Café DULI, Mošćenička Draga, Kroatien

Na sehr super. Es schüttet. Nass. Kalt. Nasskalt. Wir haben Ende Mai. Laptop zu Hause. Schreibblock jetzt gekauft. Espresso. Frau ging in die Sauna. Wir wohnen hier ganz oben am Berg. Das ist bei Sonnenschein und Wärme auch wirklich romantisch. Nur: außer Sonnenbrand und Freude über das Meer gibt es hier so gar nichts. Die Höhlen in Postojna waren schon in den 70er Jahren stinkfad, aber da war ich 17, und alles war zunächst eine Aufregung.

Bin nach Opatija zum BILLA gefahren und habe mir den bereits erwähnten A4 Schreibblock und ein halbes Grillhendl gekauft. Am Parkplatz gefressen, im Auto, aus dem Papierl. Unter den Regentropfen, tok, tok, tok. Es war gut salzig, fast mehr Sardellenringerl als Grillhendl. Mit Coca Cola, fetten Fingern, ausgebohrltem Weißbrot und Marlboro 100 danach.

Wahrscheinlich bin ich der erste Mensch, der sich einen Facebookeintrag mit der Hand vorschreibt. Schon das Wort ‚Facebook‘, mit der Hand geschrieben, ist irgendwie witzig. Mit der Hand kann man nicht so absetzen wie am Computer, andererseits löscht man auch nicht so schnell. Ich weiß noch nach Jahren, ob ich etwas mit der Hand oder am Computer geschrieben habe. Also von Hand ins WORD übertragen oder „von Haus aus“ ins WORD. Wenn es regnet, und ich mit der Hand schreibe, wird meine Sprache älter. Ich habe wieder ein bisschen Zahnweh und muss seit einer Stunde auf’s Klo. Eine optimale Kombination, um zu schreiben. Traurig geht auch. Traurig-Klo-Zahnweh wäre ideal, aber man kann im Leben nicht alles haben. Der Kaffee ist schon schön kalt und grauslich. So hab ich’s gern.

Meine Frau versteht das alles nicht. Die hat gern Sonnenschein und eine Ordnung. Ich hab’s gern unordentlich mit Bröseln und Fernweh. Dann noch ein wenig Hunger und angenehm kalt. Also: so klamm. Jetzt habe ich meine einzige Reservepatrone in die Feder gesteckt. Wahrscheinlich habe ich absichtlich vergessen, welche zu kaufen, um das Abenteuer zu genießen, Patronen zu besorgen.

Ich sitze überdacht im Freien. Links von mir ist ein Plastikfenster, so schräg, darunter Strohmatten. Jetzt regnet es grad nicht, und ein paar Vögel zwitschern. Mitten im Lokal wächst ein schiefer Baum durch das Strohdach, einfach so.

Den Bäumen ist überhaupt alles wurscht. Nur in einer Allee wirken sie ein bisschen aufgeregt, und Zypressen am Straßenrand sind irgendwie nervös. Als müssten sie für die Touristen besonders freundlich und glücklich sein. Wahrscheinlich verwechsle ich Zypressen mit Pinien, aber das will ich nicht mehr ändern. Außerdem stehen Pinien wie Oliven in einem Hain. Das haben die Etrusker so bestimmt. Die Römer haben Aelium Cetium gebaut, das heutige St. Pölten, aber unter der Erde, dass man es besser ausgraben kann.

Die Griechen haben Tsatsiki und Säulen. In Kroatien ist alles wunderschön, und es gibt viel Handarbeit und Geschnitztes. Wenn Menschen keine Säulen und keine Ausgrabungen haben, schnitzen sie. Dann sitzen sie vor der Haustüre und lachen und sind zufrieden. Jetzt kommt die Sonne raus, und ich geh auf’s Klo.

Übrigens läuft die ganze Zeit der Radio, aber ich verstehe nicht, was die sagen, das ist angenehm. Meine Schrift ist sehr patschert und krakelig, das ist auch angenehm, aber ihr könnt es nicht sehen. Das ist schade. Allzu regelmäßige Handschriften machen mir Angst. Speziell übertriebene Ober- und Unterlängen. Ich sehe das auch oft auf Gasthaustafeln. Dann sagen alle: „Wah! Schau, so eine schöne Schrift!“ Ja. Und ich denk mir: Um Gottes Willen, das ist ja scheußlich. Andererseits kann mich eine unleserliche Notiz eines fremden Menschen sehr glücklich machen. So wie eine leere Tintenpatrone im Aschenbecher.

Ich schreibe nur in jede zweite Zeile, ihr seht das ja nicht. Damit ich noch was reinschreiben kann. Gern hab ich, wenn es ganz eng wird, und dann kommt das viele Eingefügte. So: weiter bei 1 dann 2. Mit Ringerl um 1 und 2. Für die Leserlichkeit. Dann kenn ich mich überhaupt nicht mehr aus. Oder ich denk mir, dass ich es dann eh weiß, wie ich es gemeint hab. Das Schwerste ist: Einfach nur übertragen, was ich mit Hand geschrieben habe. Das ist wie Mist ausleeren, Socken und Schuhe wegräumen und die Wäsche vom Balkon holen, falls es regnet. Meistens koch ich dann was ganz Tolles, und die Wäsche ist nass. Dann hebt meine Frau meine Schuhe auf, sagt, dass sie keinen Hunger habe und schaut wie eine Kluppe.

Meine Frau hat viele Gesichter, und die können sehr schnell wechseln, wie das Wetter in Kroatien. Vielleicht ist meine Frau eine Kroatin. Aber sie sagt immer, sie sei keine Ausländerin. Sie ist nämlich Perserin. Also halb Josefstraße, halb Persien. Meine Frau will im Urlaub immer schön braun werden, weil sie als halbe Perserin ja an sich schon sehr braun ist und so schnell „noch braunerer“ wird.

Ich war früher hauptberuflich schön braun, ich war sogar violett. Ich war nämlich Discjockey und hatte tagsüber mehr Lancaster-Sonnencreme im Gesicht als andere Wachs auf den Skiern. Lancaster war die teuerste. Es waren die 80er, und ich war so um die 25. Da multipliziert sich vieles. Die 80er waren Schamlippen und ZYX-Records, bumm-disch! Zongk, zongk – zuff! Die 70er zuvor waren mehr Trevira, Aufregung und Resopal. Die 90er waren dann böses Erwachen, Heuschnupfen und Stromrechnung. In den Nuller-Jahren war alles ein bisschen komisch und lyrisch. Seit den 10er Jahren zieht es, und ich erwische mich immer öfters beim Bettenmachen. Tagesdecke. Jetzt bin ich verheiratet und hab immer Schokobananen zu Hause. Je älter man wird, desto teurer wird der Lattenrost.

Das angeblich Unwichtige ist das Wichtigste. Das Detail ist alles. Ich weiß genau, wie sich eine Plastiktischklammer anfühlt, es ist ein schönes Gefühl. Und ich weiß genau, wie es riecht, wenn man sich die Haare verbrennt, es ist ein komischer Geruch, und man ist plötzlich hellwach.

Roul Starka

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Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 11.10.2016 19:29:03

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