbeit einzutauschen. Sein Nachbar etwas schlägt ihm vor eine Scheune für ihn zu bauen, dafür möchte er Korn haben. Dieser Deal macht es dem Bauern möglich noch mehr Felder zu bestellen und noch mehr überschüssige Korn zu erzeugen. Das Korn wandert zum Baumann der nun auch ein weiteres Kind durch den Winter bekommt. Die Anzahl an Menschen die nun in dem Land leben können steigt auf 5007. Nun beginnen überall Menschen Korn anzubauen. Die Zahl der Menschen steigt. Die Zahl der Arbeitsstunden, genauso wie die Härte der Arbeit, steigt aber mit. Wenigstens anfänglich.

Nach einigen Jahrhunderten kann das Land in dem gearbeitet wird hundert Mal mehr Menschen versorgen. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung ist aber damit beschäftigt die Infrastruktur am Laufen zu halten. Aquädukte und Kanäle müssen gesäubert werden, denn der Bach alleine reicht schon lange nicht mehr um alle Menschen mit Wasser zu versorgen. Häuser müssen repariert oder neu errichtet werden, denn die Höhlen lieferten eben nur Obdach für 5000 Menschen. Nicht aber für eine halbe Million.

Das andere Land sieht nun mit allerlei Eifersucht in das reiche Land und fragt sich wie die so viel und sie so wenig hätten. Diese Frage resultiert aus einem Problem das die Chinesen mit dem Sprichwort „Neid sieht den Spaten nicht“ beschreibt. Für die Besitzlosen ist nur der Besitz sichtbar, nicht aber die Arbeit die damit verbunden ist. Für sie ist aber klar dass „die da drüben“ es irgendwie geschafft habe sich an ihnen zu bereichern. Wie genau ist unklar, aber was soll es denn Anderes gewesen sein?! Auftritt des Opfermythos.

Könnten aber beide Länder so reich sein wie das reiche Land? Die Antwort ist: ja, denn der Reichtum ist eben nicht gestohlen sondern ein Resultat der Arbeit und Spezialisierung.

Der Schlüssel dazu ist aber nicht die Hälfte des Wohlstandes vom einen Land ins andere zu karren sondern darin zu erkennen dass Arbeit das Leben überhaupt erst ermöglich. Und das ist keine Sache die nur uns Menschen betrifft. Alle Lebewesen tun etwas für ihre Nahrung. Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren ist dass wir wissen was wir mit den Überschüssen tun können. Hätten die Katzen sich dazu entschieden nicht 2/3 ihres Lebens mit schlafen zu verbringen sondern statt dessen Mäuse hin und her zu handeln, würden jetzt wohl Katzen auf den Mond fliegen.

Und hier liegt des Pudels Kern: wenn Menschen sich darüber empören dass Manschen schmutzige Arbeit tun müssen, Arbeit die sie selber niemals tun würden, dann können sie das nur tun weil sie nicht verstehen dass genau diese Arbeit für den Arbeiter den Unterschied zwischen Leben und tot bedeutet. So fürchterlich manche Jobs auch sein mögen, dieser Job schafft die Werte die es am Ende des Tages ermöglichen dass irgendwer die Dinge schaffen kann damit dieser Arbeiter leben kann. Diese Jobs existieren nicht um Menschen zu quälen. Sie existieren als Teil der Wertschöpfungskette.

Europa etwa könnte, wenn keiner arbeitet, keine 741 Millionen Menschen erhalten.

Dazu wachsen nicht genügen Beeren.

Als Beispiel: vor etwa 40 000 Jahren lebten in ganz Europa gerade einmal 3000 Menschen. Weltweit lag er wohl bei unter einer Million.

Vor 10 000 Jahren stieg der Wert Weltweit auf 5 Millionen an und um die Zeitenwende lag er auf erstaunlichen 250 Millionen. Der Grund dafür ist die Arbeit des Menschen, die Spezialisierung und technologische Neuerungen dank derer wir mehr in kürzerer Zeit tun konnten. Wir nenen das "Zivilisation".

und genau diese Zivilisation führte nicht jeder ein. Manche Teile der Welt blieben stehen. Die Amish etwa weigern sich standhaft in die Neuzeit zu treten. Und sie haben jedes Recht dazu so zu bleiben wie sie sind. Haben sie aber ein Recht darauf einen Teil des Wohlstandes zu erhalten den die Welt erschaffen hat die sich weiterentwickelt hat?

Ich denke nicht.

Warum auch?

Die Amish könnten ebenso beginnen moderne Anbaumethoden verwenden und moderne Bauern werden und entsprechend mehr Geld verdienen. Sie entscheiden sich aber aktiv dagegen und wie bereits gesagt: sie haben jedes Recht dazu das zu tun, haben aber die Konsequenzen zu tragen.

Sich zu entscheiden nur das Notwendigste zu tun ist eine absolut legitime Entscheidung. Die Konsequenz muss aber bedeuten dass man eben nur so viel hat wie man zum Allgemeinwohl beiträgt. Wer wenig Sinnvolles tut, der hat weniger und wer mehr will muss sich überlegen wie er so nützlich wie nur irgendwie möglich ist.

Aus genau dieser Überlegung erwuchs die Zivilisation und genau diese Zivilisation macht den Unterschied zwischen einem Europa in dem 3000 Menschen leben können und einem in dem 741 Millionen Menschen in relativem Überschuss leben. Der Opfermythos, die Idee dass unser Wohlstand geklaut ist, ist nicht mehr als das: ein Mythos derer die nicht arbeiten wollen.

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