Wir kennen sie alle, die Obdachlosen, die sich in unseren Städten tummeln und ihre Bleibe unter Brücken oder anderen Ecken und Enden unserer Städte suchen. Überwiegend sind es noch Männer, die zu den Freiluftbewohnern gehören. Sie tragen Vollbärte, was schon als Markenzeichen angesehen werden kann, legen auf ihr Äußeres nicht unbedingt den größten Wert und sind nicht selten Alkoholiker und Drogenabhängige.

Wir schauen sie gern schief an und machen einen großen Bogen um die von der Gesellschaft Abgehängten. Ich will mich aber jetzt nicht lange mit Urteilen, Vorurteilen und dergleichen über Obdachlose aufhalten.

In diesem Beitrag geht es mir vielmehr darum, tiefer in das Leben und die Lebensart von Obdachlosen einzudringen. Danach kann sich jeder selbst sein Urteil bilden.

Profilbild Facebookseite Günter & Indi - Die Wiese

Unterschiede, die wenig Beachtung finden

So sind wir halt, wir Menschen.. umso tiefer sich jemand in der sozialen Schicht einreiht oder einreihen muss, umso pauschaler oder härter fallen die Urteile über diese Menschen aus. Häufig sind sie für uns vollkommen bedeutungslos. Wir schleimen um Leute herum, nur weil sie eine bestimmte soziale Stellung besitzen, sich im Starzirkus tummeln oder in Machtposition sind. Würden sich solche Personen unter Obdachlose mischen, würde die Aufmerksamkeit ihnen gegenüber ins Sekundenschnelle sinken. Oder würde jemand seinen Chef unter einer Brücke besuchen und ihm gar noch einen neuen Schlafsack bringen?

Ich könnte jetzt etliche Beispiele anführen, auch passend dazu von unserem Dauerthema, der Flüchtlingsproblematik. Aber das ist nicht meine Absicht. Ich will besonders das Beispiel von zwei Obdachlosen hervorheben, die ihr Leben meiner Ansicht nach ganz gut meistern und sich mit ihrer Situation sehr gut arrangiert haben.

Wir, die Mittelschicht oder „Normalos“ würden uns doch sicher unwohl fühlen, umso mehr Obdachlose uns umzingeln würden, oder? In der obersten Schicht, greifen generell die Abschottungsmechanismen, so dass für dieses Klientel keine große Gefahr der Belästigung besteht.

Sind Obdachlose alle gleich oder gibt es Unterschiede? Was für eine Frage. Natürlich gibt es Unterschiede. Hinter manchem Obdachlosen, den wir schief oder abfällig anschauen, steckt vielleicht ein hochintelligenter Ingenieur oder gar Professor. Natürlich gibt es auch die absolut Abstoßenden, die der Drogen- und Alkoholsucht verfallen sind und alle Bemühungen scheitern, sie wieder aus ihrer Lebenssituation, wie immer auch sie da hineingekommen sind, zu befreien.

Wie schon erwähnt, will ich in diesen Beitrag zwei Obdachlosen widmen, die sich täglich tapfer ihrer Situation stellen und sie auch meistern.

Annäherung an Obdachlose

Wie fast jedem nicht Obdachlosen ging es auch ehrlich gesagt mir. Man nimmt sie zur Kenntnis und hat vielleicht den ein oder andren Euro übrig, das war es dann auch schon. Grundlos in ihr Umfeld einzudringen ist eher die Ausnahme.

In meiner Zeit als Polizeibeamter lag es in der Natur der Sache, dass man mit Obdachlosen zu tun hat.

Eine besondere Zusammenkunft mit einem Obdachlosen möchte ich hier kurz erwähnen, bevor ich zu der bereits angedeuteten Begegnung überleite.

Vor gut zwanzig Jahren ist ein Obdachloser an einem stillgelegten Bahnhofsgebäude gestrandet. Dort wollte er in der kalten Winternacht übernachten. Nebenher spielte er Mundharmonika. Über seine Anwesenheit und das Mundharmonikaspielen regten sich Anwohner auf.

Da würde ein besoffener Penner herumliegen. Vorsichtshalber nahmen wir den VW-Bus mit. Der Obdachlose war weder aggressiv noch betrunken.

Das hat doch keinen Wert hier zu schlafen. Wo soll ich hin, wollte er wissen. Wir bringen dich in eine Unterkunft, dort kannst du duschen, etwas essen und in einem Bett schlafen, erklärten ihm mein Kollege und ich. Er wollte uns zum Dank etwas auf der Mundharmonika vorspielen. Da ich jetzt nicht ganz unwissend in Sachen Musik bin, war ich gespannt. Mir rutschte fast das Lenkrad aus der Hand, als ich den Wunderknaben spielen hörte. Mein Kollege klatschte mit und wir hatten bis zur Unterkunft unseren Spaß im alten Polizei-VW-Bus und hörten dabei noch einen erstklassigen Mundharmonikaspieler.

In der Unterkunft angekommen verneigte er sich richtig vor uns und bedankte sich. Dann meinte er noch: Ich dachte immer alle Bullen wären Arschlöcher. Das denken viele, erklärte ich ihm. Für mich dachte ich, ich kenne auch einige von ihnen, aber die machen normal keinen Nachtdienst.

Besuch mit Schülern und Besprechung des Workshops

Von der Bildungseinrichtung zu den Obdachlosen

Seit etwa zwei Jahren stehe ich mit zwei Obdachlosen in stetiger Verbindung. Bei uns gibt es ein Sprichwort das besagt, man kam zu irgendetwas wie die Jungfrau zum Kind. So könnte man auch diese Begegnung, die nicht im Entferntesten vorgesehen war beschreiben.

Der Internationale Bund ist eine bundesweite Bildungseinrichtung. Neben einer anderen Tätigkeit, bin ich noch Honorardozent am Internationalen Bund (IB) in unserer Kreisstadt. Die Bildungseinrichtung liegt nahe der Donau. Meine Unterrichtsthemen gehen in Richtung Allgemeinbildung, politische Bildung und optimale Vorbereitung auf das Berufsleben. Die Teilnehmer sind im Durchschnitt 20 Jahre alt. Sie sind bunt gemischt, mit und ohne Migrationshintergrund und teilweise auch Flüchtlinge.

Seit ich diese Honorartätigkeit ausübe hatte ich noch nie Probleme mit den Teilnehmern. Aber ich weiß in etwa auch wo die Probleme stecken und welche wir bestimmt noch verstärkt bekommen werden.

Ich mache immer wieder Projektarbeiten mit meinen Klassen. Mit ein paar Schülern war ich zum Beispiel auch bei dem Prozess, dem Dreifachmord von Villingendorf. Ich finde der Unterricht sollte nicht nur vor Theorie stauben, sonder lebensnah sein.

Es waren ein paar meiner Schüler, die mich auf die Idee mit den Obdachlosen gebracht haben. Unter einer der Brücken an der Donau liegen einige, die sind wirklich dauernd Betrunken oder drogenabhängig. Kontakt mit ihnen aufzubauen ist zwecklos.

Aber ein Stück weiter, angrenzend an eine Schrebergartenkolonie wäre eine Wiese, dort hätten sich auch ein paar Obdachlose niedergelassen, informierten mich meine Schüler vor der ersten Kontaktaufnahme.

Also auf, wir besuchen sie im Unterricht, schlug ich vor. Es ist ja nicht völlig ausgeschlossen, dass Schüler auch einmal obdachlos werden, oder im Umkehrschluss könnten sie motiviert werden, nie so leben zu müssen/wollen.

Als wir das kleine Reich dieser Obdachlosen betraten, kam sofort ein größerer Hund auf uns zu, der sehr verspielt war. Dann drei vollbärtige Männer, die wohl etwas verwundert, aber dennoch sehr erfreut über diesen Besuch waren.

Inzwischen Leben nur noch zwei dort, Günter und Holger alias „Indi“. Lange hieß es, auch die beiden müssen die Wiese räumen. Mittlerweile können sie aber dort bleiben und haben es sich irgendwie für ihre Verhältnisse richtig gemütlich eingerichtet.

Immer wieder besuche ich sie, die wir übrigens noch nie betrunken angetroffen haben.

Günter erzählt vor Ort

Indi und seine Cora

Indis schlichtes Schlafzimmer

Workshop mit Obdachlosen

Unsere Begegnungen haben sich mittlerweile gut verfestigt. Kurz entschlossen baute ich sie in den Unterricht ein. Sie kommen zu uns und wir machen einen Workshop. Sie zeigen und erklären den Schülern, wie man auf der Straße überlebt. Sie erzählen aber auch, warum sie obdachlos wurden. Die Schüler dürfen sich Fragen überlegen und eigentlich alles fragen, was sie über Obdachlose wissen wollen. Es ist hochinteressant, manchmal zum Kaputtlachen und immer sehr harmonisch. Die Mädels haben ihre große Freude mit den Hunden und sie kochen dann immer nach dem Workshop für unsere Gäste oder bringen ihnen etwas Gutes an ihre „Niederlassung“.

Wir schauen dann auch gemeinsam Filme wie der Trinker oder Harrys letzte Chance mit dem unvergessenen Harald Juhnke an. In den Filmen wird deutlich, wie schnell der Absturz passieren kann.

Es sind interessante Fragen, die junge Menschen bewegen, wenn es um diese etwas extremere Lebensform geht.

Eine Gruppe, die einmal Fragen zusammenstellte fragte mich, ob ich denke, man könne die Obdachlosen auch fragen, ob sie auch Sex hätten. Ja, warum nicht. Bei euch steht´s in Facebook und unsere beiden Obdachlosen müsst ihr eben direkt fragen, witzelte ich.

Diese Frage wurde von ihnen sehr diplomatisch beantwortet. Es gibt immer Möglichkeiten, den Rest überließen sie der Phantasie der Fragesteller.

Beide haben Kinder, also irgendwann muss da einmal etwas in der Richtung gewesen sein.

Indi erreicht große Aufmerksamkeit, wenn er von der Fremdenlegion, wo er einst war, erzählt. Dort wirst du richtig durchgeprügelt und für´s Leben abgehärtet. Er schildert die rauen Sitten dort und die teilweise brutalen Konsequenzen, wenn man sich nicht so verhält, wie es erwartet wird.

Günter hat mehrere Berufe, hatte früher alles was man sich vorstellen kann. Als seine Frau ihn verließ, rutschte ihm der Boden unter den Füßen weg. Haus, Luxus alles ging drauf. Dann arbeitete er längere Zeit im Ausland. Den Weg ins frühere Leben fand er nicht mehr und wollte dies auch offensichtlich nicht mehr. Er entschied sich für die Freiheit in Bescheidenheit. Indi kam mit dem bürgerlichen Leben ebenso wenig mehr zu recht.

Nach all den Jahren wollen sie gar nicht mehr anders leben oder sich gar von raffgierigen Unternehmern ausbeuten lassen. Klar das ist Ansichtssache. Wer will das schon, sich ausbeuten lassen. Aber wer geht so weit und zieht derartige Konsequenzen, wenn das Leben aus den Fugen gerät.

Günter erklärt dazu: was brauche ich von der Allgemeinheit. Ich habe schon viel geleistet und bekomme dafür einen geringen Teil zurück. Für unsere Unterkunft bekommen wir viel geschenkt und mit unseren Nachbarn aus der Schrebergartenkolonie kommen wir sehr gut klar. Wir stören niemand und wollen auch von niemand gestört werden, auch nicht von den Bürokraten, die sich über Dinge aufregen, die doch eigentlich unwichtig sind.

Natürlich bleiben irgendwelche menschlichen Spannungen nie aus. Wir wurden zum Beispiel auch schon von Leuten, speziell von einem Typ instrumentalisiert. Er wollte mit uns wohl seine Barmherzigkeit demonstrieren. Eines Tages kam er und wollte in seinem Wahn alles abreißen und beleidigte uns. Auch solche Spinner gibt es, erzählt Günter weiter. Wenn sich Günter über solche Leute aufregt, versuche ich etwas abzubremsen. Vergiss es, es wird sich nie ändern, was das angeht. Du triffst immer auf solche Menschen, die alles besser wissen, sich mit aller Gewalt ins Rampenklicht drängen wollen. Wenn es dann nicht nach ihren Vorstellungen läuft, werden sie unverschämt und zeigen ihr wahres Gesicht.

Aber da gibt es noch Stiefel. Der ist immer nett zu uns, und greift uns hin und wieder unter die Arme.

Ich kenne Stiefel selbst gut. Wer ist Stiefel? Stiefel betreibt in unserer Kreisstadt Stiefels Buchladen; eine wahrhafte Kultstätte, wo sich auch Lokalprominenz trifft. Selbst Stars wie Thomas Gottschalk oder der leider früh verstorbene intellektuelle Fernsehmoderator und Publizist Roger Willemsen waren bei Stiefel zugegen. Schon das Aussehen von Stiefel ist Kult. Aber auch er hat ein Herz für Menschen wie Günter und Indi.

http://www.stiefels-buchladen.de

Unsere Gäste vom Donauufer bleiben den Schülern keine Fragen schuldig. Mittlerweile ist unser Workshop schon fester Bestandteil in meinem Unterrichtsprogramm.

Vorbereitung Workshop mit Diskussionsrunde

Unser obligatorisches gemeinsames Mittagessen - zubereitet von Schülern

Abschließende Anmerkung

Das war ein grober Auszug aus dem Alltag und der Geschichte der beiden Obdachlosen Günter und Indi.

Zwei nette Leute, wo wir immer herzlich willkommen sind. Die Freude ist nicht zu übersehen, wenn wir kommen und sie sind der Grant für unseren Workshop – das Leben als Obdachloser.

Ihr Domizil auf der Wiese an der Donau, haben sie sich für ihre Verhältnisse schön und zweckmäßig eingerichtet. Sie scheinen wie gesagt ohne großen Luxus glücklich und zufrieden zu sein. Ihr Leben bisher war zwar sicher turbulent aber nicht langweilig.

Auch eine eigene Facebookseite haben sie.

Unter Facebook Die Wiese kann man auf ihrer Facebookseite noch weitere Einblicke in ihr Leben bekommen.

Die besodnere Art von Günter mich zu begrüßen - hier mit der Zaunlatte dicht gefolgt von seinem Hündchen Kurt.

Inzwischen eine kleine "Obdachlosenidylle" - die sich Günter und Indi auf ihrer Wiese geschaffen haben. Immer wieder beherbergen sie auch Besucher, die auf die Schnelle keinen geeigneten oder geschützten Platz für das Nachtquartier gefunden haben.

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