TAKIN MISSISSIPPI AS IT IS? – REISEBLOG #02

Seit mehreren Tagen cruisen wir hauptsächlich durch den Bundesstaat Mississippi – auf den Spuren der Geschichte des „Land of the free“. Dieses Sätzchen führt sich zwar etwas ad absurdum, es ist hier aber trotzdem schön und spannend.

„What the hell brings you to Iuka?“, fragt der nette Typ am Empfangstresen des Motels Victoria Inn an der 72 im Nordosten Mississippis gestern Abend. Eine gute Frage…Es war der Tishomingo State Park, ein Naturjuwel am westlichsten Rand der Appalachen. 7000 Jahre alte Zeitzeugen und Canoeing am Bear Creek. Natur halt, wunderschön. „Eigentlich“, fährt er fort, „kamen die Menschen hier nur zum Heiraten her.“ Der kleine Ort fragte nicht so genau nach. Im stockkonservativen Mississippi waren vor langer Zeit sogar Bluttests vor der Hochzeit erforderlich; dass nicht die Schwester den Bruder – Lacher! Oder eigentlich, wenn ein in „Sünde“ gezeugtes Kind ohne großen Bürokratischen Aufwand legitimiert werden sollte. Aber diese Zeiten sind anscheinend vorbei. Oder auch nicht?

Mississippi ist traditionell der ärmste aller Bundesstaaten und das merkt man auch. In dem weiten Land wechseln sich großzügig angelegte Farmen mit Elendsvierteln ab, ähnlich der, und dieser Begriff ist wohl auch nicht ganz verkehrt, Slum-artigen Siedlungen um New Orleans. Zum Big Easy gibt’s noch einiges nachzureichen: Beim Ausflug in die Sümpfe südlich von New Orleans oder in das recht neue WK2-Museum merkt man davon freilich nichts. Beides war faszinierend gewesend. Einerseits die Natur und die Alligatoren, andererseits die Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs auf der anderen Seite des Teichs. Die USA waren ein am Boden liegendes Land in internationaler Isolation, als man zur Teilnahme am zweiten Weltkrieg gezwungen war. Das Museum selbst behandelt hauptsächlich die Heimatfront; die Vorbereitungen auf den D-Day, die vorangegangene Mobilisierung aus der Rezession heraus. Spannend und auch hier wird man das Gefühl nicht los, dass die Mobilmachung und Aufrüstung – militärisch waren die Amis in den 30er-Jahren eine kleine Nummer im Vergleich zu Japan und Deutschland – der Wirtschaft nicht geschadet hat.

Interessant war die Aufarbeitung der Atombombenabwürfe. Diese wurde am ganz am Schluss behandelt. Ein Film mit beklemmender Musik unterlegt zeigt die Beladung der Flugzeuge, die Atompilze und das Leid am Boden. Unkommentiert, ein paar Minuten lang, in Endlosschleife. Waren schon die Befreierbilder aus den KZs zuvor mehr als aufreibend, so hinterließ der Film ein ebenso mulmiges Gefühl. Wir vermuten, dass es irgendwie gewollt war, dieses unfassbare Leid nicht weiter zu kommentieren und zumindest bei uns hat es gewirkt.Wie auch kann das ganze kommentiert werden? Technische Daten? Opferzahlen? Nein; die eventuell sogar unwissend lächelnden Gesichter der Crew, die die Bomben ins Flugzeug lädt und die totale Vernichtung zweier Städte sprechen Bände.

Um dieser schweren Kost zu entkommen, besuchten wir Abends die Preservation Hall. Es ist eine bewusst abgefuckt inszenierte kleine Konzerthalle, 15 Dollar, dreiviertelstündige Vorstellungen täglich um acht, neun und zehn Uhr Abends. Der Bandleader ist ein mittlerweile alter Trompeter, der eigentlich in London irgendwas mit Technik studiert hatte, aber dem Jazz verfallen war. Mit traurigen Augen spricht er über die nahe gelegene Bourbunstreet. Diese könnte genau so gut auch am Ballermann oder an der Copa Cagrana sein. Saufen, Musik, Stripklubs. Früher war es freilich anders. Und auch wenn die Jazz-Band durchaus auch Fließbandarbeit für Tourist*innen anbietet, war doch die Liebe zur Musik mehr als zu spüren. Oh, when the saints go marchin’ in.

Unsere Route führte uns vom Big Easy am 29. Juli per Auto den Mississippi Richtung Norden. Hotels haben wir bis Savannah am 10. August keine gebucht. Wir haben zuhause länger hin und her überlegt, ob wir das tun sollten, entschieden uns aber dagegen. Im Endeffekt eine richtige Entscheidung mit leichten Abstrichen, zu denen ich später komme. New Orleans nämlich war laut. Über der Stadt lag ein stetiger Geräuschpegel aus laufen gelassenen Motoren, Klimaanlagen und Sirenen. Wenn du seit zwei Jahren in einem 400-Einwohner*innen-Kaff wohnst, macht das schon zu schaffen.

Der nächste längere Stopp wäre nämlich Memphis gewesen, dann Nashville. Aber sehen moderne Großstädte mit Ausnahme der wechselnden Attraktionen nicht irgenwie gleich aus? Letztes Jahr haben wir uns zum Geburtstag an aufeinanderfolgenden Wocheneneden Tripps nach Helsinki und Istanbul geschenkt. Nimmt man die lokalen Sehenswürdigkeiten raus, schauen alle Citycenter irgendwie gleich aus. Dieselben Geschäfte, die gleichen Ketten. Also entschieden wir uns auf Basis dieser Erfahrung und aufgrund des Louisiana-Lärms gegen Memphis, für den Roadtrip. Die erste Station war Natchez, eine kleine Stadt an einem Felsen hoch über dem Mississippi, wo wir aber letztlich nur eine kleine Pause machten. Die erste Nacht nach New Orleans verbrachten wir in Vicksburg.

Vicksburg war 1863 neben Gettysburg eine der entscheidenden Schlachten im Sezzessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten. Die Stadt am Ol’ Man River war strategisch wichtig, wer sie kontrollierte, war Herr über den Mississippi, die wichtigste Nachschubroute. 47 Tage konnten die Konföderierten die Stadt verteidigen, bis man aufgab. Ein 24 Meilen langer Trail führt an Monumenten vorbei über das ehemalige Schlachtfeld. Vom Auto fährt man die Frontlinien ab, man kann den Kanonengeruch und das Schwarzpulver mit Hilfe diverser Kriegsfilme, die man gesehen hat, nach wie vor erahnen. Zudem hat das Städtchen mit rund 20.000 Einwohnern typischen Amicharme und ein Coca Cola-Museum zu bieten.

Von Vicksburg ging es dann Richtung Westen in eine kleine Stadt namens Philadelphia. Dort, in Neshoba County, wurden im Juni 1964 ein schwarzer und zwei jüdische Bürgerrechtsaktivisten von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans ermordet und die Leichen im Wald verscharrt. Long story short: 2007 folgte das letzte Gerichtsurteil in diesem rassistischen Hassverbrechen. Am nächsten Tag wollten wir imTigtombee-Nationalpark wandern gehen und später am Grenada Lake, einem Stausee im nördlichen Mississippi gut eineinhalb Autostunden südlich von Memphis, die Seele baumeln lassen. Das mit dem Wandern mussten wir knicken, da man hierzulande sowas wie Forststraßen oder Wanderwege nicht wirklich kennt. Ein warmer, sonniger Nachmittag am See war dann aber doch drinnen.

Gestern verließen wir dann die Geschichte des Landes etwas. Schließlich muss das Gehirn die Gräuel des Bürgerkriegs, das Weltkriegsmuseums ein paar Tage zuvor in New Orleans und eine Aktivisten-mordernde Gemeinde im tiefsten Süden erst einmal verarbeiten. Also ging es nach Graceland, Elvis’ Wohnhaus. Tennessee wirkt gleich einmal etwas aufgeräumter als Mississippi und Graceland war die Antithese zu den zuvor zuhauf erlebten riesigen Fress-, Einkauf- und Tankmeilen vor den in unserer Auffassung viel zu kleinen Städten. Graceland ist Disneyland für Elvisfans und irgendwie ein Muss. Für wohlfeile 45 Dollar pro Person konnte man sich die Autos und Flugzeuge des King of Rock and Roll sowie seine Mansion ansehen. Alles wieder unter Dauerbeschallung mit seinen Hits und bei Außentemperaturen von 100 Grad Fahrenheit in den Räumen auf gefühlte 14 Grad runter klimatisiert.

Die Autos und die Flugzeuge sind nett, spannend ist aber hauptsächlich das Wohnhaus selbst. Im Gegensatz zum erwarteten Protz ist die Hütte nämlich vergleichsweise klein und relativ bieder. Elvis war ein Hacklerbua, das Erdgeschoss seines Hauses dementsprechend ein relativ biederes Haus, eingerichtet mit dem letzten Schrei der 60er-Jahre. Es wirkt ein bisschen so, wie man sich ein gehobenes Bordell von innen vorstellt, glaube ich halt. Nicht allzu groß, abgesehen von der Racketball-Halle und dem Trophäenhaus. Man könnte sich für das Haupthaus auch vorstellen, das es von einem übermotivierten Teenager (der Elvis mit seinen 23, als er es kaufte, ja war…) eingerichtet worden war, dem oder der niemand zwischen drin die Frage „Bist du dir sicher?“ gestellt hat. Jedenfalls ein Mustsee, wenn man in dieser Ecke ist.

Danach ging es weiter nach Downtown ins Lorraine-Motel, den Ort, wo Martin Luther King jr. im April 1968 am Balkon ermordet wurde. Er war wegen eines Streiks zugegen gewesen. Erschossen haben soll ihn ein ehemaliger Häftling, der – glaubt man Wikipedia und Co. – vorher kaum auffällig rassistisch war. Wie bei Lee Harvey Oswald, der Präsident Kennedy erschossen hatte, lässt diese Einzeltätertheorie freilich Raum für Spekulationen. Die Verschwörungstheorien wurden genährt, da sich der Luther King-Mörder gar bis nach Europa absetzen konnte; etwas, was einem zuvor eher Kleinkriminellen schwer zuzutrauen ist. Beide, Kennedy und King (sowie Malcom X) waren ja letztlich für gewisse Kreise unangenehme Zeitgenossen, die einen Paradigmenwechsel im politischen, sozio-ökonomischen und gesellschaftlichen Sinne einläuteten. Da darf das Hirn durchaus denken, dass das mit den Einzeltätern…

Das Museum im ehemaligen Motel ist ein wilder Ritt für den Geist durch die Niedertracht der Menschheit. Enorm dicht wird die Geschichte der Sklaverein von den Anfüngen der Vereinigten Staaten aufgerarbeitet. Kritisch wird etwa beleuchtet, dass im Unabhängigkeitskrieg beide Seiten den Sklaven Freiheit versprachen, um mehr Soldaten zu haben; ein Manöver, das auch Lincoln startete. Man erfährt von knapp 600 Lynchmorden im Süden der vereinigten Staaten seit Ende des Sezzessionskrieges, man lernt die rechtlichen Hintergründe kennen, wie der Supreme Court (im Zweifelsfall neun alte, weiße, konservative Männer) die Rassentrennung von allerhöchster Stelle her legitimierten und möchte im Grunde genommen an jeder Anschlagtafel kotzen, weil es schlichtweg unvorstellbar ist, wie Menschen andere Menschen scheiße behandeln. Beziehungsweise wie Scheiße behandeln. Es waren wohl so 400 Jahre Lampedusa-artige Zustände und wenn man sich die ganzen kleinen Städte, die wir auf unserer Reise bislang durchfahren haben, ansieht, dann gibt es wohl noch einen langen, weiten Weg zurück zu legen, bis nicht nur Gleichberechtigung, sondern auch Gleichbehandlung durchgesetzt ist. Wer auch immer diesen Unterschied noch immer nicht verstanden hat, möchte sich alles zu „Jim Crow“ durchlesen.

Genächtigt haben wir in den letzten Nächten in Motels, die typischer nicht sein könnten. Pro Person kostet die Nacht mit „Frühstück“ (= Filterkaffee und Supermarkt-Muffins) zwischen 25 und 30 Dollar und dementsprechend sehen die Zimmer auch aus. Es ist definitiv ein bisschen viel Pfennigfuchserei, man hätte auch verdoppeln können, was wir gestern Nacht auch definitiv machen werden, da die Sanitäranlagen…Aber es ist halt schon etwas abenteuerlich, um acht Uhr Abends in ein Motel einzuchecken, das Auto direkt vor der Türe zu haben, das Motel quasi irgendwo im Nirgendwo. Es ist wie in jedem amerikanischen Film und man ist wirklich sehr geneigt, jeder Fernsehsendung und jedem Film hundertprozentigen Realitätsbezug zu geben. Auch wenn die abgebrannte Kirche vom Ende der ersten Staffel von True Detective (Es geht um Morde in den Sümpfen Louisianas) in Wahrheit mitten in einer Siedling mit riesigen Herrenhäusern (sic!) steht. Unser Schlafgelegenheiten sehen aus wie in Supernatural und es würde auch nicht wundern, wenn Zombies, Rougarous und Vampire um die Ecke kämen. Ja, Horrorfilmautor*innen finden hier in Mississippi genügend Inspiration für ihre Drehbücher.

Jedenfalls macht es Spaß, fast komplett abseits ausgelatschter Tourist*innenpfade zu wandern. Ist es nicht ein himmelweiter Unterschied, in einem von Ford gesponserten Civil Rights Museum zu stehen oder durch die Kleinstadt zu fahren, in der der Ku Klux Klan sein widerliches Unwesen trieb? In unseren Augen: Ja! Spürt man „God Bless America“ nicht erst so richtig, wenn man auf schnürdlgraden, vierspurigen und absurd breiten Highways mit knapp 100 km/h dahinbraust, links und rechts mehr Kirchen als Bäume sind und die Leute dich fragen, wie es europäische Reisende ans gottverdammte Ende der Welt verschlägt? Umgekehrt sehe ich schon unsere Mamas die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn ich an die Fotos denke. Aber hey: Wenn man rund um den Lifeball durch Wien latscht, dann fällt es doch auch schwer zu glauben, wie die Zustände in Traiskirchen sind.

Nashville, wir waren in Columbia, einer reichen Kleinstadt ein paar Meilen südlich von der Stadt, knicken wir. Was soll eine Großstadt schon bieten? Ja, Countrymusikmuseen, aber wenn das so aufbereitet ist wie Graceland, verzichten wir gerne darauf. Es geht ab nach Lynchburg, wo der Whiskey herkommt, was vor allem Georg sehr freut. Heute war es noch eine Nacht in Chattanooga, wo jetzt ein riesiger, unterirdischer Wasserfall und der „Seven States Lookout“ auf uns wartet. Danach geht es ab in die Natur der Great Smokey Mountains.

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Claudia Weber

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