Nachruf auf eine kollektive Stimmung

Im Dezember letzten Jahres veröffentlichte der damalige Chefredakteur des Nachrichten-Magazins Cicero einen Essay (1), in dem er erklärte, er verneige sich vor der deutschen Regierungs-Chefin und frage sich:

“Wie macht sie das bloß? Wie schafft sie es, trotz einer Serie krasser Fehlentscheidungen und ihrem Volke schadender Maßnahmen weiterhin so beliebt zu bleiben?”

Die "Verneigung” war offenbar ironisch gemeint, aber die richtige Antwort auf die Frage “Wie macht sie das bloß?” hatte auch keiner der vielen Leser, die den Artikel im Cicero kommentierten. Aber wenn man sowohl jüngere Erkenntnisse der Neurologie als auch neuere Einsichten der empirischen Sozialforschung in Betracht zieht, dann ist die Antwort einfach: Angela Merkel brauchte überhaupt nichts zu tun oder zu unterlassen, das für ihren Beliebtheitsgrad ursächlich gewesen wäre, denn das besorgten die Gehirne jener Leute, bei denen sie diese Verehrung genoß. Jedem Beobachter, der sich noch ein gewisses Maß an selbständigem und logischem Denkens bewahrt hatte, mußte dieses Verhalten aberwitzig erscheinen und er mußte sich unwillkürlich fragen: „Was geht in den Hirnen dieser Menschen vor?”

Ja richtig, die Hirne! Die Absurdität die sich in der Einstellung der Deutschen zu ihrer Regierungschefin äußerte und die sich in einem etwas geringerem Maße auch jetzt noch äußert, ruft - ja schreit geradezu - nach einer wissenschaftlichen Erklärung. Und da es sich um ein Phänomen menschlichen Verhaltens handelt, können nur die Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung in Zusammenhang mit jüngsten Einsichten der Neurologie einen Einblick in die Ursachen dieses widersinnigen Gebarens vermitteln. In der Tat gibt es bereits einen theoretisch wie auch empirisch fundierten Forschungs-Ansatz, der für diese mentale Verirrung der Massen eine sehr plausible Erklärung unterbreitet, der aber bei den meisten Neurologen und Verhaltensforschern, sofern sie nicht selbst daran arbeiten, kaum bekannt ist. Darüber hinaus ist dieser Ansatz auch noch in hohem Maße politisch inkorrekt, was seine Akzeptanz innerhalb der Wissenschafts-Gemeinde beeinträchtigt.

Wenn man das, was in Wirtschaft und Politik abläuft, im Lichte dieser letzten wissenschaftlichen Einsichten durchdenkt, dann liegt die Antwort an den Cicero-Redakteur schlicht und einfach auf der Hand: Was die Umfrage-Werte der amtierenden deutschen Regierungs-Chefin über den Wolken hielt, war die damals herrschende sehr gute (positive, optimistische) kollektive Stimmung im Volke - eine Geisteshaltung, die kein Mensch beeinflussen kann, weil sie endogen in unserem Zentralnervensystem entsteht - ein für den Einzelnen nicht erkennbarer, weil unterbewußter neuro-physiologischer Vorgang (2). Zwar bildet sich diese Formation in den Einzelhirnen, zeigt aber ihre Wirkung als ein Massenphänomen, weil es im gleichen neuroanatomischen Areal entsteht, das bei vielen Säugetieren einschließlich uns Menschen das Herdenverhalten auslöst und steuert. Die kollektive Stimmung ist also offenbar eine der vielen Manifestationen des von unseren tierischen Vorfahren ererbten Herdentriebs.

Die kollektive Stimmung – wenn man will kann man es auch „Laune” nennen - bewegt sich in hierarchischen Wellen unterschiedlichen Ausmaßes und befand sich Ende letzten Jahres in der Spätphase eines optimistischen Aufschwungs dessen Größenordnung die Menschheit mindestens seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr erlebt hat. Eine gute (positive, optimistische) Stimmung bewirkt auch einen Wirtschaftsaufschwung, eine schlechte (negative, pessimistische) Stimmung verursacht dagegen eine Rezession oder Depression. Die Kausalkette verläuft nicht umgekehrt, wie allgemein angenommen wird.

Aus den Naturgesetzen ergibt sich, daß der Aufschwung der kollektiven Stimmung und der Wirtschaft früher oder später von einem Niedergang abgelöst werden wird, der ein ähnlich großes Ausmaß erreicht wie die vorausgegangene gute Laune und Hochkonjunktur, nur eben in die entgegengesetzte Richtung und von kürzerer Dauer. Ob sich in der beschleunigten Phase dieses nun nicht mehr zu vermeidenden Absturzes noch jemand vor Angela Merkel verneigen wird? Wohl kaum!

Wenn der Niedergang der kollektiven Stimmung, also zunehmender Pessimismus und das dadurch ausgelöste Abflauen der Wirtschaftstätigkeit, ein erhebliches Ausmaß erreicht hat, dann wird Regierungsoberhäuptern und ihrer Entourage alles angelastet, was man ihnen während des Aufschwungs nachgesehen hat, aber auch vieles andere, das den Leuten nicht in den Kram paßt, egal, ob diese Politiker es wirklich verbrochen haben oder nicht. Wenn Menschen in schlechter kollektiver Stimmung sind, dann benötigen sie Sündenböcke, an denen sie diese Laune auslassen können, und als Kandidaten dafür kommen in erster Linie Politiker in Frage, vor denen man sich während der Aufschwung-Phase verneigt hat.

Aber da der zeitliche Beginn und die Länge der Auf- und Abschwünge nicht genau vorausgesagt werden können, ist es denkbar, daß Angela Merkel zwar die initiale Phase aber nicht den Tiefpunkt dieser Entwicklung erlebt und daher vielleicht ohne ein allzu blaues Auge davonkommt. Aber die Zuweisung der Schuld für angerichteten Schaden ist nur eines der Probleme, mit denen sich Amtsinhaber nach dem Einsturz der kollektiven Stimmung konfrontiert sehen. In vielen Fällen stellen enttäuschte Erwartungen eine noch größere Gefahr für die politischen Eliten dar, denn niemals benehmen sich Menschen irrationaler und im Extremfall auch gewalttätiger, als wenn man sie ihrer Illusionen beraubt.

Enttäuschte Erwartungen zeigen besonders ausgeprägte Wirkung im Tiefpunkt einer schweren Wirtschaftskrise, wie sie uns in absehbarer Zeit ins Haus stehen wird. Viele der derzeitigen Merkel-Verehrer werden dann zu jenen gehören, die Teile ihres Vermögens, ihr Einkommen, ihren Arbeitsplatz oder ihr Geschäft verlieren. Sie werden zu Wutbürgern mutieren, weil die Dame, die sie gewählt und in die sie große Hoffnungen gesetzt haben, ihnen nicht aus der Patsche helfen kann. Merkel hat viel Schaden angerichtet, für den man sie anklagen wird, aber man hat auch viel Hoffnung in sie gesetzt, die sich als völlig unrealistisch herausstellen wird. Enttäuschte Liebe schlägt bekanntlich oft in Haß um. Wenn die kollektive Stimmung tief genug gesunken ist, wird es nicht mehr heißen „Merkel muß weg,” sondern schlicht und einfach „Laßt Merkel nicht entkommen.”

Die Gefahr einer lang anhaltenden positiven kollektiven Stimmung besteht darin, daß sie die Mitläufer und Gleichgültigen zu lange in Sorglosigkeit wiegelt. Hier gilt die Frosch-Parabel: Wirft man den Lurch in heißes Wasser, dann erkennt er sofort die Gefahr und versucht alles, um dem Tod zu entrinnen. Taucht man ihn aber in kalte oder lauwarme Flüssigkeit und heizt diese sehr langsam auf, dann braucht er lange um die Erkenntnis zu erlangen, daß er dabei ist, an Verbrühung zu sterben. Aber dann hat das Tierchen vielleicht nicht mehr genügend Zeit, um Methoden für seine Rettung auszuprobieren und durchzuführen.

Die Deutschen verhalten sich zur Zeit wie der Frosch in lauwarmer Umgebung, das heißt, sie sind mehrheitlich immer noch in ziemlich optimistischer kollektiver Stimmung, auch wenn der Höhepunkt der guten Laune bereits hinter uns ist. Die Mitläufer des politischen Auslauf-Prozesses, aber auch die Gleichgültigen, scheren sich erst dann um das, was um sie herum geschieht, wenn sie die Auswirkungen am eigenen Leib oder am eigenen Geldbeutel verspüren. Aber dann befinden sie sich bereits in „heißem Wasser.”

Ich weiß, diese Ausführungen sind schwer zu akzeptieren, weil die Leser hier aufgefordert werden, eine der am weitest verbreiteten Vorstellungen darüber aufzugeben, wie die menschliche Gesellschaft, in der wir leben, funktioniert (3). Die seit Jahrtausenden weitergereichte Überzeugung besteht darin, daß gesellschaftliche Ereignisse – der Ausbruch eines Krieges, bestimmte Maßnahmen oder Äußerungen von Politikern, der Ausgang einer demokratischen Wahl, und so weiter – eine Bevölkerung veranlassen, ihre Zukunft mehrheitlich optimistisch oder pessimistisch zu beurteilen.

Die umgekehrte Kausalkette trifft zu: Die endogen im menschlichen Zentralnervensystem entstehende und sich in hierarchischen Wellen ausbreitende kollektive Stimmung in der Bevölkerung bestimmt den Charakter und den ungefähren Zeitraum der Ereignisse die tatsächlich stattfinden. Dabei haben die Ereignisse selbst keinerlei Rückwirkung auf die kollektive Stimmung. So wie der Pfeil der Zeit immer die Richtung Vergangenheit  Gegenwart  Zukunft einhält und nie in die umgekehrte Richtung dreht, so hält auch der Pfeil der gesellschaftlichen Verursachung den Kurs kollektive Stimmung  Ereignisse ein und kann nicht gewendet werden.

Wenn die kollektive Stimmung sehr positiv ist, dann kann sich ein Regierungsoberhaupt sehr viel dummes Zeug erlauben und wie Merkel einen kompletten Scherbenhaufen anrichten, ohne daß ihm oder ihr diese Verbrechen angelastet werden. Aber wenn die Stimmung dreht und in Richtung Pessimismus wandert, dann werden diese Ereignisse allmählich wieder hervorgekramt und es kann für Amtsinhaber ganz schön ungemütlich werden. Mit der Öffnung der Grenzen hat Merkel ohne jede Frage Verfassungsbruch begangen, und viele haben das ja auch erkannt und betont, aber gegenwärtig schlägt das noch keine hohen Wellen, denn obwohl die Stimmung bereits gedreht hat, ist sie immer noch im ziemlich positiven, optimistischen Bereich. Warten wir mal ab, bis die Laune weiter nach unten abgedriftet ist.

Für das hier beschriebene Phänomen könnte man eine ganze Reihe historischer Beispiele aufführen, aber ein Fall sticht besonders heraus, weil er ein Paradebeispiel ist, an das sich ältere Leser noch erinnern werden: Das Schicksal des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. Drei Monate vor seiner Wiederwahl zur zweiten Amts-Periode veröffentlichten zwei Mitarbeiter der Washington-Post im August 1971 Beweise dafür, daß “das Weiße Haus” (also im Klartext der Präsident) über den Einbruch in das Büro der Demokratischen Partei im sogenannten Watergate-Gebäude Bescheid wußte (also irgendwie geistig an diesem Einbruch beteiligt war).

Aber damals nahm man die Angelegenheit nicht allzu ernst, denn die kollektive Stimmung war ausgezeichnet und die US-Wirtschaft lief auf vollen Touren. Drei Monate nach dieser Veröffentlichung war der Optimismus im Volke noch weiter gestiegen und “Tricky Dick” wurde im November 1971 mit dem bis dahin (und auch bis heute) größten “Erdrutsch” in der Geschichte der amerikanischen Wahlen im Amt bestätigt. In 49 von damals 50 Bundesstaaten stimmte die Mehrheit für ihn - Ausdruck eines Gipfels in der guten kollektiven Laune. Und obwohl die Öffentlichkeit von dem Einbruch und von der Mitwissenschaft des „Weißen Hauses” schon drei Monate vorher Kenntnis erlangt hatte, war der „Fall” Watergate zum Zeitpunkt der Wahl noch weit davon entfernt eine „Affäre” zu sein.

Zwei Monate danach begann die US-Wirtschaft als Folge sinkender Stimmung in der Bevölkerung langsam in die Rezession abzugleiten und im Verbund damit wurde dann auch die Frage aufgeworfen, was für eine Rolle der Präsident bei dem Einbruch im Watergate gespielt hatte. Ein lang anhaltender politischer Schlagabtausch folgte mit Anschuldigen und Verleugnungen, der sich über eineinhalb Jahre hinzog und kontinuierlich intensivierte. Im August 1973, am Tiefpunkt der kollektiven Stimmung und der Rezession blieb Nixon dann nichts anderes übrig als zurückzutreten, um der nicht mehr zu vermeidenden Amtsenthebung zuvorzukommen.

Viele werden sich beim Lesen dieser Zeilen entrüsten. Es sei falsch Merkel mit Nixon zu vergleichen, denn schließlich sei die bedingungslose Öffnung der deutschen Grenzen kein so schwerwiegendes Verbrechen wie es die stillschweigende Toleranz des Einbruchs im Watergate war. Nixon habe aus purem Eigennutz gehandelt, während sich Merkel von moralischen Überlegungen leiten ließ. Die Grundsätze von Ethik und Moral stünden nun mal höher als jedes von Menschen geschaffene Gesetz.

Mit dem klassischen Verständnis von Rechtsstaat und Demokratie läßt sich eine solche Einstellung aber nicht vereinbaren. Was moralisch ist, unterliegt subjektivem Empfinden, während Gesetze darauf ausgerichtet sind, das Rechtssystem zu objektivieren, also Regeln zu erstellen, die innerhalb einer Jurisdiktion für jeden in gleicher Weise gelten. Ohne ein objektives Rechtssystem einschließlich einer Verfassung ist ein funktionierendes Staatswesen undenkbar und würde unweigerlich in Willkür und Anarchie zerfallen. Die Einhaltung der Gesetze und der Verfassung steht daher aus pragmatischen Überlegungen über dem moralischen Empfinden, auch dann, wenn eine bestimmte moralische Gesinnung von einer überwiegenden Mehrheit geteilt wird.

Außerdem ist die Vorstellung widerlegt, Merkel und ihre Entourage hätten nicht wie Nixon aus Eigennutz, sondern aus ethischen Überlegungen gehandelt, als sie die Grenzen sperrangelweit öffneten. Wie der Journalist Robin Alexander in einem vielbeachteten Buch aufzeigt (4), hatten die Kanzlerin und ihre Regierung zunächst erwogen, sämtliche Migranten auch im Falle eines Asylgesuches gesetzeskonform an der Grenze zurückzuweisen. Zu diesem Zweck seien in der Nacht bereits Polizeibeamte aus ganz Deutschland mit Bussen und Hubschraubern an die Grenze transportiert worden. Dann aber sei Angst aufgekommen, durch den Polizei-Einsatz könnten häßliche Bilder entstehen, die der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln gewesen wären und die der Regierung große Schwierigkeiten bereitet hätten. Als Folge dieser Besorgnis wurde die bedingungslose Grenzöffnung angeordnet, ein ziemlich klarer Fall von Gesetzesübertretung aus purem Eigennutz.

Eine wachsende Anzahl von Zeitgenossen, darunter mindestens vier Staats- und Verfassungsrechtler, sieht das so ähnlich, aber noch sind diese Leute mit ihrer Einsicht in der Minderheit und können sich nicht gegen die Mehrheit ihrer Landsleute, die Frösche in lauwarmem Wasser, durchsetzen. Es sieht aber zur Zeit so aus, als müßte man nicht mehr allzu lange auf ein dramatisches Kippen der kollektiven Stimmung und damit der öffentlichen Meinung warten. Hinterher werden dann alle wieder schlauer sein und so manch einer wird sich kopfschüttelnd fragen: Was hat uns denn bewogen, einem Regierungsoberhaupt all das durchgehen zu lassen?

Als sich im amerikanischen Präsidenten-Wahlkapf 1991 George Bush der ältere wunderte, warum seine Umfrage-Werte stark gefallen waren, belehrte ihn sein Herausforderer Bill Clinton rhetorisch: "It’s the economy, stupid!” - "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!” Genauer ausgedrückt hätte er statt “economy” “social mood” (kollektive Stimmung) sagen sollen. Und genau diese Antwort wird man jedem geben müssen, der sich nach der kommenden Stimmungswende wundert wird, warum man Angela Merkel ihre Gesetzesübertretungen so lange nachgesehen hat. Wie gut, daß es in der deutschen Sprache dieses unbestimmte Fürwort „man” gibt. Denn wie immer in solchen und ähnlichen Fällen will ja hinterher keiner nichts gewesen sein.

(1) <http://cicero.de/berliner-republik/angela-merkel-eine-verneigung>

(2) Prechter R. (2002): The Wave Principle of Human Social Behavior and the New Science of Socionomics, 2. edition, Gainsville GA

(3) Casti, Robert L. (2010): Mood Matters. Springer Science+Business Media LLC

(4) Robin Alexander: Die Getriebenen: Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Inneren der Macht, Siedler Verlag, März 2017

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