Vor geraumer Zeit fand fand ich in diesem merkwürdigen Internet-Forum namens "Fisch & Fleisch" folgende Aussage:

"Ideologen und andere Denkverweigerer sind mir sowas von zuwider."

Ideologe, Denkverweigerer, so so.

Da ist sie wieder, die alte Legende vom neutralen, sachbezogenen vernünftigen Denken einerseits und der entsetzlichen, bornierten Ideologie andererseits.

So wie die Bösen immer die anderen sind, so sind auch die Ideologen stets die anderen. Eine Ideologie ist, wie der Wortsinn nahelegt, ein System von einzelnen Ideen, also Vorstellungen. So ganz ohne ein solches Gerüst, also eine Ideologie, wirst du aber nicht durchs Leben kommen. Du kannst Ideologie überhaupt nicht vermeiden, du brauchst ein Ordnungssystem, nur um sprechen, nur um wahrnehmen zu können.

Dein eigenes Gerüst ist dir selbstverständlich, dasjenige anderer fällt dir als Ideologie auf. Und so sind "Ideologien" im abwertenden Sinne noch stets die hirnverbrannten Denkschemata der Anderen, während die eigenen nichts anderes sind als Gesunder Menschenverstand und sachbezogenes Denken. Ich erinnere nur an das sächsische Ehepaar, das nach einer Vorführung im Miesbacher Bauerntheater amüsiert das Theater verließ und schließlich meinte: "Schode daß mir geen Dialegd ham."

In einer Internet-Diskussion hat mir mal einer geantwortet: "Ideologen sind für mich Leute, die stets die Wahrnehmung (oder deren Interpretation) an das Ordnungssystem anpassen und nie umgekehrt."

Ich habe ihm so geantwortet:

Das ist wie mit der Definition von Rasern, die man in der MPU von Rasern hört: Raser sind Leute, die immer zu schnell fahren. Nun fährt (fast) keiner immer zu schnell, also ist auch der vor mir sitzende Raser kein Raser.

In der Psychologie gibt es den Begriff der "Kognitiven Dissonanz", den ich der Einfachheit halber kurz die Wikipedia definieren lasse:

"Kognitive Dissonanz ('Mißklang im Erkennen' ) ist in der Sozialpsychologie eine Theorie, die erklärt, wie durch miteinander unvereinbare Kognitionen, Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten innere Konflikte entstehen, die Vermeidungsreaktionen oder andere zur Verminderung dieser Konflikte geeignete Handlungen hervorrufen. Typischerweise treten kognitive Dissonanzen auf, wenn neu hinzutretende Erkenntnisse der bislang bestehenden eigenen Meinung widersprechen oder Zusatzinformationen eine Entscheidung als falsch entdecken. Das Widerstreben gegen Dissonanzen führt dazu, dass unpassende bzw. unangenehme Neuigkeiten missachtet und passende umso mehr geschätzt werden."

Das ist nun ein allgemein menschliches Phänomen und du hast enorme Schwierigkeiten, dein eigenes Schummeln zu erkennen, wenn du grad mitten drin im Dilemma steckst und mit der Dissonanz zu kämpfen hast. Wenn du eine Information liest, die deine Meinung bestätigt, nickst du zufrieden mit dem Kopf und blätterst weiter. Stößt du auf eine Information, die deine Meinung ins Wanken brächte, schreist du nach dem Beweis.

Widersprüche im System der anderen fallen dir sofort auf, die Widersprüche im eigenen System zu erkennen - da gehört viel Arbeit, Disziplin und vor allem Mut dazu.

Ideologen sind deshalb immer die anderen.

Auch Wissenschaft und rationales Denken schützt nicht vor den Fallstricken der Ideologie. Nun mag bei Wissenschaftlern das Weltbild wissenschaftlich geprägt sein, wobei auch sie nur einen winzigen Teil der wissenschaftlichen Theorien als Experten in ihr Weltbild einbauen. Theorien aus anderen Fächern bekommen auch Wissenschaftler nur oberflächlich mit und zu einem zünftigen Weltbild gehört mehr als das Verhalten fallender Steine oder die Reaktionen von Hunden auf Klingelsignale. Nämlich: Wie funktioniert menschliches Verhalten, wie menschliches Zusammenleben, wie regelt sich die Wirtschaft, die Politik. Warum sind die Ulwungus Dreckschweine, während die Kolmilken, zu denen ich mich zähle, brave Leute sind...

Das mit der Ideologie ist überhaupt so eine Sache. Entgegen anderslautenden Gerüchten richten sich Handlungen nämlich nicht nach Argumenten. Handlungen verstehen nur die Sprache der Bedürfnisse. Ich mache nicht das, was ich durch Nachdenken als richtig erkannt habe, sondern ich denke solange nach, bis ich das, was ich so oder so tun will, mir und anderen gegenüber als richtig und sinnvoll begründen kann. Das erklärt, warum es zum Beispiel so unendlich schwer ist, Könige von den Vorzügen des Republikanismus zu überzeugen. Erst kommen die meinen handfesten Interessen dienenden Handlungen, dann erst die meine Handlungen nachträglich legitimierende Argumentation.

Wenn eine Theorie, eine Ideologie, eine Behauptung, dazu geeignet ist, die bereits bestehenden Interessen einer hinreichend großen, hinreichend wichtigen Personengruppe zu legitimieren, dann darf in dieser Theorie, dieser Ideologie, dieser Behauptung alles drin sein, was man sich nur irgend vorstellen. Das kann der allergrößte Scheisendreck sein, macht nichts, Hauptsache, er stützt meine Interessen, mein durch die handfesten Interessen unausweichlich vorgefaßtes Wollen.

Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte mit den Juden, die sich seit den Römern durch die ganze abendländische Geschichte zieht. "Die Juden sind die Mörder unseres Herrn Jesus Christus."

Nun, all die, welche diesen Satz immer wieder äußerten, waren durch die Bank keine gewaltverachtenden Pazifisten, sie wußten die Wohltaten der Todesstrafe und Folter durchaus zu schätzen. Ihnen war natürlich - kraft ihres juristisch geschulten Verstandes - klar, daß es sich bei der Tötung Jesu um keinen Mord (also eine rechtswidrige Tötung) handelte, sondern um eine rechtlich einwandfreie Hinrichtung. Denn - wir wissen es seit der Erfindung des Rechtspositivismus, spätestens seit Filbinger - es kann nicht unrecht sein, was damals Recht war. Dann waren es natürlich nicht die Juden, sondern die damaligen Juden und von den damaligen Juden auch bloß ein paar und letztlich haben natürlich das Ganze sowieso die Römer veranlaßt.

Daß unser Jesus Christ Jude war, daß - bis auf Pontius Pilatus - jeder der an der Passionsgeschichte Beteiligten Jude war, macht klar: es war eine Geschichte unter Juden und natürlich sind bei so einer judeninternen Geschichte auch die Schurken Juden.

Aber das Allerschärfste ist natürlich der wirklich rotzfreche und hirndumme Umstand, daß andererseits in jeder dritten theologischen Doktorarbeit, jedem x-beliebigen Katechismus zu lesen steht, erst durch Jesu Kreuzestod sei die Erlösung über uns gekommen und nur durch den Kreuzestod und ohne den Kreuzestod wäre immer noch keine Erlösung da; daß also das ganze Christentum (genauer: die ganzen Christentümer) darauf beruht, daß der Hohe Rat zu Jerusalem samt Pontius Pilatus so freundlich waren, das zu tun, was angeblich um des Heiles willen auf jeden Fall getan werden mußte.

Stell dir vor, der Kaiphas und all die hätten damals bei Pilatus um eine Begnadigung von Jesus Christus gebeten und Pilatus hätte ihren Wünschen entsprochen. Stell dir bloß mal vor....

Die Beschuldigung der Juden als Gottesmörder ist also der pure Widersinn, hinten und vorne und wo immer du an die Geschichte herangehen willst. Trotzdem ist sie bis auf den heutigen Tag ein absoluter Renner im Geschäft der Ideologien.

Oder nimm den Faschismus.

Signor C., unser früherer direkter Nachbar in Castellabate ist ein pensionierter Carabiniere. Im Wohnzimmer der C.s hängt ein lebensgroßes Farbbild von C. in voller Carabinieri-Uniform, mit Mütze und Orden und allem Wichs. Neben dem Eingang zur Küche hängt ein Schwarzweiß-Foto von Mussolini, mit irgendeiner handschriftlichen Widmung. Ich hatte nur ein, zwei Sekunden Zeit, das Bild anzuschauen, so daß ich die Inschrift nicht lesen konnte.

Zunächst habe ich mich sehr geärgert, weil mir dieser Duce-Kult, den man in Italien viel häufiger und vor allem offener findet als den Hitler-Kult in Deutschland, furchtbar auf die Nerven geht. Dann hat es mich zum Nachdenken gebracht.

Der Faschismus ist ja eine wahre Religion des Sieges, der Sieger, der Stärke, der Schönheit. Der deutsche Faschismus ist speziell die Religion der blonden, großen, starken Schönheit. Und dann tauchen die Repräsentanten dieser Religion auf: der kleine, eher schmächtige und dunkelhaarige Adolf Hitler, der mit seinem Bärtchen noch dazu auftritt wie der damals schon weltbekannte (und auch in Deutschland wohlbekannte) Charlie Chaplin, der klumpfüßige, kleine, fistelstimmige Josef Goebbels, der fette Hermann Göring, die Karikatur des engstirnigen, flachbrüstigen Verwaltungsheinis Heinrich Himmler, der den Oberbefehlshaber der Blonden Bestien der SS gibt.

Und in Italien ist es eben der dicke, stiernackige, glatzköpfige Mussolini.

Was ebenfalls bemerkenswert ist: Der Faschismus hat den historischen Kampf um seine Existenz letztendlich verloren! Hitler und Mussolini haben den Krieg, den sie entfacht haben, verdammt noch mal verloren und nicht gewonnen.

Trotzdem hängen die Verehrer der Stärke und des Sieges immer noch diesen Verlierertypen an.

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Don Quijote

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