Herr Semlitsch tritt öffentlich unter einem anderen Namen auf, einem Anagramm, das an das christliche Fest am 2.2. erinnert, aber das soll hier keine Rolle spielen. Man kann seine Texte regelmäßig auf sezession.de, der Seite für den aufgeweckten Rechten, lesen und sie machen deutlich, dass seine Liebe zur Nation ihn nicht davor bewahrt, der deutschen Sprache Gewalt anzutun: „In Wirklichkeit gibt es hier nichts auseinanderzudividieren“ schreibt er oder er behauptet, „einen stichprobenartigen Blick“ geworfen zu haben.

Nicht nur sprachlich bedenklich ist der folgende Satz: „Darum muß Beate Zschäpe zu einer Art Ilse Koch 2.0 hochstilisiert werden, um darum wird das "NSU"-Phantom am Leben bleiben.“ Lassen wir das ungeschickte Verb „hochstilisieren“ einmal unberücksichtigt, so fällt auf, dass Semlitsch den Namen der Terrorgruppe hier wie auch anderswo in Anführungszeichen setzt. Hat es die also gar nicht gegeben? Hat man die etwa erfunden? In jedem Fall seien deren Taten instrumentalisiert bzw. „ausgeschlachtet“ worden, um „in erheblichem Maß Deutschenhaß und Mißtrauen“ (12.4.13) zu streuen bzw. „jeden weiteren Widerstand (...) zu lähmen und ethisch zu ächten“ (25.2.12), der sich dagegen richte, dass „Deutschland (…) demographisch völlig umgewandelt“ werde, so als sei es den Opfern des NSU noch post mortem eine Freude, dass sie dem Land, in dem sie ihre Mörder nicht leben lassen wollten, schaden.

In einem seiner neueren Artikel bezeichnet Semlitsch die „Morde des angeblichen "NSU"“ folgerichtig als „eine Art "Mikroholocaust", aus dem man quasi eine neue, frische Kollektivschuld schöpfen konnte“, und wenn auch unklar bleibt, wer „man“ sein soll, dürfte doch jedem seiner Leser sehr bewusst sein, wer allein ein Interesse an einer deutschen „Kollektivschuld“ haben könnte, wie ja überhaupt für einen wie Semlitsch das schlimmste am Holocaust zu sein scheint, dass man gelegentlich noch an ihn und seine Urheber erinnert. Dass es sich bei dem angeblichen Vorwurf der „Kollektivschuld“ um eine deutsche Halluzination handelt, spielt hier ebensowenig eine Rolle wie der Umstand, dass Semlitsch mit seiner Behauptung, der „Mord an Lübcke“ sei „eine Art "Nanoholocaust"“, die Grenze zum höheren Blödsinn überschreitet.

Dieser Schwurbel hat indes Methode, denn Semlitsch beklagt sich zugleich über angebliche Vorwürfe, „daß jeder Konservative oder Rechte nur Potenzgrade von der Ur-Essenz des NS entfernt“ sei sowie darüber, dass „jedem Rechten qua Rechtssein ein grundsätzlicher ethischer Defekt und Webfehler unterstellt“ werde. Man sollte gar nicht erst moralisch argumentieren und darauf hinweisen, dass ein Neologismus wie „Nanoholocaust“ einen nicht nur ethischen Defekt offenbart, sondern sich merken, wie Rechte vorgehen: Einerseits relativieren sie fortwährend die Nazi-Verbrechen in Geschichte und Gegenwart, andererseits wollen sie mit den Urhebern dieser Verbrechen nichts zu tun haben. Der deutsche Neo-Faschismus – also das politische Spektrum von ca. Gauland bis ca. Kubitschek – versucht an die europäische Faschisierungswelle sich anzudocken, ohne seine Wurzeln allzu offen zu zeigen.

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G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 23.07.2019 11:01:45

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