Fotomontage Manfred Breitenberger

Vor wenigen Tagen wäre der große Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden. Am 5. Januar 1921 wurde Friedrich Dürrenmatt in Konolfingen, einem Dorf im Kanton Bern, geboren. Sein Vater, Reinhold Dürrenmatt, war bis 1935 Pfarrer dieser Gemeinde. In Bern besuchte Friedrich Dürrenmatt das Freie Gymnasium und danach das Humboldt-Gymnasium. Ab 1942 studiert Dürrenmatt Naturwissenschaften, Germanistik und Philosophie und er beginnt zu schreiben. 1945 schreibt er sein erstes Drama “Es steht geschrieben”, das am 19. April 1947 in Bern uraufgeführt wird.

Während des Krieges beteiligte sich Dürrenmatt für kurze Zeit, vermutlich aus spätpubertärem Protest gegen den Vater,  bei den rechten „Frontisten.“ Dazu Dürrenmatt: „Unfähig, seinem Glauben ein rationales Weltbild entgegenzusetzen, wählte ich den Weg ins Irrationale.“ Dürrenmatt war ein politischer Schriftsteller, wobei sich der freie Geist nie auf eine politische Linie festlegen ließ. Dürrenmatt sympathisierte zeitweise mit dem Sozialismus, kritisierte aber stets den Kommunismus der Ostblockstaaten und wehrte sich gleichzeitig gegen den hysterischen Antikommunismus zu Zeiten des Kalten Krieges. Aus seiner Unterstützung für Israel machte Dürrenmatt nie ein Hehl, was ihm Anfeindungen aus linken und rechten Kreisen einbrachte.

Mit der Komödie „Romulus der Große”, uraufgeführt 1949, gelingt Dürrenmatt sein erster Erfolg bei Publikum und der Theaterkritik. Die Farce stellt den letzten weströmischen Kaiser  Romulus ins Zentrum, der sich den nationalistischen Tugenden verweigert, der nicht heldenhaft in den Untergang gehen will, sondern den anstürmenden Feinden mit Sympathie entgegenkommt. Als die Germanen am Ende Rom besiegt haben sieht Romulus ein, falsch gelegen zu haben, sein Plan ist gescheitert und er geht in Rente.

Dürrenmatts erster Kriminalroman “Der Richter und sein Henker” erscheint 1950 und ein Jahr später “Der Verdacht.”  Rachedurst, Doppelmoral, Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Apokalypse durch die atomare Bedrohung waren die Themen des Schweizers, der seine Texte mit schwarzem Humor bis hin zur Groteske zeichnete.

In „Der Tunnel“ einer klassischen Kurzgeschichte von 1952 fährt ein „Brasil 10“ rauchender Student in einem Zug, im fällt auf, dass der Zug ungewöhnlich lange durch einen eigentlich sehr kurzen Tunnel rast. Während er immer unruhiger und der Zug immer schneller wird, beschwichtigen ihn der Schaffner und die Mitreisenden. Der Zug wird immer noch schneller und der Tunnel hört nie auf. Zum Schluss sieht der Student dem kommenden Tod furchtlos ins Auge. „Was sollen wir tun“ fragt der Zugführer? „Nichts“ antwortet der Student.

Das Drama „Der Besuch der alten Dame“, das 1956 uraufgeführt wird, macht Dürrenmatt weltberühmt. Die verratene Claire Zachanassian, eine ehemalige Mitbürgerin des Städtchens Güllen macht den verarmten Einwohnen ein unmoralisches Angebot: Sie bietet der Gemeinde und den Einwohnern eine Milliarde, dafür, dass diese einen aus ihren Reihen umbringen, den Mann der sie verleumdet und ihr schweres Unrecht  angetan hat. Zunächst lehnen die Bewohner entrüstet ab und später knicken alle nach und nach doch ein. Es folgten “Frank der Fünfte” (1959), “Die Physiker” (1962), “Der Meteor” (1966) und viele weitere sehr erfolgreiche Stücke.

Eines der bekanntesten politischen Stücke Dürrenmatts war „Die Physiker“, das Gegenstück zu Brechts „Leben des Galilei.“  Drei Physiker begeben sich freiwillig ins Irrenhaus weil einer von ihnen die Formel zur Vernichtung der Welt erforscht hat. Die drei Physiker ermorden Im Irrenhaus ihre Krankenschwestern um ihr Geheimnis zu bewahren. Die einzig wahre Verrückte im Irrenhaus aber ist die Leiterin Mathilde von Zahnd, die sämtliche Aufzeichnungen längst kopiert hat. Die großartige Schauspielerin Therese Giehse verkörperte bei der Uraufführung in Zürich die Mathilde von Zahnd, Dürrenmatt hat für Sie die Rolle extra umgeschrieben. Die Erkenntnis der „Physiker“ lautet: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden.“

Dürrenmatt veröffentlichte viele politische Texte in Zeitschriften und in seinen Büchern und der Schweizer hielt Reden zu aktuellen politischen Themen. Friedrich Dürrenmatt war ein großer Freund Israels, wie ein einsamer Rufer in der Wüste hielt er eisern daran fest, Israel sei „notwendig wie kein anderer Staat, eine gerechte Sache, die nur noch ideologisch, nicht mehr existenziell angezweifelt werden kann.“ Der Staat Israel, so Dürrenmatt, existiere zwar, aber viele wären froh, „wenn er nicht wäre, auch jene wären glücklich über seine Nichtexistenz, die seine Existenz bejahen.“ Zwei Jahre vor Jean Amérys Essay „Der ehrbare Antisemitismus“ veröffentlichte Friedrich Dürrenmatt 1967 den Text „Israels Lebensrecht“, darin beginnt er: 

„Es gibt den jüdischen Staat, weil es Hitler gab. Der Grund dieses Staates liegt in Auschwitz, in den Vernichtungslagern, doch liegt er nicht nur in unserer Zeit, er liegt in den Judenmetzeleien, in den Pogromen und Schikanen der Vergangenheit, er liegt im Christentum, das im Juden den Christusmörder sah, er liegt im Ressentiment, im Rassendünkel und im Fremdenhass aller Zeiten, er liegt aber auch bei den Gleichgültigen, den Allzuvorsichtigen, den Neutralen, er liegt bei uns, die wir statt eines Herzens einen Rothmund besaßen, kurz, der Grund liegt in den Demütigungen, Verfolgungen und Leiden, die den Juden immer wieder zum Juden stempeln und formten.

Der jüdische Staat ist aus einem Naturrecht heraus geboren, aus einem Recht der Geächteten auf eine Heimat, die ihnen die Freiheit wiedergibt und ihre Ächtung löscht, auf eine Heimat, die - da die Juden überall, wo sich niederließen, gezeichnet waren — nur die Urheimat sein konnte: Israel. Aus solchem Recht entstanden, braucht der jüdische Staat keine andere Begründung seiner Existenz, seinen Grund bildet nicht irgendeine Machtkonstellation, seine Existenz ist mit einem Axiom der Menschlichkeit hinreichend begründet.  (..) Der Antisemitismus installiert sich wieder, schon wagt man es selbst im Sicherheitsrat, mit der Bibel gegen Juden zu argumentieren, schon finden seine Pogrome statt. ... “ Am Ende des Textes kritisiert Dürrenmatt noch Bertolt Brecht der sich „zum Kommunismus“ bekannte und „in der DDR wirkte“ und zum Antisemitismus seines Landes gegen den Judenstaat ohrenbetäubend schwieg.

Dürrenmatts eindeutiges Statement, insbesondere in kritischen Situationen, zu Israel lässt sich, neben vielen anderen, zu Beginn des Jom Kippur-Krieges schrieb er in der NZZ „Warum ich mich hinter Israel stelle“, in seinen Essays „Zusammenhänge“ und „Nachgedanken“, die 1976 erstmals erschienen sind, nachlesen. Dort beschreibt er seine Israelreise, die er 1974, im Jahr nach dem Jom Kippur-Krieg, mit seiner ersten Frau unternahm. Wegen seiner Freundschaft zu Israel wurde er eingeladen, an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva eine Vorlesung zu halten.

In „Zusammenhänge“ schreibt Dürrenmatt beispielshalber: "Ich, der ich sonst für keinen Staat besonders eintrete, der ich sonst über Staaten nicht gerade zimperlich denke und über den Nationalismus ausgesprochen bösartig, stehe für Israel ein, weil ich diesen Staat für notwendig halte. (…) Die Vernichtungslager, wo jüdisches Volk unterging, ohne sich zu wehren, und der Aufstand des Warschauer Ghettos, wo jüdisches Volk vernichtet wurde, indem es sich wehrte, diese zwei fürchterlichen Möglichkeiten, die einem Volk am Ende bleiben, forderten, damit sie sich nicht wiederholen, den jüdischen Staat. Der Wahnsinn erzwang seine Existenz, sicher, die Opfer dieses Wahnsinns errichteten ihn, den Überlebenden zum Vermächtnis, damit das Opfer nicht vergeblich gewesen sei, wer zweifelt daran. Darum lebt denn dieser Staat nicht nur aufgrund seiner Ideologie, nicht nur auf Grund des Zionismus, nicht nur auf Grund einer Gedankenkonstruktion, die, so genial sie auch wäre, doch nur eine Gedankenkonstruktion bliebe – denn auch dem folgerichtigsten Gedankengebäude kommt  nicht notwendigerweise Existenz zu - ,sondern auch auf Grund einer grausamen Notlage, mehr noch, auf Grund der schrecklichen Unzulänglichkeit dieser Welt,  auf Grund ihrer Anfälligkeit dem Unvoraussehbaren gegenüber: einen erhabeneren Grund, einen Staat zu gründen, mag es geben, einen notwendigeren nicht." (..) Darum offenbar, viel entscheidender als der oberflächliche Einfluss der marxistischen Lehre auf den Nahen Osten, stellt sein Konflikt mit dem jüdischen Staat die Auseinandersetzung des Islam mit der Moderne dar, mit einem Neuen, das er im jüdischen Staat verwirklicht sieht. (..) Der Terror dient Arafat dazu, vor der Weltöffentlichkeit recht zu bekommen, die wiederum wünscht, dass Arafat recht habe, um endlich von ihrem schlechten Gewissen den Juden gegenüber befreit zu werden; vor der UNO hat Arafat schon recht bekommen, nächstens wird die Meinhof dort sprechen.“

Friedrich Dürrenmatt bekämpfte wie Jean Améry bereits Ende der 1960er Jahre den israelbezogenen Antisemitismus. Wer seine Reden, Essays, Aufsätze und Bücher nachliest, wird mit schockierenden Aktualitäten konfrontiert. Viele „ehrbare“ Antisemiten nahmen es den Juden nach dem 6-Tage-Krieg und dem Jom-Kippur-Krieg übel, dass die Juden wieder einmal überlebt hatten. Zu gern hätte man sich mit ein oder zwei Millionen toter Juden solidarisiert, die Opfer an die Brust gedrückt und ihnen ein paar Gedenkbücher, Mahnmale und Dokumentarfilme gewidmet.

Vor über dreißig Jahren, am 14. Dezember 1990 starb Friedrich Dürrenmatt in Neuchâtel im Alter von 69 Jahren.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Mission Impossible

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