Nun ist es passiert. Österreich erlebt am 2. November 2020 seinen ersten Terroranschlag, der von Anhängern des „Islamischen Staates“ durchgeführt wurde. Was viele für unwahrscheinlich bis unmöglich hielten (Ausgenommen einiger Realisten), wurde Montagabend Realität. So weit, so schlecht. Die Reaktionen auf den Anschlag sprachen allerdings Bände und zeigten ein beunruhigendes Problem auf, daß nicht nur in Wien existiert, sondern in unterschiedlicher Ausprägung in ganz Westeuropa.

Der große Peter Scholl-Latour prophezeite bereits nach den Anschlägen vom 11. September in einer Diskussionsrunde im deutschen Fernsehen das Ende der Spaßgesellschaft. Doch diese Anschläge fanden auf der anderen Seite des Antlantiks statt, weit weg von Europa. Mit der Zeit kamen die Einschläge zwar näher, trotzdem fühlte man sich in Österreich, wie auch im übrigen Westeuropa, kaum bedroht: Auf die Bombenanschläge in der U-Bahn von London und Madrid folgte eine längere Zeit der Ruhe, der islamistische Terror schien wieder in weite Ferne gerückt zu sein.

Im Frühjahr 2011 entzündeten sich jedoch Massendemonstrationen in der arabischen Welt, Chaos, Regimestürze und ausländische Einflußnahmen folgten. Aus diesen Wirren entstieg der „Islamische Staat“, der 2014 das Kaliphat ausrief und rasch über ein breites Terrornetzwerk verfügte, welches bis nach Europa reichte. Plötzlich kontrollierte eine mächte Terrororganisation ein Territorium, das zeitweise größer war als Großbritannien. Und dann startete der IS seine Offensive in Europa: Frankreich wurde 2015-2016 mit einer Anschlagswelle überzogen, weitere Angriffe trafen auch Belgien, England, Spanien oder Rußland. Im Sommer 2016, und später im Dezember, wurde dann auch Deutschland das erste Mal Opfer islamistischer Attentate. In Österreich beobachtete die Gesellschaft zwar betroffen, was in den Nachbarstaaten um sie herum geschah, doch in der Alpenrepublik wähnte man sich weiterhin sicher.

In den folgenden Jahren büßte der IS viel Macht ein, die Organisation scheint anno 2020 am Boden zu sein. Doch seine Anhänger sind nach wie vor aktiv: Am 2. November erschoss Kujtim F. vier Personen in der Wiener Innenstadt. Österreich ist in Schockstarre, die Insel der Seeligen ist dahin. Dem Realisten war es aber klar, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis der IS-Terror auch Wien erreichen würde. Vorwarnungen gab es seit Jahren genug, denn es war allgemein, durch die Medien, bekannt, daß Wien ein wichtiges Zentrum für die Islamisten vom Balkan ist.

Das Magazin „Biber“ veröffentlichte zudem im Februar 2020 einen Bericht über drei Aussteiger aus der Wiener Dschihadisten-Szene, in dem einer der drei mit folgendem Satz zitiert wird: „Du würdest dich wundern, in wie vielen Gemeindebau-Wohnungen im 20. oder 21. Bezirk in Wien noch heute die IS Fahne hängt“.

Seit dem 2. November weiß man nun, daß es mit Österreich als „Insel der Seeligen“ vorbei ist. Bzw. sollte man wissen, denn die Reaktionen lassen leider anderes vermuten: Ein großer Teil der Gesellschaft hat die akute Gefahr immer noch nicht verstanden, denn er reagiert mit einer infantilen Hilflosigkeit (oder einer hilflosen Infantilität). Beispielhaft dafür, ist die breite Verwendung des wienerischen Ausrufs „Schleich di, du Oaschloch“, den ein Zeuge dem Terroristen hinterhergerufen haben soll. Ein streitsüchtiger, unangenehmer Nachbar ist ein „Oaschloch“, Kujtim F. jedoch bekannte, sich zu einer Organisation, die im Sommer 2014 versucht hat, eine ganze Volksgruppe auszurotten. „Oaschloch“ ist eine gefährliche Verharmlosung, denn sie zeigt, daß 1. weite Teile der Gesellschaft das Problem des islamistischen Terrors nach wie vor nicht ernst genug nimmt und 2. daß man sich stattdessen lieber in leere Selbstberuhigungsphrasen flüchtet (Auch „Liebe ist stärker als Haß“ fällt in diese Kategorie).

Den Vogel an Infantilität schoss aber NEOS-Gründer Matthias Strolz ab, der seinen Blogpost mit der Überschrift „Meinen Hass“ allen ernstes mit den Worten „Meinen Hass bekommst du nicht. Eine weinende Umarmung.“ beendete.

Da mag es umso mehr erstaunen, daß man in anderen Ländern nicht auf diese erfolgversprechende Strategie zurückgegriffen hat. Als der IS im Sommer 2014 das ezidische Siedlungsgebiet im Irak angriff und Massenmorde beging, reagierte die bedrängte Minderheit mit der Formierung der „Widerstandseinheiten Sinjars“ (YBS) und der „Verteidigungsstreitkräfte Ezidxans“ (HPE).

Als der IS im Februar 2015 in die christlich-assyrischen Dörfer entlang des Khabour-Flusses im nordöstlichen Syrien eindrang und zahlreiche Christen entführte, trat die assyrische Miliz „Khabour Guards“ zur Gegenoffensive an, und schaffte es schließlich mit der Unterstützung der kurdischen YPG, den IS aus dem christlichen Siedlungsgebiet zu vertreiben. An weinende Umarmungen oder daran, Blumen in die Einschußlöcher an ihren Häusern zu stecken, dachten weder Eziden noch Assyrer.

Um das Problem des IS-Terrorismus wirksam bekämpfen zu können, braucht es eine realistische Problembewußtsein und ein Verabschieden von kindischen Träumerein.

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