Vom Flüchtling zum Arztkittel

Über Jahre behauptete die AfD, ihr politisches Projekt richte sich ausschließlich gegen Flüchtlinge, Bürgergeldempfänger und vermeintlich „nicht integrierte“ Ausländer. Diese Erzählung diente als moralische Tarnkappe: Man gebe nur „den Richtigen“ die Schuld. Doch nun zeigt sich die Dialektik ihres Weltbildes offen. In Sachsen‑Anhalt schreibt die AfD inzwischen ins eigene Programm, dass sie sogar Ärztinnen und Ärzte „loswerden“ wolle – Menschen, die tragende Säulen des Gesundheitswesens sind. Damit fällt die Maske. Was als sozialpolitische Härte verkauft wurde, entpuppt sich als ideologischer Automatismus, der immer neue Gruppen ausschließt, sobald die vorherigen politisch ausgeschlachtet sind. Die Logik dahinter ist kein Sachargument, sondern ein sich selbst fortsetzender Ausschlussmechanismus, der in seiner Konsequenz auf puren Rassismus hinausläuft. Eine Partei, die ständig neue Feindbilder produziert, zeigt, dass es ihr nicht um Lösungen geht, sondern um Spaltung.

Sachsen-Anhalt ist mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren das älteste Bundesland Deutschlands.

Es ist ein Flächenland. Viele Regionen kämpfen längst mit Ärztemangel. Und ausgerechnet dort möchte die AfD künftig möglichst nicht mehr auf ausländische Ärztinnen und Ärzte angewiesen sein.

Mehr als jeder vierte Arzt in den Krankenhäusern Sachsen-Anhalts hat keinen deutschen Pass.

Lest diesen Satz ruhig noch einmal.

Mehr als jeder vierte!

Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung warnen bereits jetzt ganz ausdrücklich: Ohne internationale Ärztinnen und Ärzte wäre eine flächendeckende Versorgung insbesondere im ländlichen Raum nicht mehr sicherzustellen.

Die Antwort der AfD darauf?

Sie schreibt in ihr Wahlprogramm über „Importärzte“, spricht ausländischen Medizinern wegen angeblicher „Sprachbarrieren“ und „kultureller Differenzen“ pauschal ihre Eignung ab und möchte stattdessen deutsche Fachkräfte aus dem Ausland zurückholen.

Man könnte jetzt stundenlang darüber diskutieren, wie realistisch es ist, tausende ausgewanderte deutsche Ärztinnen und Ärzte mit einem Rückkehrprogramm nach Sachsen-Anhalt zu locken.

Man könnte auch darüber sprechen, wie viele Jahre es dauert, zusätzliche Medizinstudienplätze zu schaffen, Menschen auszubilden und anschließend Fachärzte aus ihnen zu machen.

Aber eigentlich reicht eine einzige Frage:

Wer behandelt die Menschen bis dahin?

Der syrische Neurochirurg Salah Layka, der heute im Harz tausende Patientinnen und Patienten versorgt, sagt dazu einen bemerkenswert einfachen Satz:

Wenn die ausländischen Ärzte gingen, würde die Versorgung zusammenbrechen.

Und genau deshalb fällt es mir schwer, diese Debatte überhaupt noch als ernsthafte Gesundheitspolitik zu betrachten.

Ein Bundesland mit einer alternden Bevölkerung und bereits bestehendem Ärztemangel kann es sich schlicht nicht leisten, Menschen, die seine Krankenhäuser und Praxen am Laufen halten, aufgrund ihrer Herkunft das Gefühl zu geben, nicht erwünscht zu sein.

Denn vielleicht muss die AfD diese Ärzte irgendwann gar nicht aktiv „ersetzen“.

Vielleicht gehen einige irgendwann einfach freiwillig.

Und dann werden diejenigen, die heute begeistert „Remigration“ rufen, möglicherweise feststellen, dass Herkunft plötzlich ziemlich egal wird, wenn man sechs Monate auf einen Facharzttermin wartet oder die nächste Klinikstation schließen muss.

Wer in Sachsen-Anhalt lebt und selbst eine Einwanderungsgeschichte hat, sollte sehr genau beobachten, was dort gerade politisch angekündigt wird.

Denn Worte haben Folgen.

Und ein Land, das qualifizierten Menschen immer wieder vermittelt, dass sie eigentlich nicht dazugehören, darf sich nicht wundern, wenn diese Menschen irgendwann sagen:

Dann gehe ich eben dorthin, wo ich willkommen bin.

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