Von hässlichen Enten und verblassenden Sternen

Eigentlich war es ursprünglich nur darum gegangen, ein Vehikel zu kreieren, mit dem, möglichst billig natürlich, ein Korb Eier unbeschadet über die holprigen Strässchen des ländlichen Frankreichs transportiert werden könne. Und ländlich geprägt war dieses Frankreich, gleich nach dem Ende des 2. Weltkriegs tatsächlich. Und das für erstaunlich lange Zeit auch noch danach: war es doch ein de Gaulle, der noch gegen Ende seiner Amtszeit "seinem" Frankreich attestierte, es werde vom Glockenschlag seiner dörflichen Kirchtürme "regiert".

Kaum zu glauben, dass das Lastenheft, also da, wo drinsteht, welche Merkmale die Konstrukteure des zu erschaffenden Automobils zu realisieren hätten, Ergebnis eines ganz "modernen" Marketinginstruments war: Pierre Boulanger, damals Chef von Citroen, hatte die Landbewohner Frankreichs per Fragebogen konsultiert, wie sie´s denn gerne hätten, ihr zukünftiges Vehikel.

3 Jahre später war es soweit: der 2CV, die "Ente" wurde vorgestellt... und fand reissenden Absatz. Vom Erscheinungsbild kaum verändert, "watschelte" sie tapfer, lahm, laut, labberig, aber lange, bis 1990.

Da war sie aber längst nicht mehr blechgewordener Ausdruck rationaler Forderungen an ein Automobil, sondern war als "Verzichtserklärung auf Rädern" längst mutiert zum Sinnbild für Freiheit und Anderssein: spätestens seit "`68" war sie der Inbegriff von Unangepasstheit und Lust an der Rebellion.

Quelle: Joao Neves, Lizenz Creative Commons

War sie am Schluss noch zu haben für überschaubare 9.000 D-Mark, kosten heute gute Exemplare locker über 10.000 Euro.

Das übertrifft fast den heutigen Kaufpreis der zeitgenössischen S-Klasse von Mercedes, des W116, der automobilen Antipode zur "Ente": Alles konnte und kann er besser, der Mercedes, in der Relation "Gegenwert/Preis" liegt er um Welten vor der "Ente". Und wies damit den Weg in eine Zeit, in der alles immer perfekter und "besser" sein würde...

Aber klassische Autos transportieren eben keine mit Eiern gefüllten Körbe mehr, sondern Erinnerungen und Lebensgefühl.

Und je weiter wir uns von Nonchalance, "savoir vivre" und "liberté" entfernen (lassen), desto teurer werden sie uns, die Ikonen einer unerreichbar weit entrückten Zeit.

PS: Überlebt hat die "Ente" nur ihre rauchgewordene Schwester: die Gauloises. Aber auch die ist ja längst aus den Salons und Kneipen verbannt. Und darf in der Reklame nicht mal mehr namentlich genannt werden...

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