Ich wache auf um zwanzig nach drei, es gibt keinen Grund dafür. "Die Nacht steht um mein Haus", aber nicht als Sinnbild der Verzweiflung. Eine lange Sekunde blicke ich ins Dunkel, horche in die Stille und zähle meine Atemzüge nicht, es gibt keine Zahl. Das Bewußtsein rast wieselflink durch den ganzen Körper, macht in jeder Zehe kehrt und endet fünfgliedrig in den Händen, bevor es sich wieder lauernd hinter die Sinne klemmt. Gedanken sind noch keine in der Nähe, wie wohltuend das doch ist.

"Tee" denke ich und mache Licht. Der ganze Apparat kommt gleichzeitig in Gang, erhebt sich aus den Kissen und begibt sich in die Küche. Ich hole mich ein, als meine Füße den kalten Steinfußboden spüren und merke, daß ich nackt bin. Während der Tee zieht kleide ich mich an und öffne eher gewohnheitsmäßig den Laptop, drehe mir eine Zigarette und gieße den Tee ab. Irgendetwas stimmt nicht, denke ich, während ich rauche und meinen Tee schlürfe. Ach ja, es ist zu früh. Was mach ich hier? Ich sollte schlafen!

Als Jugendlicher habe ich die Stunde vor dem Sonnenaufgang oft genutzt, um mir Tee zu machen und eine Platte der ETERNA Edition mit Bach'schen Orgelwerken zu hören, danach spazieren zu gehen und dabei zuzusehen, wie die Dinge sich langsam aus ihren Schatten schälen und Farbe bekommen. Danach Frühstücken, Einschlafen in der Schule. Kleine Fluchten aus dem Zwang.

An Schlaf ist nicht zu denken, obwohl sich jetzt die Müdigkeit wieder meldet. Lustlos stochere ich in FuF. Es hat sich nicht viel getan in der Nacht, gut so, denke ich. Heute ist Demo, ich bin früh genug wach und könnte hinfahren. Ich niese zweimal und spüre Kopfschmerzen aus fiebrig verspannter Nackenmuskulatur. Nein, meine Gesundheit ist mir wichtiger, denke ich, werfe eine Dosis ASS ein, eine halbe Stunde später sitzt sie. Andere müssen Kinder füttern und zur Schule bringen oder zu Hause festhalten, stecken in Quarantäne. Mich hält eine befürchtete Erkältung zurück. Später lese ich von Wassserwerfern und Leuten, die sich durchnäßt auf eine vier Stunden dauernde Heimfahrt machen mußten.

Keine Mail im Postfach, außer SPAM. Auf das Warenhaus für kleines Glück kann man sich verlassen. Auf FuF alles wie gehabt, das Treibreh geht um, man fetzt sich und speit sich aus der Tastatur gegenseitig an ohne AHA. Die Themen wie immer. Islam, Corona, Migration, wissenschon. Statt "Abstand halten!" wünsche ich mir "Anstand halten!", es ist nur ein Buchstabe der geändert werden muß.

Ich klappe den Laptop zu.

Es ist zu früh zum Wachsein.

Ich schlafe noch, wie die meisten meiner Zeitgenossen, dem kollektiven Traum von Wohlstand durch Fleiß und Ordnung immer noch verhaftet, in den sich der Alp Krise mischt, Corona, Klimawandel, Katastrophen, Hunger in Afrika, die schlimme Welt. Was tun? Man rührt sich doch und tut etwas, leistet Dienst, arbeitet oder bleibt in Quarantäne, es ist notwendig. Man muß gesund bleiben, sich und die Seinen durchbringen, stabile Verhältnisse wenigstens im Radius der eigenen Kraft schaffen.

Aber die Not ist entsetzlich, gerade dann, wenn alles schläft. Ich war noch nie ein bequemer Schläfer, für mich nicht, nicht für andere. Unsere stärkste Kraft schläft, das spüre ich, spürte ich immer.

Aus entsetzlich großer Not wird weiter getestet, Millionen Tests pro Woche. Ja, daraus wird Erkenntnis erwachsen! Die Infektions-Ketten müssen verfolgt werden damit keiner vor der Zeit stirbt, die Mitarbeiter der Gesundheitsämter arbeiten am Anschlag, die Ärzte und das Krankenhauspersonal, es ist notwendig!

Tun wir wirklich Notwendiges? wenden wir Not? oder ist es nicht so, daß wir rasend schnell Nöte schaffen und insgeheim hoffen, der Kelch randvoll gefüllt mit bitterer Not möge an uns vorüber gehen? Was für eine Not zwingt uns, ultramobil reglos in schweren Blechkarossen im Stau zu sitzen? Dinge zu produzieren, die keiner braucht? Tonnenweise Plastik zu kaufen und wegzuwerfen? Mit einer lächerlichen Tapete vor dem Mund in die Einkaufszentren zu rennen? Die Lust am Leben einer diffusen Angst zu opfern? Darf keiner mehr krank werden oder sterben?

Da sind sie wieder, die Gedanken. Andere schlafen noch; ich bin morgens immer Kind mit denselben Augen, denselben Nöten. Es ist zu spät zum Schlafen!

Ich lese meine Blogs zu Corona wieder durch. Mißlungen: zu laut, zu wenig eingängig, zu wenig dicht und überzeugend. Ich kann's nicht besser - diesmal.

Wann ist Wachsein? Vielleicht in der Zeit, in der ich aus dem Schlaf zurückkehre und meinen Körper betrete wie ein lange vernachlässigtes, altes, leeres Haus: in der Zeit, in der die Gedanken noch um die Ecke sind, noch vor dem Wort "Tee".

Vielleicht sind die leisesten Worte doch die besten, solche, die gleich vergessen werden können, deren Nachhall sich zur Stille weitet und das Ich, die Leere füllt. Eine wache Stille ohne Erwartung.

Q.

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