Kaschieren? Nein, danke. Oder: Lagenlook aus Spaß an der Freud´…

Unglamouröse Einleitung: ich habe gestern hier auf Fisch und Fleisch einen Artikel gelesen und mich ziemlich darüber geärgert. Konkret geht es um den TextMit Style durch die Weihnachtszeit. Wie man die Weihnachts-Kilos perfekt kaschiertvon Andrea Unterberger. Kurzzusammenfassung: In der Weihnachtszeit werden wir alle fett – glücklicherweise können wir unsere Körper kaschieren, und zwar mit dem modischen Lagenlook oder weiten Kleidern im 70´s-Look. Ach ja, kaschieren ist gut und schön, aber aufs gesunde Essen und den Sport nicht vergessen.

Nun gehe ich mal grundsätzlich davon aus, dass der Text gut gemeint war, dass Frau Unterberger sich gedacht hat, sie könne mit ihren Tipps vielen Frauen helfen, den Stress in Sachen Körper und Weihnachtswahnsinn zu reduzieren. Dass sie ihnen Mut machen könne, sich zumindest an den Feiertagen auch mal was zu gönnen, zumal man das Resultat verstecken und dabei die neueste Mode tragen kann. Klingt nach win/win, zumindest auf den ersten Blick.

Leider ist die Botschaft des Artikels trotz der guten Absicht mehr als problematisch, und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens wiederholt es das müde alte Märchen von den annehmbaren und den nicht akzeptablen Körpern. Wenn man jemandem zum Kaschieren rät, sagt man im Grunde genommen: an deinem Körper ist etwas falsch, du musst das verstecken. Man tut so, als würde es in Sachen Körper und Schönheit keine Diversität geben, sondern vereinfacht gesagt nur ein Idealbild, und dann alles dass das, was davon abweicht. Die Botschaft macht deutlich, dass Essen und Genuss Sünden sind, und man mit unerwünschten Kilos bestraft wird, die dazu beitragen, dass man in der Gesellschaft als weniger (liebens)wert angesehen wird.

Egal, wie freundlich man es formuliert, es trägt dazu bei, Frauen zu verunsichern. Vor allem, weil das ja nicht nur Frau Unterberger sagt, sondern mehr oder minder jede Modezeitschrift, tausende Styling-Expertin und so weiter. Die geballten Körperanfeindungs-Botschaften zeigen ihre Wirkung: mehr und mehr Menschen haben Essstörungen und Körperwahrnehmungsstörungen, und die, die nicht in das schlanke Idealbild passen, werden verstärkt fertig gemacht und gemobbt.

Ich gebe zu, ich fühle mich vom Text durchaus persönlich angegriffen. An mir ist nicht gerade wenig, aber ich mag mich, und ich habe es inzwischen so satt, zu hören, dass ich mich oder Teile meines Körpers verstecken soll, nur weil jemand das gängige Paradigma unhinterfragt wiederholt.

Dazu kommt, dass Artikel wie dieser einem den Spaß an der Mode nehmen– warum das so ist und wie man es anders machen kann, darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Von einer Mode-Expertin will ich jedenfalls andere Gründe lesen, warum der Lagenlook und die A-Linien-Schnitte reizvoll ist – ist es die Spannung, die sich aus der Kombination diverser Farben und Materialien ergibt, oder die Art, wie die verschiedenen Lagen sich an die Bewegungen des Körpers anpassen? Es sind solche Überlegungen, die mich an Mode faszinieren, nicht der Gedanke, wie ich mich am besten verstecke …

PS: Kann man den Gesundheits-Zeigefinger in einem Text über Mode bitte mal weglassen? Ich weiß schon, dass das Paradigma von den unwissenden Menschen herrscht, die ihr Verhalten ändern, wenn man ihnen die Botschaft nur oft genug einbläut. Das ist von der Wahrheit aber ungefähr so weit entfernt wie Coco Chanel von einem Sweatshirt vom Diskonter, und Material für mindestens einen anderen Text …

(Blogbild: Lagenlook beim Prag-Besuch, (c) Rhea Krcmárová

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Leopold Scharf

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fischundfleisch

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Silvia Jelincic

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