Eine Beziehung ist keine Einwilligung. Eine Ehe ist kein Freibrief. Und Liebe ist niemals eine Rechtfertigung für sexuelle Gewalt. Wenn über Sexualstraftäter gesprochen wird, haben viele Menschen noch immer ein bestimmtes Bild im Kopf: einen fremden Mann, der im Dunkeln lauert, eine unbekannte Person, vor der man sich schützen soll. Doch dieses Bild ist gefährlich unvollständig. Denn sexualisierte Gewalt geschieht nicht nur auf dunklen Straßen. Sie geschieht auch hinter verschlossenen Türen, in Wohnungen, in Familien und in Beziehungen, die nach außen vollkommen normal wirken. Der Täter ist nicht immer ein Fremder. Er kann der Partner sein, der Ehemann, der Ex-Partner, ein Freund oder ein Mensch, dem man vertraut hat. Und genau darüber müssen wir sprechen. Zahlen, die wir nicht länger ignorieren dürfen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik registrierte in Deutschland im Jahr 2024 insgesamt 42.814 Opfer von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen. 39.089 dieser Opfer waren weiblich. Das entspricht 91,3 Prozent. Diese Zahlen erfassen allerdings nur das Hellfeld, also die der Polizei bekannt gewordenen Fälle. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA, deren Ergebnisse im Februar 2026 veröffentlicht wurden, zeigt, wie viel Gewalt unsichtbar bleibt. Mehr als jede zehnte befragte Person gab an, im Laufe ihres Lebens einen sexuellen Übergriff erlebt zu haben. Bei den betroffenen Frauen war der Ex-Partner mit 46,5 Prozent am häufigsten als Täter genannt. Diese Zahlen machen deutlich: Wer sexualisierte Gewalt ausschließlich mit fremden Tätern verbindet, übersieht einen entscheidenden Teil der Realität.
Quellen: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024; Dunkelfeldstudie LeSuBiA 2026.
Eine Beziehung bedeutet kein Recht auf den Körper eines anderen Menschen. Es muss endlich unmissverständlich sein: Niemand verliert das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, nur weil er eine Beziehung führt.
Viele Gewalterfahrungen werden nie angezeigt. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA zeigt, dass die Anzeigequoten bei den meisten untersuchten Gewaltformen unter zehn Prozent liegen. Angst, Scham, Abhängigkeit und fehlendes Vertrauen in Unterstützung können dazu beitragen, dass Menschen schweigen.
Das bedeutet nicht, dass jede nicht angezeigte Tat automatisch nachweisbar wäre. Es bedeutet aber, dass wir uns nicht allein auf die Zahl der Strafanzeigen verlassen dürfen, wenn wir das tatsächliche Ausmaß sexualisierter Gewalt verstehen wollen.Sexuelle Übergriffe gegen Erwachsene sind in Deutschland nach § 177 Strafgesetzbuch strafbar, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Für einen sexuellen Übergriff gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sieht das Gesetz grundsätzlich eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren vor. Für Vergewaltigungen und andere besonders schwere Fälle gelten höhere Strafrahmen; in besonders schweren Konstellationen beträgt die Mindeststrafe zwei Jahre, bei weiteren qualifizierenden Umständen auch mehr. Doch eine zentrale gesellschaftliche Frage bleibt: Werden die Schwere der Tat, die Folgen für die Betroffenen und das Risiko weiterer Gewalt konsequent genug berücksichtigt?
Ich bin der Meinung, dass wir härtere und konsequentere Strafen für schwere Sexualstraftaten ernsthaft diskutieren müssen. Wer die sexuelle Selbstbestimmung eines anderen Menschen schwer verletzt, darf nicht den Eindruck gewinnen, dass die Konsequenzen geringfügig seien. Rückfallrisiken müssen sorgfältig geprüft, Schutzmaßnahmen wirksam umgesetzt und Betroffene langfristig unterstützt werden. Härtere Strafen allein werden sexualisierte Gewalt nicht verhindern. Wir brauchen ebenso bessere Prävention, eine verlässliche Beweissicherung, geschulte Ermittlungsbehörden, einen sensiblen Umgang mit Betroffenen und ausreichend finanzierte Beratungs- und Schutzangebote. Gerechtigkeit bedeutet nicht nur, Täter zu bestrafen. Gerechtigkeit bedeutet auch, Betroffene nicht ein zweites Mal allein zu lassen. Schluss mit dem Schweigen! Dieser Artikel ist für alle, die erlebt haben, dass ihre Grenzen missachtet wurden. Für diejenigen, die gesprochen haben und denen nicht geglaubt wurde. Für diejenigen, die noch schweigen, weil die Angst größer ist als ihre Kraft. Und für diejenigen, die sich bis heute fragen, ob das, was ihnen passiert ist, schlimm genug war, um darüber zu sprechen. Ihr müsst euch nicht rechtfertigen. Ihr müsst euch nicht schämen. Ihr müsst nicht beweisen, dass ihr ein perfektes Opfer seid, um Mitgefühl und Unterstützung zu verdienen.
Wir müssen aufhören, Sexualstraftäter nur in der Vorstellung des fremden Täters zu suchen. Wir müssen anerkennen, dass Gewalt auch dort stattfinden kann, wo Liebe sein sollte. Und wir müssen eine Gesellschaft einfordern, die sexuelle Selbstbestimmung nicht nur auf dem Papier schützt, sondern im Alltag ernst nimmt.
- Dunja Gründerin von kompromisslosfeministisch