Wenn Täter plötzlich unschuldig wären: Die absurde Logik der 9/11‑Sprengmythen

Es ist eine merkwürdige, fast groteske Dialektik: Ausgerechnet jene politischen und medialen Kreise, die seit Jahren mit großer Lautstärke vor dem Islam warnen, verbreiten gleichzeitig die Erzählung, die Anschläge vom 11. September seien „in Wahrheit“ eine kontrollierte Sprengung gewesen. Man muss sich die Konsequenzen dieser Behauptung einmal klar vor Augen führen. Wenn die Türme gesprengt wurden, dann waren die islamistischen Täter – also jene, die von Regierungen und Sicherheitsbehörden als verantwortlich benannt wurden – unschuldig. Dann wurde Osama bin Laden, der Anführer von Al‑Qaida (eine Organisation, die für schwere Gewalt und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist), zu Unrecht gejagt und getötet. Dann war der gesamte Afghanistan‑Krieg ein Irrtum, eine Fehlzuschreibung, ein geopolitischer Blindflug. Dann wäre auch der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ ein Konstrukt, aufgebaut auf einer falschen Prämisse. Und dann wäre der IS, der später aus den Trümmern des Irak hervorging, ein Produkt einer Kette von Fehlentscheidungen, die auf einer Verschwörung basierten, nicht auf einem realen Anschlag.

Doch diese logische Konsequenz wird von den Verschwörungserzählern nicht gezogen. Sie wollen gleichzeitig behaupten, dass 9/11 eine „Inside Job“-Sprengung war und dass der Islam eine fundamentale Bedrohung sei. Das ist logisch unvereinbar. Wenn die Anschläge nicht von islamistischen Extremisten verübt wurden, dann ist die gesamte islamfeindliche Erzählung, die sich darauf stützt, hinfällig. Aber Logik ist in diesen Milieus kein Wert, sondern ein Hindernis.

Warum also halten gerade islamfeindliche Kreise an dieser widersprüchlichen Doppelbehauptung fest? Weil ihr Geschäftsmodell nicht auf Konsistenz beruht, sondern auf Konflikt. Sie leben von der ständigen Erzeugung von Alarmstimmung, von der Vorstellung, dass überall Feinde lauern – im Staat, im Ausland, in religiösen Gruppen. Verschwörungstheorien sind für sie ein Werkzeug, kein Weltbild. Sie müssen nicht stimmen, sie müssen nur verunsichern. Jede neue Behauptung, jede neue „Enthüllung“ erzeugt Klicks, Aufmerksamkeit, Empörung. Und Empörung ist die Währung dieser Szene.

In diesem Sinne ist die 9/11‑Dialektik kein Denkfehler, sondern ein bewusst eingesetztes Mittel. Die Widersprüche sind kein Problem, sondern Teil der Strategie. Denn wer verwirrt ist, wer nicht mehr weiß, was wahr ist, lässt sich leichter emotionalisieren. Und emotionale Menschen lassen sich leichter polarisieren. Die Verwirrung ist das Produkt – und der Profit.

Doch diese Dialektik hat noch eine zweite Ebene: Natürlich existiert islamistischer Terror – Gruppen wie Al‑Qaida oder der sogenannte „Islamische Staat“ sind für schwere Gewalt, Anschläge und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Aber genau dieser Terror ist oft die Folge jener Eskalationslogik, die durch Verschwörungserzählungen, Feindbilder und politische Überhitzung befeuert wird. Wenn islamfeindliche Milieus behaupten, 9/11 sei eine „Sprengung“ gewesen, dann entlasten sie paradoxerweise jene Extremisten, vor denen sie gleichzeitig warnen. Und dennoch nutzen islamistische Gruppen die westliche Islamfeindlichkeit wiederum als Beweis für ihre eigene Opfererzählung. Beide Seiten bedienen dieselbe Dynamik: Konflikt erzeugt Radikalisierung, Radikalisierung erzeugt Gegengewalt, Gegengewalt erzeugt neue Radikalisierung. Es ist ein geschlossener Kreislauf, ein System, das sich selbst antreibt. Dass bei einigen Anschlägen – wie etwa den Ereignissen rund um Paris 2015 – beide extremistischen Lager zusammenarbeiten und voneinander profitieren, zeigt diese unheimliche Symbiose: Die einen brauchen den Terror, um Angst zu schüren; die anderen brauchen die Angst, um neue Anhänger zu rekrutieren.

Und genau an dieser Stelle zeigt sich die nächste Schicht dieser Eskalationslogik: Natürlich rekrutieren islamistische Extremisten neue Anhänger, doch die westlichen Kriege gegen den Islamismus haben in den betroffenen Ländern oft den gleichen Mechanismus mit umgekehrten Vorzeichen ausgelöst. Militärische Interventionen, die als Antwort auf Terror gedacht waren, haben in vielen Regionen neue Verwüstungen, Machtvakuums und soziale Traumata erzeugt – Bedingungen, die extremistische Gruppen wiederum als Nährboden nutzen. So entsteht ein Spiegelbild der Eskalation: Während islamfeindliche Kreise im Westen Verschwörungserzählungen verbreiten und damit Misstrauen und Spaltung schüren, entstehen in den Kriegsgebieten Gegenreaktionen, die ebenfalls auf Feindbildern, Vergeltung und Radikalisierung beruhen. Beide Seiten bedienen dieselbe Dynamik, beide profitieren von der Eskalation, beide verstärken sich gegenseitig. Es ist ein Kreislauf aus Gewalt, Gegengewalt und ideologischer Überhitzung, der sich selbst reproduziert – und in dem Logik, Konsistenz und Wahrheit keine Rolle spielen. Denn das eigentliche Produkt dieser Milieus ist nicht Erkenntnis, sondern Verwirrung.

In dieser Logik ist der Terror nicht nur eine Tat, sondern ein Teil eines Geschäftsmodells, das auf Spaltung, Desinformation und Eskalation beruht. Die Widersprüche sind kein Fehler, sondern ein Werkzeug. Denn wer verwirrt ist, wer in einem Nebel aus Halbwahrheiten und Feindbildern lebt, lässt sich leichter in die nächste Eskalationsstufe treiben.

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