Sentimental Journey II

Vor elfeinhalb Jahren hielt ich einen kleinen Kerl im Arm, der gar nicht so winzig war, aber erst einen Tag alt. Er hätte, so wie ich meine eigenen beiden in Erinnerung hatte, schon drei Monate alt sein können, und schaute mit grün-braunen Augen ziemlich wach in die Welt. Als ich ihn gegen das Sonnenlicht hielt, hatte er kastanienbraunes, fülliges Haar und glich damit keinem Baby, das ich jemals gesehen hatte. Die waren alle blond und blauäugig gewesen und hatten ihre eigentlichen Farben in Augen und Haar erst sehr viel später bekommen. Der da, erkannte ich, hat schon da einen eigenen Sinn gehabt. Von Anfang an.

Über all die Jahre blieb seine Haut wie die einer Porzellanpuppe, zart und durchscheinend, und seine Stimme hell und kindlich.

Ich begleitete ihn zur Grundschule und fragte mich, ob es nicht zu früh sei. Und ich begleitete ihn zum Gymnasium, erst vor ein paar Monaten, und hoffte, dass er unter all den Großen in dieser wahnwitzig großen Schule zurande kommen möge. Zwischendurch hörte ich seine Mutter berichten, dass es Schüler aus höheren Klassen gab, die ihn schätzten und selbstverständlich mit ihm umgingen. Das beruhigte mich, obschon ich es nicht in Einklang bringen konnte mit meiner eigenen, großmütterlich-fürsorglichen Denke. Wird ihm auch nichts geschehen?, fragte ich mich.

Dieser Tage erhielt ich ein Bild von einem Jugendlichen mit Kanten am Kinn, der sehr verwegen in die Welt sah. Er hatte, das war Anlass des Bildes, den Wunsch nach einer Veränderung geäußert.

Sein Haar, mühselig (von einer einstmals ebenso verrückten Mutter mit monatlich neuen Haarfarben) blondiert und dann coloriert, strahlte in grün. O.K. es hätte blau sein sollen. Aber was will man machen, wenn da eine satte rot-Grundlage ist?

So oder so ist dieser gar nicht mehr so kleine Kerl mutiger als ich, die ich dieses Blau schon einige Zeit in meinem Schrank habe und nicht zu benutzen mich traue. Was sollen denn die Leute denken?, frage ich mich.

Und genau das, fürchte ich, ist der Unterschied, den die Jahrzehnte zwischen uns ausmachen. Was für ihn cool ist, macht mich ... ja, wozu eigentlich? Schade jedenfalls. Für mich.

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Leela Bird

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