Während die Lebenschancen der einen sinken, machen sich die anderen auf die Suche nach der Unsterblichkeit​

Soeben hat die Unternehmensberatung Boston Consulting anhand von 44 Indikatoren herausgefunden, dass es sich im Vergleich von 162 Staaten kaum besser leben lässt als in Österreich. Diese beruhigende Nachricht spiegelt in keiner Weise die aktuelle politische Auseinandersetzung wider, die sich in Ver- und Zerfallsszenarien überbietet. Vor allem im Abwehrkampf gegen eine anonyme Masse kulturfremder AusländerInnen wird ein Katastrophenszenario an die Wand gemalt, das drauf und dran ist, die Grundfesten eben dieser herausragenden Lebensqualitäten zu erschüttern. In diese Endzeitstimmung gehören auch aktuelle politische Versuche, mit dem Versprechen von Sozialkürzungen für Benachteiligte im Wahlkampf die Stimmen einer wachsenden Zahl von SozialchauvinistInnen zu lukrieren. Diese lassen sich offenbar über die Parteigrenzen hinweg nur zu leicht dafür gewinnen, wenn es darum geht, ihre wohlerworbenen Privilegien gegen jede neue Anspruchsgruppe – und sei es um den Preis weiterer wachsender sozialer und/oder ethnischer Verungleichung – verteidigen zu müssen.

Aber noch ist offenbar genug Geld da, um Urlaub zu machen und damit zumindest für ein paar Tage im Ausland in kulturfremde Weltgegenden, deren BewohnerInnen im Inland unter diskriminierenden Generalverdacht stehen, vergnüglich einzutauchen. Das Marktforschungsinstitut Integral hat herausgefunden, dass die ÖsterreicherInnen jährlich rund fünf Milliarden Euro für ihre Sommerurlaube ausgeben und damit Erfahrungen mit anderen Kulturen machen, von denen sie zuhause tunlichst abgeschottet werden sollen.

Die kulturelle Überheblichkeit des Westens ist die Hassliebe des Südens

Manche der UrlauberInnen mögen in ihrem Gepäck den jüngst auch auf Deutsch veröffentlichten Roman des britischen Reisenden und Romanciers Lawrence Osborne „Denen man vergibt“ verstaut haben. Vordergründig erzählt Osborne die Geschichte einer britischen Gruppe dekadenter Partymenschen aus Europa, die sich in Marokko niedergelassen hat und sich der Hitze und dem Rausch hingibt. Bis ein unter den Gästen weilendes Ehepaar einen jungen Marokkaner überfährt, der sich mit dem Verkauf von Fossilien über Wasser zu halten versucht und – wie alle seiner FreundInnen – in widersprüchlicher Hassliebe von Europa geträumt hat. Im weiteren Verlauf des Dramas werden wir Zeugen des Verlustes jeglicher sozialer und moralischer Gewissheiten, die es –jedenfalls mir – verunmöglicht haben, irgendwie begründbare Urteile über die Handlungsweisen der im Roman vorgestellten Akteure abzugeben.

Besonders berührt hat mich eine Stelle, in der einer der jungen MarokkanerInnen es schafft, das Mittelmeer zu überwinden. Er trifft in Sotogrande am Rand eines andalusischen Luxusressorts auf ein britisches Ehepaar, das sich hier auf seine alten Tage niedergelassen hat. Sie bieten ihm Unterschlupf und irritieren damit seine bisherigen kulturellen Selbstverständlichkeiten fundamental: „Warum hatten sie jemandem geholfen, der keiner der ihren war?“ Diese Frage gab ihm Rätsel auf. In seiner Vorstellung versucht er, mit dem irritierenden Umstand zurecht zu kommen, dass es gerade die erwiesene Herzensgüte der PensionärInnen ist, die ihm die Freiheit rauben und ihn zum Arbeitssklaven beim Erledigen einfacher Dienste im Garten degradieren würde: „Er hatte sie sehr gern. Was er hasste, war ihr Mitleid. Sie waren sich offenbar nicht klar, dass er sie jederzeit töten konnte…Sie ahnten nicht einmal, dass er Erbarmen mit ihnen hatte. Sie ignorierten, dass er ein Mann war, wollten es nicht sehen und taten stattdessen so, als wäre er noch ein Kind, das jeden Tag eine Schüssel Milch brauchte.“

Manchmal ermöglicht Literatur kathartische Einsichten bar jeder theoretischer Begründungszusammenhänge. So ging es mir bei der Lektüre von „Denen man vergibt“, die mir in Momenten unmittelbar spürbar gemacht hat, dass kulturelle Unterschiede aus westlicher Sicht vor allem dazu da sind, Herrschaftsbeziehungen zur Diskriminierung der jeweils anderen aufrechtzuerhalten.

Gibt es gemeinsame Standards einer universellen Zivilisation?

Dahinter aber wabert die unheimliche Vorstellung der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen, ganz gleich, welche kulturelle Sozialisation sie erfahren haben. Ein solches Anerkenntnis führt notwendigerweiße zum Axiom des universellen Rechts auf eine gesicherte Existenz, schlicht auf Leben in einem emphatischen Sinn, wie es in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ verankert ist. Dies gilt umso mehr, als heute in einem global vernetzten Wirtschaftssystem die Ressourcen verfügbar sind, um diesem Anspruch auf eine lebenswerte Existenz aller Menschen zu entsprechen.

Hinter dieser Forderung erheben sich noch sehr schemenhaft die Umrisse einer universellen Zivilisation, die die Voraussetzungen für die Realisierung eines solchen radikalen Gleichwertigkeitsgebotes schaffen könnte. Ihr entgegen stehen die Behauptungen der prinzipiellen, weitgehend unversöhnbaren Unterschiedlichkeit einzelner Menschengruppen, die wesentlich über die jeweiligen Lebenschancen entscheiden. Kaum jemand, der sich heute noch getraute, rassisch begründete Unterschiede zur Aufrechterhaltung natürlich gewachsener sozialer Hierarchien ins Treffen zu führen. Umso mehr erleben wir eine neue Konjunktur des Setzens neuer kultureller Grenzen, die Begründungen dafür liefern sollen, warum sich die einen prosperierender Lebensverhältnisse erfreuen dürfen, während die anderen permanenter Existenzbedrohung ausgesetzt sind. Für den/die einzelne/-n sind diese Grenzziehungen –jedenfalls zum Zeitpunkt seiner/ihrer Geburt völlig willkürlich und entscheiden doch elementar über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen und deren Lebensgrundlagen.

Eigentlich absurd: Wir sollen etwas auf Leben oder Tod verteidigen, was uns die Gnade der Geburt geschenkt hat

Im Zusammenhang mit den aktuellen Migrationsströmen hat der ORF-Korrespondent Karim El- Gawhari jüngst auf die Gnade des eigenen Geburtsorts samt seiner sozialen und kulturellen Verfasstheit hingewiesen. Sie würden nach wie vor – ungeachtet der individuellen Leistungsbereitschaft – über Gelingen und Scheitern von Lebensentwürfen von völlig zufällig an diesen Ort geworfenen Menschen entscheiden. In dem Maß, in dem kulturelle Besonderheiten der einen das elementare Recht auf (Über-)leben der anderen untergräbt („Wir müssen die EU-Außengrenzen schützen, um die europäische Kultur zu schützen, auch wenn massenhaft Menschen dran zugrunde gehen“), wird der Herrschaftscharakter des Kulturellen zur Aufrechterhaltung ungleicher Verhältnisse deutlich.

Im Extremfall führt eine bedingungslose Ausrichtung an diesen kulturellen Unterschieden, wie in „Denen man vergibt“ geschildert, zu einem ungleichen Kampf um Leben und Tod. Damit verweigern kulturelle Zuschreibungen gerade das, was eine humane Existenz erst ausmacht: die Anerkennung prinzipieller Gleichwertigkeit ungeachtet einer schicksalhaften kulturellen Zugehörigkeit.

In diesem Zusammenhang wundere ich mich immer wieder, warum Menschen aufgefordert werden, auf „ihre Kultur“ besonders stolz zu sein, vor allem wenn es darum geht, sich in dieser Form der Selbsterhöhung von anderen abzugrenzen. Immerhin haben die wenigsten der derart kollektiv Erhobenen genuine Beiträge zur Weiterentwicklung ihrer jeweiligen kulturellen Besonderheiten geleistet. Stattdessen geht meine Vermutung dahin, dass dieser Stolz in erster Linie dazu inszeniert wird, um uns blind zu machen für die Aufrechterhaltung von Machtansprüchen, sowie von ungleichen Besitzrechten und Lebenschancen.

Sie reden von der Wertschätzung kultureller Differenz und betreiben das Geschäft sozialer Verungleichung

Wenn Kultur konstitutiv ist für die Aufrechterhaltung individueller und kollektiver Ungleichheit, die mit ihr eine affektive Bestätigung erfährt, so gibt es noch eine zweite, damit zusammenhängende Funktion, auf die bereits Sigmund Freud hingewiesen hat: Es ist das Versprechen der Kultur, die uns vergessen machen will, dass wir vergänglich sind. In einer sehr persönlichen Abschiedsrede am Sarg Helmut Kohls hat Bill Clinton daran erinnert, dass wir alle „irgendwann alle in so einem Sarg sein” würden. Er hat damit auch auf die Grenzen des Kulturellen hingewiesen, dessen symbolische Unterscheidungskraft spätestens am Ende es Lebens eine fundamentale Relativierung erfährt: Wo immer geboren, in welchen sozialen und kulturellen Kontexten immer aufgewachsen, ganz gleich ob reich oder arm, stark oder schwach, mächtig oder ohnmächtig, das Leben wird an ein Ende kommen; das Leben wird zu Ende gehen und uns spätestens dann alle frei nach Ferdinand Raimund „gleich hobeln“.

Die Botschaft: Wir mögen uns noch so sehr als KulturkämpferInnen stilisieren, deren Ziel es ist, das Bollwerk Europa gegen die Feinde außerhalb noch einmal zusammenzuschweißen. Spätestens mit dem Tod ist Schluss mit jeglicher kultureller Überheblichkeit (das gilt auch, wenn die verbliebenen Hoffnungen auf eine ewige Existenz in einem imaginierten Jenseits im Diesseits enden). Aber noch reiten sie und können dabei skurrile Züge annehmen, wie im Fall eines Beitrags des Philosophen Rudolf Burger, der für das Magazin „Tumult" im Winter 2015/16 den Beitrag „Die Unzulänglichen“ in der Hoffnung auf Konsensstörung verfasst hat, um in die aktuelle Globalisierungsdiskussion nochmals den Betriff der „Dekadenz“ einzuführen. Danach würden – frei nach Carl Schmitts Diktum, wonach der Souverän über den Ausnahmefall entscheidet – die EuropäerInnen nicht mehr souverän genug sein (bzw. nicht genügend Mumm aufbringen), um sich erfolgreich gegen die anbrandenden Wellen von Kulturfremden zu verteidigen. Diesen wiederum unterstellte er, sie wären zu feig, für die Verbesserung ihrer Lebensgrundlagen in ihren eigenen Kulturräumen zu kämpfen.

Während die einen ersaufen, wähnen sich die anderen unsterblich

Wenn Burger die Weigerung europäischer BürgerInnen, die unbedingte Behauptung kultureller Unterschiede über elementare humane Existenzansprüche zu relativieren und noch einmal als dekadentes Verhalten zu denunzieren versucht, dann fällt mir dazu noch eine andere Assoziation ein: Führende Akteure im Silicon Valley gelten mittlerweile als treibende Kräfte auf der Suche nach menschlicher Unsterblichkeit. So unterstützt der Großinvestor Peter Thiel – der im Übrigen große Zweifel an der Kompatibilität von Freiheit und Demokratie hegt – mit hohen Millionenbeträgen die Arbeiten von Aubrey de Grey zur Überwindung der Alterungsprozesse beim Menschen. Und mir ist, als würde damit noch einmal der verzweifelte Versuch unternommen werden, der überfälligen Relativierung des Kulturellen den Kampf anzusagen. Immerhin winkt den Unsterblichen im Erfolgsfall die immerwährende Durchsetzung ihrer nur allzu menschlichen Machtansprüche, materiell ebenso wie symbolisch.

Aber auf solche Formen der kulturellen Perversion muss man erst einmal kommen. Sich auf die Suche nach der (eigenen) Unsterblichkeit zu begeben just in einer Phase globaler Entwicklung, in der Millionen an den Konsequenzen eben dieser Suche zugrunde gehen. Ein größerer Zynismus ist eigentlich nicht denkbar. Wird sich später jemand an den Zeitpunkt erinnern, als Kultur selbst in Ländern mit höchster Lebensqualität wie Österreich unversehens in Barbarei übergegangen ist?

shutterstock / Janossy Gergely

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