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2.7 Millionen Besuche – soviel sollen - wie die SPÖ heute bekannt gab – am heurigen Donauinselfest gezählt worden sein, womit das letztjährige Ergebnis gleich um 300.000 übertroffen wurde. Das „größte derartige Event“ Europas war damit wieder ein großer Erfolg. Eine Veranstaltung, die soviel Menschen anzieht, kann und darf nicht hinterfragt werden. Kleinere Unstimmigkeiten vor Ort, wie eine Messerstecherei am Samstag fallen da nicht weiter ins Gewicht. Und da das Ganze ja eine Parteiveranstaltung der Wiener SPÖ ist, zeigt sich wieder mal deutlich, wer wirklich den Finger am Puls der Menschen hat. Punkt!

Doch wer sich all das mal durch den Kopf gehen lässt, stößt auf eine Reihe von Unstimmigkeiten, um genau zu sein eigentlich Ungeheuerlichkeiten, die zumindest einmal breiter diskutiert werden sollten.

Da wäre zunächst einmal die beeindruckende, jährlich wachsende Besucherzahl. Wie man seit dem 1. Mai weiß, ist bei Zahlenangaben über Parteiveranstaltungen der SPÖ durchaus Zweifel angesagt. Damals wurden schnurstracks aus 12.000 Besuchern der Maifeier am

Rathausplatz 120.000 und als diese Behauptung nicht mehr hielt, nachher etwas von „allen Besuchern in allen Bezirken“ erzählt. Offenbar hatte man einfach alle, die irgendwie auf den Straßen Wiens anzutreffen waren, als potentielle SPÖ-Anhänger ausgewiesen.

Wie realistisch sind also diese erwähnten 2,7 Millionen?

Da es ja keine personalisierten Eintrittskarten gibt, handelt es sich dabei wohl um eine Zahl die aus den Besuchern der drei Tage eine Gesamtzahl errechnet. Dafür spricht auch der Sprung um 300.000 vom vergangenen Jahr auf heuer. Offenbar wurden einfach Daumen mal Phi 100.000 Menschen pro Tag dazugeschlagen. Man spricht ja vorsichtig von Besuchen und nicht Menschen. Das heißt also, dass man davon ausgehen kann, dass damit wohl 900.000 pro Tag gemeint sind. Gut. Da stellen sich aber gleich zwei weitere Fragen: 1.) Wo kommen die her? 2.) Wie kommen die dorthin?

900.000 Besucher ist rund die Hälfte der Wiener Gesamtbevölkerung. Da auch außerhalb der Donauinsel Wien am Wochenende nicht ausgestorben wirkte, kann es sich bei den Besuchern wohl nicht ausschließlich um Wiener handeln und tatsächlich tauchten in den Berichten immer wieder Besucher aus ganz Österreich oder teilweise aus dem Ausland auf. So groß kann dieser Run aber auch nicht gewesen sein. Eine Überprüfung auf einer Buchungsplattform lieferte gestern mittag für eine kurzfristige Übernachtung in Wien von Sonntag auf Montag immerhin 483 Beherbergungsbetriebe mit freien Zimmern. Für heute auf morgen liefert die gleiche Plattform Stand 09.11 Uhr übrigens nur mehr 196 derartige Angebote. Die Donauinselbesucher scheinen also Wien nicht wirklich überschwemmt zu haben. Aber selbst wenn man glaubt, dass es tatsächlich 900.000 Menschen gibt, die sich an jedem der drei Tage für das Fest interessieren, fragt man sich, wie die auf die Insel gekommen sind. Seit Freitag Nachmittag warnten sämtliche Verkehrsnachrichten davor mit dem Auto zu kommen, da es keine Parkplätze gäbe. Daher müssen die Besucher entweder zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen sein. Nehmen wir einmal an, dass rund 160.000 Menschen, das ist viermal das ganze Ernst Happel-Stadion, mit dem Rad oder zu Fuß gekommen sind. Ich gebe zu, dass die Zahl willkürlich gewählt ist, aber wie sich gleich zeigen wird, ist sie relativ unerheblich. Demnach müssten dann rund 740.000 Menschen mit Öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen sein. Man erreicht die Donauinsel im Wesentlichen mit der U1, der U6 oder der Straßenbahn. Eine U-Bahn-Garnitur der Linie U6 fasst im besten Fall, also wenn sie bis zur Gänze gefüllt ist 776 Menschen, eine Linie der U1 bis zu 882 Menschen und eine Straßenbahn maximal 207. Die Zahlen sind offizielle Angaben der Wiener Linien und rechnen jeweils die maximalen Sitz- und Stehplätze zusammen. Nehmen wir weiters an, dass tatsächlich alle zwei Minuten aus jeder Richtung ein Zug kommt und nicht länger braucht als eine Minute um die Leute aussteigen zu lassen, was bei einem vollen Zug sicher eine sportliche Herausforderung wäre. Und nehmen wir schließlich an, dass auch wirkliche alle Fahrgäste ausschließlich zur Donauinsel fahren. Dann, und nur dann würden die öffentlichen Verkehrsmittel stündlich 74.600 Menschen zur Donauinsel bringen können. Wer es nicht glaubt mögen nachrechnen: Alle zwei Minuten ein Zug plus eine Minute Aufenthalt macht maximal 20 Züge pro Stunde und Richtung, mal zwei Richtungen ergibt 40 pro Stunde; 40 mal 776 ergibt 31.040 für die U6, sowie 40 mal 882, also 35.280, für die U1, sowie nochmals 8.280, die mit der Straßenbahn kommen. Rechnet man all das zusammen, so würde das bedeuten, dass es zehn Stunden dauern würde, um diese Menschenmassen auf die „Insel“ zu bringen. Ich persönlich halte das für unwahrscheinlich und meine daher, dass die 900.000 Besuch täglich viel zu hoch gegriffen und daher zutiefst propagandistisch sind. Auch hier scheint die SPÖ mal wieder mehr als großzügig aufzurunden. Realistisch kann man davon ausgehen, dass sich an guten Tagen um die 200.000 Menschen, vielleicht etwas mehr, auf die Insel verirren, das war es dann aber auch schon. Wenn man natürlich pro Konzert alle Besucher addiert, dann kommt man vielleicht sogar auf die eingangs erwähnten 2,7 Millionen, eine Zahl die aber letztlich aus den Fingern gesogen ist, da jeder Besucher bis zu zehnmal gezählt wird. Fakt scheint also zu sein, dass das 2,7 Millionen Festival in Wahrheit eines für 270.000 Interessenten ist, womit die SPÖ bei der wundersamen Besuchervermehrung ihrer Linie treu bleibt!

Abgesehen davon gibt es eine Reihe von weiteren Fragen in Zusammenhang mit dem als SPÖ-Veranstaltung deklarierten Mega-Konzert, die in der derzeitigen politischen Debatte einiges an Brisanz enthalten. Wie sieht es mit Zuwendungen aus? Da es keine Eintrittsgebühren gibt und irgendwer das Spektakel ja auch bezahlen muss, gibt es hier offenbar zahlreiche derartige Zahlungen. Aus der sprichwörtlichen Portokasse kann die SPÖ das ja nicht stemmen. Werden diese Eingänge auch, wie es sich gehört, als Spenden an die SPÖ angegeben? 1,5 Millionen kommen angeblich von der Gemeinde Wien, sprich aus Steuergeldern und 2,65 Millionen aus Sponsoring und Mieten. Aber was wird dann tatsächlich von wem bezahlt? Wie sieht es mit der Infrastruktur aus? Überweist die SPÖ der Stadt Wien beziehungsweise der Polizei die Kosten für Sicherungs- und Polizeieinsatz, Reinigung, etwaige Schäden an der Infrastruktur in jenem Umfang, den auch jeder Private zahlen müsste, oder gibt es da freundschaftliche Abschläge wie einen Größenrabatt? Wie sieht es mit der Dauerwerbung durch den offiziell parteiunabhängigen ORF aus? Nicht nur dass mehrere Sender eigene Bühnen betrieben, was ja auch irgendwen irgendwas kostet, rührt besonders das Flaggschiff Ö3 seit Wochen mit höchster Penetranz die Werbetrommel für eine Parteiveranstaltung der Wiener SPÖ. Wurde Parteiwerbung im ORF nicht irgendwann verboten? Der ORF stellt sogar Moderatoren ab. Zahlt das der Sender? Dann wäre wohl auch das unter Parteispenden zu verbuchen! Und Spender wären dann wieder mal unfreiwillig alle Gebürhenzahler. Wer zahlt die Produktion der heurigen „Donauinsel-Hymne“, einer Neuaufnahme von Peter Cornelius‘ Allzeit Hit „Reif für die Insel“ (in übrigens grauenhafter Form)? Was halten die Anrainer davon, dass es vor ihrer Haustür tagelang rund geht? Wie oft muss die Rettung ausrücken um Jungendliche am Rande der Alkoholvergiftung einzusammeln? Gibt es ein ernstzunehmendes Vorgehen der Polizei gegen Partydrogen, oder sieht man da großzügig weg? Die Liste ließe sich sicher noch um Einiges munter fortsetzen.

Gerade vor dem Hintergrund der von der SPÖ sehr stark mitbefeuerten Debatte um Parteispenden und die Hebung der Volksgesundheit wäre es wünschenswert all das mal zu hinterfragen. Darüber hinaus wäre eine etwas realistischer Berichterstattung über das tatsächliche Interesse am für viele nur als jährlichen „Insel-Wahn“ wahrgenommen Event ebenfalls angebracht. Oder fällt die wohlwollende Berichterstattung über das kollektive Saufgelage mit Musikbeschallung unter Medienpartnerschaft, die mit Inseraten der zahlreichen städtischen Unternehmen abgegolten werden? Ernstzunehmende Berichte und Analysen von Menschen mit dem nötigen Einblick wären wie gesagt wünschenswert, aber für Wünsche sind ja leider nur das Christkind und der Osterhase zuständig und beide wurden zumindest offiziell noch nie am Donauinselfest gesichtet.

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