Wie stehen die Österreicher zu Sterbehilfe bei Pflegefällen?

Der Antwort auf diese Frage geht ein Artikel in der aktuellen Ausgabe des Magazins PROFIL nach. Berichtet wird über eine diesbezügliche Studie des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie* der Grazer Med Uni. Besonders die Frage „Was soll einem Menschen, der als Pflegefall nicht mehr leben möchte, zugestanden werden?“ hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Denn meine Mutter ist ein Pflegefall und es gab eine Zeit in der ich mich das auch schon gefragt habe.

Anfang diesen Jahres war der Allgemeinzustand meiner Mutter – körperlich und geistig – derart katastrophal, dass weder ich noch die behandelnden Ärzte (Allgemeinmediziner, mehrere Neurologen, Internisten, …) Rat wussten. Es hatte den Anschein als ob Morbus Parkinson (der bei meiner Mutter vor etwa 25 Jahren diagnostiziert wurde), Alzheimer und fortschreitende Demenz endgültig die „Kontrolle“ über ihren Körper und ihren Geist übernommen haben.

Kontrolle unter Anführungszeichen, weil klar ersichtlich war, dass sie nichts an sind unter Kontrolle hatte. Nicht ihre Gliedmaßen, nicht ihren Geist, nicht was sie sprach, und natürlich auch nicht ihre Körperfunktionen. Eine der letzten Funktionen, die sie (wohl unbewusst, aber doch) kontrollieren konnte, war das Schlucken von Flüssigkeit und Nahrung. Nur deshalb war uns auch in diesem Zustand ihre häusliche Pflege möglich und wir – die Pflegekräfte und ich – konnten sie vor der Einweisung in ein Pflegeheim bewahren.

Welchen Sinn hat so ein Leben für den Betroffenen noch?

Meine Mutter bekam nichts von ihrem Alltag bewusst mit. Zumindest hatte es diesen Anschein und ich hoffte auch, dass sie nichts von ihrem Elend bewusst mitbekommt. Stundenlang wälzte sie sich im Bett unkontrolliert hin und her. Wollte aufstehen, hätte sich aber keine Sekunde auf den Beinen halten können. Ruderte wild mit Armen und Beinen, so wild, dass es uns in dieser Phase unmöglich war ihr etwas zu trinken zu geben oder sie zu füttern.

Selbstverständlich trug sie Tag und Nacht eine Windelhose. Um diese beim Toilettengang zu wechseln waren zwei Pflegekräfte (oder eine Pflegekraft und ich) und mehr als 30 Minuten erforderlich, denn meine Mutter konnte nicht im Geringsten mithelfen, ohne Hilfe nicht einmal stehen.

In diesem Zustand, den ich auch in kurzen Filmsequenzen festgehalten habe, konnten wir sie keine 60 Sekunden aus den Augen lassen. Nein, ich übertreibe nicht! Denn ebenso unkontrolliert und unvorhersehbar wie ihre Bewegungen waren, genauso kraftvoll und ausdauernd waren sie auch. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich sie einmal davon abhalten musste sich an den innen montierten Jalousien am Fenster neben ihrem Bett hochzuziehen. Sie wusste nicht was sie tat, sie wusste nicht warum sie es tat, sie wusste nicht wohin sie wollte, aber sie schimpfte mich lauthals und derb dafür, dass ich sie nicht gewähren ließ.

Ihr gesamter Zustand war einfach unfassbar. Ich habe so etwas in meinem Leben noch nicht gesehen. Und nicht einmal dachte ich: „Es wäre vielleicht besser, wenn sie von ihrem Leiden erlöst wird.“ Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch. Daran, dass aber auch ich in dieser Phase solche Gedanken hegte, lässt sich ablesen, wie hoffnungslos mir die Lage erschien.

Wäre es angebracht einem Menschen in so einer Situation aktive Sterbehilfe zuzugestehen?

In der erwähnten Studie sagen 62% der Befragten, dass pflegebedürftige Menschen, die nicht mehr leben wollen, selbst über den Zeitpunkt ihres Todes entscheiden dürfen sollten. 42% meinen, dass dieser Person der Wunsch zum Sterben erfüllt werden soll, indem ihr ein Mittel zur Selbsttötung zur Verfügung gestellt wird. Und immerhin noch 34% geben an, der betroffenen Person der Wunsch zum Sterben erfüllt werden soll, indem ihr vom Arzt ein Mittel verabreicht wird, das ihren Tod herbeiführt.

Am Beispiel meiner Mutter zeigt sich aber ein wesentliches Problem bei der Beantwortung dieser Frage. Nämlich der geistige Zustand der betroffenen Person. Ist die betroffene Person überhaupt in der Lage diese Entscheidung für sich zu treffen? Meine Mutter wäre es nicht gewesen. Wer kann/darf/soll stellvertretend diese Entscheidung treffen? Darf es bei dieser Frage überhaupt ein Vertretungsrecht geben?

Ich bin sehr froh, dass sich der Zustand meiner Mutter wie durch ein Wunder nach drei Monaten wieder deutlich gebessert hat. Warum genau, das wissen nicht einmal die behandelnden Ärzte. Für mich persönlich und so manchen Arzt gibt es zwei mögliche Gründe dafür, dass meine Mutter heute mithilfe einer 24h-Pflegerin ihr Leben wieder etwas genießen kann: Ihr wurde operativ ein Entzündungsherd entfernt und im Zuge dieser Operation wurde die Anzahl der Medikamente, die sie tagtäglich einnahm, mehr als halbiert!

Sie war offensichtlich übermedikamentiert. Aber das und warum es ihr heute mit teils nur mehr einem Bruchteil der Dosierungen von früher viel besser geht, ist eine andere Geschichte …

* Diesen Begriff kannte ich nicht und musste ihn nachschlagen. Der Duden definiert Epidemiologie wie folgt: „Wissenschaft von der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien, zeittypischen Massenerkrankungen und Zivilisationsschäden“.

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