Antisemitismus ist, unter anderem, ein Welterklärungsmodell. Wenn ich mich nicht mit dem Kapitalismus und seinen Mechanismen auseinandersetzen will, erkläre ich ihn zu einer Wirtschaftsordnung, die von Juden für Juden erdacht wurde, wenn ich mich weigere, mich mit den spezifischen Charakteristika des deutschen Menschheitsverbrechens auseinanderzusetzen, behaupte ich, ein Genozid sei etwas, das überall begangen werden könne, auch von Juden, zum Beispiel, sieh an!, in Gaza. Alles sehr bequem, und das klappt auch bei aktuellen Krisen: Menschen flüchten aus dem von Kriegen verheerten Nahen Osten? Da kann nur der Jude Soros mit seinen NGOs dahinterstecken. Die Covid-19-Pandemie fordert zahlreiche Todesopfer? Nur inszeniert, um uns mit Impfungen zu vergiften, Impfen macht frei.
Und wenn dann am Rande von Protesten von französischen Schüler*innen die Polizei nicht mehr genug Blendgranaten zur Verfügung hat, um Plünderer vom Plündern abzuhalten, ist nicht nur der Untergang des - bekanntermaßen stets friedfertigen - Abendlandes nahe, sondern eine passende Erklärung schnell zur Hand, wenn man den Verdacht hat, dass auch Jugendliche aus Einwandererfamilien die Gelegenheit nutzen, in den Besitz einer Rolex zu gelangen. Michael Klonovsky, der Hausdichter der AfD, zitierte am 19.10.26 auf seiner Internetseite zustimmend einen französischen Technologieunternehmer: Was ihr derzeit in Frankreich beobachtet, ist (...) das Ende des globalistischen Projekts – ein erbärmlicher, quasi-kommunistischer Traum von einer Welt, die von nicht gewählten Planern gesteuert wird. Dieses Projekt bricht derzeit überall in Europa zusammen, und der Westen muss diesen Krebs herausschneiden, bevor er den gesamten Körper mit in den Abgrund reißt. Das globalistische Projekt, das im Dunklen agierende Mächte ersonnen haben, wird anschließend vorgestellt, und wer noch nicht beim Krebs hellhörig wurde, wird spätestens dann wissen, wer, wieder einmal, dahintersteckt: Der Motor dahinter ist das globalistische Projekt. Grenzen werden als Hindernisse betrachtet, Nationalstaaten als Relikte der Vergangenheit (...). Ein weitverzweigtes Netzwerk aus NGOs – finanziert durch unsere Steuergelder sowie durch Stiftungen von Milliardären wie der ‚Open Society’ von George Soros – treibt politische Agenden voran, für die nie jemand gestimmt hat. Der kosmopolitische, wurzellose Jude verwirklicht seinen Plan zur Abschaffung der Nationalstaaten und lässt Migranten wüten, um einen Vorgeschmack auf die heiße Phase des Bevölkerungsaustauschs in ganz Europa (M.Sellner, 20.10.26, sezession) zu geben. Gut, dass das so schnell erklärt wird.
PS: Klonovsky zitiert eine Leserzuschrift, die, weil's zu den Ereignissen in Frankreich passe, Ernst Jünger zitiert: In die Weltstädte und Imperien kehrt das Barbarische zurück. Es gehört zu ihrer Hochstimmung, ihrem Luxus und ihrer Macht. Wer Herrschaft will, kann es nicht ausschließen. Er wird die Erfahrung der Römer machen, daß er das Bürgerrecht in immer weiterem Umkreis verleihen muß und daß fremde Sitten, fremde Künste und Kulte eindringen. Jünger schrieb das 1953. Neun Jahre zuvor, am 13. August 1944, hatte er die Weltstadt Paris als Teil jener Wehrmacht verlassen müssen, die dafür sorgte, dass bis zum 31.7.1944 Sammeltransporte französischer Juden das Lager Drancy in Richtung Auschwitz-Birkenau verlassen konnten. Die Barbaren aber sind stets die anderen.