Die Wohnungskrise in Berlin ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen und eines Systems, das Knappheit belohnt. Große Wohnungskonzerne behaupten regelmäßig, sie seien Teil der Lösung. Tatsächlich profitieren sie davon, dass Wohnungen fehlen. Denn ein Vermieter verdient nicht automatisch mehr Geld, wenn es viele Wohnungen gibt. Er verdient mehr Geld, wenn es zu wenige gibt.
Genau deshalb ist die Vorstellung naiv, milliardenschwere Wohnkonzerne würden aus eigenem Antrieb genügend bezahlbaren Wohnraum schaffen. Würden sie den Markt tatsächlich mit Wohnungen fluten, würden die Preise sinken. Die Verhandlungsmacht läge wieder bei den Mietern. Die Renditen würden unter Druck geraten. Warum sollte ein Konzern freiwillig die Grundlage seiner eigenen Gewinnmaximierung zerstören?
Gebaut wird deshalb, wenn überhaupt, vor allem dort, wo die höchsten Margen winken: bei teuren Neubauten, Luxusquartieren und hochpreisigen Eigentumswohnungen. Die Krankenschwester, der Busfahrer oder die Rentnerin kommen in diesen Geschäftsmodellen bestenfalls am Rande vor. Der Mangel ist kein Betriebsunfall des Systems. Er ist sein profitabelster Zustand.
Deshalb muss der Wohnungsmarkt neu geordnet werden. Der Wohnungsbau kann privat bleiben. Unternehmen dürfen bauen und daran verdienen. Aber ein ausreichender Bestand an Wohnungen muss dauerhaft dem Spekulationskreislauf entzogen werden. Genau darum geht es in Berlin. Wohnen ist keine Luxusware, sondern eine Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Lebens.
Die betreffenden Wohnungsbestände wurden vor rund zwanzig Jahren zu Preisen verkauft, die heute geradezu absurd erscheinen. Tausende Wohnungen gingen für Beträge den Besitzer wechseln, die umgerechnet oft nur einen Bruchteil ihrer heutigen Marktwerte ausmachen. Nun wird so getan, als wäre jede Diskussion über Vergesellschaftung ein beispielloser Angriff auf das Eigentum. Dabei stehen heute Entschädigungssummen im Raum, die ein Vielfaches dessen betragen, was die damaligen Käufer bezahlt haben.
Hinzu kommt: Hätten die Konzerne viele ihrer Bestände sorgfältig gepflegt, modernisiert und ihre Mieter fair behandelt, wäre der politische Druck zur Vergesellschaftung vermutlich deutlich geringer. Wer jedoch über Jahre hohe Renditen ausschüttet und gleichzeitig Mängel, Modernisierungsstaus und explodierende Mieten produziert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann die Frage gestellt wird, wem diese Wohnungen eigentlich dienen sollen.
Ein großer gemeinnütziger oder öffentlicher Wohnungsbestand mit streng begrenzten Mieterhöhungen würde nicht nur seinen Bewohnern helfen. Er würde den gesamten Markt disziplinieren. Wo Millionen Menschen eine bezahlbare Alternative haben, können andere Vermieter keine beliebigen Preissteigerungen mehr durchsetzen. Konkurrenz wirkt eben auch nach unten.
Besonders erstaunlich ist die moralische Empörung über mögliche Vergesellschaftungen. Wenn für Autobahnen Grundbesitz enteignet wird, gilt das als normal. Wenn ein Dorf einem Tagebau weichen soll, wird auf das öffentliche Interesse verwiesen. Wenn Konzerne Kohle unter Häusern zu Geld machen wollen, werden Eigentumsrechte ebenfalls begrenzt. Dann spricht kaum jemand vom Ende der Marktwirtschaft.
Sobald jedoch über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände zugunsten bezahlbaren Wohnraums gesprochen wird, wird plötzlich der Untergang der freien Gesellschaft beschworen. Dabei geht es auch hier um eine zentrale Infrastruktur: das Wohnen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Eigentumsrechte Grenzen haben dürfen. Das tun sie längst. Die Frage lautet, warum diese Grenzen für Straßen, Kohle und Industrie selbstverständlich sein sollen, für bezahlbaren Wohnraum aber angeblich unvorstellbar sind.