Wie Medien Rassismus schüren und den Islam negativ abstempeln

Fühlt ihr euch unwohl, wenn ihr ins Flugzeug steigt und einen Mann mit Turban und Vollbart seht? Nein? Gratuliere! Ja oder zumindest ein bisschen? Dann funktioniert die Medienpanikmache auch bei euch perfekt.

„Ungefähr 827.000 Ergebnisse (0,43 Sekunden)“, schreibt Google, wenn man „islamistischer Anschlag“ eingibt. Das ist eine ziemliche Menge. Aber was lesen wir immer als Erstes? „Islam“. Googelt man nur „Terror“, dann poppen auch sofort Artikel über „islamistische Anschläge“ und „Dschihadisten“ auf. Wer also über Terror liest, kriegt recht schnell aufs Aug' gedrückt, dass dies eine Sache ist, die irgendwie aktuell mit dem Islam verbunden ist. Damit nehmen, vornehmlich Boulevard-, Medien schnell einmal 1,5 Milliarden Menschen in ideologische Geiselhaft mit in Relation zu dieser großen Zahl einer kleinen Menge an faschistischen Rassisten. Und man darf eines nicht vergessen: Die meisten Opfer dieser Art des Terrors sind, 9/11 oder Charlie Hebdo hin oder her, Muslime.

Die "Angst" vor Muslimen

Doch die Medienberichterstattung schlägt sich auch in Zahlennieder. Hatten beispielsweise 2012 noch „nur“ 53 Prozent der Deutschen Vorurteile gegen Muslime, waren es Anfang 2015 bereits 57. 61 Prozent meinten, der Islam passe nicht in die westliche Welt, 2012 waren es noch 52 Prozent. Der Anti-Rassismus-Ausschuss der Vereinten Nationen gab jüngst ein Statementüber diese negative Entwicklung ab: „Der Ausschuss ist sehr besorgt über die Zunahme und Ausbreitung rassistischen Gedankenguts durch gewisse politische Parteien und Bewegungen.“ Für Österreich fasst es ZARA– Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit so zusammen: „Die anlässlich einer drohenden Terrorgefahr gestarteten Initiativen zur „De-Radikalisierung“ richten sich dementsprechend vorwiegend an Personen, die (oder deren Eltern) nicht österreichischer Herkunft sind. Diese Maßnahmen werden medial als Programme gegen den islamischen Extremismus verkauft und von Sicherheitspaketen und einer Materialaufstockung gegen Terroreinsätze flankiert.[...] Wer sich ständig unerwünscht und abgelehnt fühlt und den Eindruck hat, ohne Grund nicht dieselben Chancen und Möglichkeiten zu haben, versucht womöglich etwas Anderes und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem er/sie diese Ausgrenzung nicht mehr erleben muss und so etwas wie „Zugehörigkeit“ erfährt.“

Medien schneiden schlecht ab

Aber gehen wir einmal in die Praxis hinein. Während, siehe Graz, die Mutmaßungen über einen Extremismus, der sich aus einem falsch verstandenen Islam speist, recht schnell vorliegen, ist das im umgekehrten Fall selten gegeben. So gab es am 28. Juni einen Anschlag auf eine Wiener Moschee. Obwohl eine eingeschlagene Scheibe und ein Zettel mit „Moslems raus“ vorlag, titelte das Gratisblatt „Heute“ mit „"Rassistischer Anschlag" auf Wiener Moschee“. Was impliziert das? Wozu die Anführungszeichen? Um zu zeigen, dass es eigentlich gar kein Rassismus war? Der Salzburger Islamophobie-Forscher Farid Hafez sagte schon in einem Interview 2011: „Viele Fallstudien stellen den österreichischen Medien ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Dabei schneiden die bundesweiten Publikationen schlechter als die regionalen ab, weil sie reißerischer agieren. Es gibt ein paar Grundprobleme: erstens, die Bildsprache. Wenn es um den Islam, um Integration oder Einwanderung geht, sieht man immer wieder Fotos von muslimischen Frauen, die sich mit einem Kopftuch bedecken, die von hinten oder einfach allein abgebildet werden. Das symbolisiert Desinteresse an und Abgrenzung von der Gesellschaft. Dreht sich ein Artikel um Einwanderung und verwendet man so ein Bild, dann kommt es auch zu einer Stigmatisierung, dass die Moslems fremd sind und fremd bleiben. Zweitens, die Sprache. Geht es um internationale Konflikte, fällt oft der Begriff „radikal-islamisch“. Ja, es gibt Fundamentalisten, Extremisten, Terroristen. Ob der Islam dabei eine Rolle spielt, ist oft zweifelhaft, wird aber nicht hinterfragt.“

Alle abstempeln?

Die mediale (und auch politische) Auseinandersetzung mit dem Themenkreis „Terror“ ist also eine schwierige, von Stereotypen geprägte. Und vor allem der Begriff „islamistisch“ stört dabei. Das überdeckt eine tiefere Auseinandersetzung mit den Hintergründen von Terrorismus. Ja, es berufen sich nicht erst seit 9/11 viele Terrorist*innen auf den Islam. Aber ist es substantiell wichtig, warum sich ein Mensch zu einem Massenmord hinreißen lässt? Vor allem, wenn es damit so mir nichts, dir nichts noch einenhalb Milliarden Menschen zu potentiellen Straftäter*innen abgestempelt werden? Schließlich spornt jeder Artikel alle anderen faschistische Rassisten dazu an, noch mehr zu tun. Oder hat mich irgendwer medial für das Attentat von Anders Behring Breivik verantwortlich gemacht?

Am Ende des Tages ist es unerheblich, ob der ideologische Unterbau jener der RAF, der IRA, White Power, IS oder Hitler ist? Die Gründe sind vielfältig. Soziale, politische, gesellschaftliche Entwicklungen spielen zusammen. Eine monokausale Erklärung greift aber IMMER zu kurz. Eine Reduktion auf die Religion, wie sie durch das Eingangs erwähnte Begriffspaar suggeriert wird, reicht nie aus. Oder sind es jetzt alle Muslime Terrorist*innen? Nein! Werden sie aber mitgemeint? Ja. Und das sollte nicht sein. Nennen wir es lieber beim Namen: Rassismus. Vor allem in der Headline.

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