Die geschundene Historie: Warum Hitlers „Sozialismus“ ein rechter Mythos ist

Führende AfD-Politiker wie Alice Weidel und Beatrix von Storch behaupten immer wieder, Hitler sei ein Linker, ein Kommunist oder Sozialist gewesen. Als Beleg dient häufig der Name der NSDAP.

Doch wer historische Fakten statt politischer Etiketten betrachtet, erkennt: Der Nationalsozialismus war eine faschistische, rechtsextreme Ideologie. Seine rassistische Ungleichheitslehre, sein Antisemitismus und sein radikaler Nationalismus unterscheiden ihn grundlegend vom Marxismus und anderen sozialistischen Traditionen.

1. Die ersten Opfer: Sozialdemokraten und Kommunisten

Wenn Hitler ein Kommunist gewesen wäre, warum gehörten dann ausgerechnet Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter zu den ersten systematisch Verfolgten des NS-Regimes? Nach der Machtübernahme 1933 wurden ihre Organisationen zerschlagen, ihre Funktionäre verhaftet und viele von ihnen in Konzentrationslagern misshandelt und ermordet.

Hitler betrachtete Marxismus und Bolschewismus als ideologische Erzfeinde. Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung war ein zentraler Bestandteil seiner Machtsicherung.

2. Die Nacht der langen Messer

Innerhalb der frühen NSDAP gab es durchaus antikapitalistische Strömungen, etwa um Gregor Strasser. Doch diese waren keineswegs mit dem Marxismus gleichzusetzen.

Im Sommer 1934 ließ Hitler während der sogenannten Nacht der langen Messer die SA-Führung um Ernst Röhm und zahlreiche politische Gegner ermorden. Auch Gregor Strasser wurde ermordet. Die Säuberung diente vor allem der Sicherung von Hitlers Macht. Sie beseitigte zugleich eigenständige oppositionelle Strömungen innerhalb der NSDAP.

Hitler wollte keine sozialistische Revolution. Er wollte eine autoritäre, nationalistische und rassistisch definierte Gesellschaftsordnung.

3. Wirtschaft: Privateigentum und staatliche Lenkung

Der NS-Staat betrieb eine massiv gelenkte Wirtschaft. Doch staatliche Wirtschaftslenkung ist nicht automatisch Sozialismus. Unternehmen wie Krupp und IG Farben blieben in privater Hand. Ihre Eigentümer profitierten von Rüstungsaufträgen, staatlicher Förderung und später auch von der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.

Tatsächlich privatisierte das NS-Regime in den 1930er Jahren auch staatliche Unternehmensbeteiligungen. Die nationalsozialistische Wirtschaft war keine klassische marxistische Planwirtschaft. Sie beruhte auf fortbestehendem Privateigentum, autoritärer staatlicher Kontrolle und der Ausrichtung auf Aufrüstung und Krieg.

Der entscheidende Punkt: Der Staat lenkte die Wirtschaft nicht zur Überwindung der Klassengesellschaft, sondern zur Durchsetzung seiner nationalistischen, rassistischen und militärischen Ziele.

4. Rassenideologie statt universeller Gleichheit

Der Nationalsozialismus beruhte auf einer radikalen Vorstellung biologischer Ungleichheit. Seine sogenannte „Volksgemeinschaft“ war keine Gemeinschaft aller Menschen. Sie schloss Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen und zahlreiche weitere Gruppen systematisch aus.

Der Holocaust war die systematische Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden. Er war kein bloßes Nebenprodukt wirtschaftlicher Fehlplanung oder politischer Opposition, sondern die Umsetzung eines ideologisch begründeten Vernichtungsziels. Das ist der fundamentale Unterschied zu universalistischen sozialistischen Ideologien.

5. Gewalt ist keine Ideologie

Ein häufiges Gegenargument lautet: Hitler, Stalin und Mao hätten alle Überwachung, Zensur, Geheimpolizei und brutale Gewalt eingesetzt. Deshalb seien ihre Systeme irgendwie rechts und links zugleich.

Das ist ein Denkfehler. Autoritäre Herrschaftsmethoden sind kein hinreichendes Kriterium für die ideologische Einordnung eines Regimes.

Augusto Pinochet setzte in Chile auf neoliberale Wirtschaftsreformen und ließ gleichzeitig politische Gegner foltern und ermorden. Jorge Rafael Videla und Suharto verantworteten ebenfalls massive staatliche Gewalt, ohne deshalb Sozialisten zu sein.

Umgekehrt war Nikita Chruschtschow ein überzeugter Kommunist. Mit der Entstalinisierung leitete er eine erhebliche Veränderung der sowjetischen Herrschaftspraxis ein. Im Gegensatz zu den vorgenannten Anhänger des Kapitalismus wurde unter Chruschtschow eher eine geringe Anzahl an Menschen getötet. Das machte ihn aber nun weder zum Kapitalisten noch zum Demokraten.

Die Methode allein sagt nichts Entscheidendes über die Ideologie aus. Und wer aus der ökonomischen Einordnung auf eine Regierungsform schliesst, hat eh verloren.

Fazit: Der Name ist kein Beweis

Die NSDAP trug das Wort „sozialistisch“ im Namen. Doch politische Etiketten ersetzen keine historische Analyse.

Der Nationalsozialismus verwendete sozialpolitische Versprechen und betrieb staatliche Wirtschaftslenkung. Gleichzeitig zerschlug er die Arbeiterbewegung, verfolgte Marxisten und Sozialdemokraten, erhielt große Teile des Privateigentums aufrecht und schuf eine rassistische Diktatur.

Wer Hitler zum Linken oder Kommunisten erklärt, verwechselt den Parteinamen mit der tatsächlichen Ideologie.

Wer staatliche Wirtschaftslenkung automatisch mit Sozialismus gleichsetzt, verwechselt wirtschaftspolitische Instrumente mit gesellschaftlichen Zielsetzungen.

Und wer autoritäre Gewalt als Beweis für eine ideologische Gleichheit verwendet, verwechselt Herrschaftsmethoden mit politischen Überzeugungen.

Der Nationalsozialismus war keine marxistische oder kommunistische Bewegung. Er war eine faschistische, rechtsextreme Ideologie, deren Kern in rassistischer Ungleichheit, Antisemitismus, Nationalismus und autoritärer Herrschaft lag.**

Die Geschichte ist komplex. Aber Komplexität ist kein Freibrief für historische Umdeutung.

Weidel hingegen nutzt diese Diskussion, um von den faschistischen Umtrieben der AfD abzulenken.

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Carrhae

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