...dann überlassen wir die Flüchtlinge halt ihrem Schicksal

Seit heute sind verschärfte Gesetzein Ungarn in Kraft. Die Grenze zu Serbien ist dicht. Der EU-Sonderrat endete ohneBeschlüsse. Tausende Refugees sind in Österreich gestrandet. An den an sich offenen Schengen-Grenzen wird wieder kontrolliert.

„Ich bin seit 30 Stunden hier, aber gehe noch nicht heim“, höre ich am Hauptbahnhof ein Gespräch zwischen Train of Hope-Aktivist*innen mit. „When train Allemagne?“, wird meine Lebensgefährtin gefragt. „Sie wollen wissen, wohin man sie bringt“, erklärt ein Farsi-Dolmetscher die Aufregung, als die Refugees aus der Bahnhofshalle II am Hauptbahnhof mit Bussen in der Nacht von Sonntag auf Montag weg gebracht werden. Indes überqueren im Burgenland 20.000 Menschen die Grenze zwischen Ungarn und Österreich. 20 Jugendliche putzen um drei Uhr in der Früh 150 Feldbetten, damit Flüchtlinge in einer der lebenswertesten Städte der Welt nicht am kargen Beton einer Unterführung schlafen müssen.

Ich will noch ein paar Momente erzählen. Wir sammeln in Tulln spenden. Ein junges Mädchen bringt zwei rosa Isomatten vorbei. „Ich hab jetzt nicht so viel Geld und wegen zwei Isomatten fahre ich nicht nach Wien“, sagt sie. Ihre zwei Matten und ein ganzer Ford Mondeo voll werden am nächsten Tag von Aktivist*innen nach Röszke gebracht. Eine junge Araberin steht verloren in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Bahnhofshalle. Zwei Dolmetscher*innen bei ihr. Sie weint beinahe, die Familie ist in Salzburg. Wir wollen sie zum Westbahnhof bringen, da soll ein Zug gehen. Nein, keine Züge nach Deutschland. Plötzlich die Info der ÖBB: Es kommt doch ein Sonderzug. Wir können ihr sagen: „Du kannst heute nach Salzburg!“ Aber wir verlieren sie aus den Augen. Als wir Wasserflaschen zum Sonderzug bringen, treffen sich unsere Augen. Sie lächelt.

Oder die Brüder, die mit Familie unterwegs sind, gerade auf Feldbetten geschlafen haben und den Zug nach Deutschland fast verpassen, weil sie sich noch die Haare herrichten müssen. Ein Funken Würde in einer unwürdigen Situation. Oder der 16-Jährige, den wir im Caritas-Notquartier weinend entdecken. Wir kein Dari, er kein Deutsch. Er will hier bleiben, außer er findet noch seine Freunde. Obwohl wir uns nicht verstehen, zeigen wir uns Fotos. Er einige wunderschöne Naturfotos mit sich und seinen Freunden. Ich zeige ihm Katzen- und Hundefotos. Wir schießen Selfies; er ist derzeit in Traiskirchen gelandet, wie er uns vorhin per Whats App mitteilt (Anm.: In der ursprünglichen Version lautete diese Stelle: Wir schießen Selfies; falls er hier bleibt, bleiben wir in Kontakt. Zwei Tage später erfahre ich, dass er seine Freunde gefunden hat und es nach Deutschland geschafft hat). Ich war nicht in Nickelsdorf, nicht in Hegeyshalom, nicht in Röszke. Nur hier, im Stadtentwicklungsgebiet am modernsten Bahnhof Wiens.

Ich weine fast, wenn ich die letzten zwei Wochen Revue passieren lasse.

Mir schnürt es die Kehle zu. Was, wenn uns die Bomben um die Ohren fliegen würden? Was, wenn wir unser Leben in ein Auto packen müssten? Unsere Verwandtschaft lebt in Wien, Linz und Zürich. Ich wische genau diese Gedanken weg. Ein Lächeln und ein „übercooler“ Gruß in Richtung derer, die in Zelten in der Unterführung am Hauptbahnhof schlafen, mehr kann ich nicht geben. Und selbst wenn sie in Damaskus in einen Flieger gestiegen wären und ein paar Stunden später in Anzug und Krawatte hier angekommen wären – es wäre alles weg, das ganze Leben. Im Großen und Ganzen darauf angewiesen, dass tausende Mitfühlende spenden, helfen und sich Tag um Tag in der Freizeit um sie kümmern. Und was fällt der Politik ein?

- Ungarn bestraft illegalen Grenzübertritt nun mit Gefängnis. Ich zitiere: Wer vor Bomben flieht, lässt sich von Zäunen nicht aufhalten. Das bringt nichts. Abgesehen davon, dass, als Vergleich, Österreich für einen Tag im Gefängnis 102Euro ausgibt – in einem Asylheim erhalten die Betreiber für einen Erwachsenen 19Euro. Das ist doch bescheuert, oder? Also auch rein wirtschaftlich...

- Und die EU? Jene Gremien, die sich im Frühjahr täglich trafen und zur Rettung (vornehmlich deutscher und französischer Banken) drei Hilfspaketein der Höhe von 380 000 000 000 Euro locker machte, scheiterte gestern an der Aufteilung von 120.000 Menschen, in einen Lebensraum mit einer halben Milliarde Menschen. Die haben doch mehr als nur einen Vogel.

- Und was machen die Nationalstaaten? Grenzkontrollen! Stellen den Zugverkehr ein. Lassen die Menschen aus eigener Überforderung im Dreck pennen. Überlassen es NGOs wie der Caritas und dem Roten Kreuz oder den tausenden fleißigen, bewundernswerten Helferleins, die unermüdlich das Bild zeichnen, dass doch nicht ganz Europa auf sie scheißt. Leider vercheckt die österreichische Regierung dann doch auch die Erstaufnahme an ORS.CH...

Es wird mit jedem Tag schlimmer, nicht besser.

Aber egal ob am Sonntag einen Fünfer mehr in den Klingelbeutel, drei Winterjacken, Hilfe auf den Bahnhöfen bis zur totalen Erschöpfung oder Fluchthilfe mit Privatautos an der Grenze zur gegenwärtigen Legalität – jede*r macht im Verhältnis mehr als die Regierungen in Wien, Budapest, Berlin oder die Gremien in Brüssel. Wir müssen alle durchhalten, weil wenn wir uns so wie die Entscheidungsträger*innen verhalten, dann überlassen wir die Flüchtlinge halt ihrem Schicksal.

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G. Szekatsch

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Maria Lodjn

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