Verschwörungen

Ich bin seit 4 Jahren AfD-Mitglied. So sehr ich die Positionen der AfD in vielen Politikfeldern gutheiße, so entschieden halte ich die offizielle Corona-Politik meiner Partei (wie übrigens viele AfD-Mitglieder) für falsch.

Es geht mir jetzt aber gar nicht darum, was im Einzelnen richtig oder falsch ist: die Informationslage zu diesem wie manchem anderen, aktuellen Thema ist so komplex, dass selbst hochkarätige Fachleute nur selten und auch nur sehr ausschnittweise für sich in Anspruch nehmen können, die Wahrheit zu kennen. Der Rest ist mehr oder weniger fundierte Meinung. Politiker müssen handeln, dazu sind sie da; sie können gar nicht anders, als sich dabei auf irrtumsgefährdete Meinungen zu stützen. Ein Politiker, der „Wahrheiten“ für sich reklamiert, entlarvt sich allein damit schon als realitätsverweigernder Ideologe. Gerade solchen Politikern sollte man am allerwenigsten trauen.

Was mir von Jahr zu Jahr mehr Sorgen bereitet, ist der zunehmend intolerante Umgang mit Andersdenkenden – und zwar in alle Richtungen. Da wird auf der einen Seite jeder als „rechtsradikal“ oder gar „Nazi“ verleumdet, der auch nur irgendeinen Aspekt der aktuellen Regierungspolitik öffentlich zu kritisieren wagt. Da wird auf der anderen Seite unterstellt, unsere Politiker wollten mit den Corona-Lockdowns den systematischen Grundrechtsentzug üben, um die ultimative Überwachungsdiktatur – sozusagen den totalitären Staat 2.0 – zu installieren und das verhasste Kapital aus dem Land zu treiben.

Leute – GEHT’S NOCH ? Eine Demokratie lebt davon, dass JEDER seine eigene Meinung haben und äußern darf, ob richtig oder falsch (wer sollte das denn auch jeweils entscheiden?), ob Mainstream oder Querdenker, ob links oder rechts – und das alles innerhalb sehr weiter Grenzen, die zum konkreten Schutz der Rechte anderer Menschen gesteckt sein müssen. Und da es nun mal kein objektives „Richtig“ oder „Falsch“ von Meinungen gibt, sind in einer Demokratie alle Meinungen gleichberechtigt. Wer damit anfängt, zwar angeblich Demokratie zu wollen, aber „nicht mit denen“, die er willkürlich und subjektiv aufgrund irgendwelcher Meinungsäußerungen aus der „Gemeinschaft der Demokraten“ ausschließen möchte, der kann auch gleich wieder den Feudalstaat installieren: die demokratische Legitimation solcher Exklusiv-“Demokraten“ ist auch nicht besser als anno dunnemals die eines Fürsten „von Gottes Gnaden“. Demokratie schließt nun mal alle ein, und zwar alle gleichberechtigt; tut sie das nicht, dann ist es keine Demokratie.

Wer hat eigentlich damit angefangen, so zu polarisieren? Nicht mehr fremde Argumente anzuhören und mit eigenen dagegen zu halten, sondern stattdessen jeden persönlich runterzumachen, der eine abweichende Meinung äußert? Vorschläge der jeweiligen Gegenseite – egal ob sachlicher oder personeller Art – völlig ungeachtet ihres Inhalts abzuschmettern, nur weil sie von der „falschen“ Seite kommen? Aus einer Demokratie eine Exlusivveranstaltung der jeweiligen Parteigänger machen und Parteigegner als angebliche „Feinde der Demokratie“ davon ausschließen zu wollen? Überhaupt die Menschen gesellschaftspolitisch in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen und dieses ebenso moralisierende wie diskriminierende, pauschale VORURTEIL durch permanente Unterstellung sinistrer Motive der Gegenseite zu mästen? Allzu oft werden aus solchen - zunächst absurden - Unterstellungen auf längere Sicht sogar tatsächliche Haltungen der Gegenseite: eine „self fulfilling prophezy“, weil man den Gegner damit in eine Ecke drängt, in der er gar nicht mehr anders kann.

Womit wir beim Titel dieses Artikels sind: Verschwörungen. Wir leben heute mehr denn je in einer Zeit der Verschwörungen, man kommt dem gar nicht mehr aus. Jeder von uns gehört – gewollt oder ungewollt - einer Vielzahl von Vereinigungen an, die sich GEGEN irgendwen oder irgendwas verschworen haben: gegen „Nazis“, gegen „Asylanten“, gegen „Kapitalisten“, gegen „Umweltschweine“, gegen „Rassisten“, gegen „Kommunisten“, gegen „Sozialschmarotzer“, gegen „Katholiken“, gegen „Islamisten“, gegen „Gottlose“, gegen „Klimahysteriker“, gegen „Coronaleugner“, gegen „Raser“, gegen „Machos“ und „Chauvis“, gegen „Kriegstreiber“, gegen „Vorgestrige“, gegen „Demagogen“, gegen „Stammtischpolitisierer“, gegen „Maskulinisten“, gegen „Feminazis“, gegen „Brunnenvergifter“ – die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen, und jedes einzelne dieser Feindbilder enthält schon im Begriff selber ein ganzes Universum aus Vorurteilen und ideologischer Pauschalisierung. Buchstäblich hinter jeder Ecke lauert der FEIND….

Freilich gab’s Verschwörungen – und die zugehörigen Theorien darüber - schon immer, ob bei den Pharaonen, den alten Griechen, den alten Römern oder im mittelalterlichen Vatikan. Selbst die Verbrechen des Nationalsozialismus waren nichts anderes als Verschwörungen, und die Geschichten über diese Verbrechen sind Verschwörungstheorien – was denn, bitte, sonst? Da haben sich Leute – unter anderem - gegen die Juden als Volk verschworen, und die Historiker haben ihre Theorien darüber, wer das im Einzelnen war und warum und wie…

Was ist also neu an der jetzigen Situation? Anders als früher darf man sich – ja, soll man sich sogar – verschwören: immer wachsam sein, immer auf der Hut sein, immer abwehr- und denunziatonsbereit gegen den FEIND, anstatt im Nachbarn – ungeachtet seiner abweichenden Meinungen – erst mal wohlwollend den Volksgenossen (oh Gott, schon vom Wort her wieder so ein p.c.-Fettnäpfchen…) zu sehen, der halt andere Erfahrungen und daraus resultierend andere Meinungen hat als man selber, und der – Gott bewahre – womöglich hinterher damit gar noch Recht behalten könnte. Was man aber heute NICHT mehr darf, bei Strafe sozialer und beruflicher Ausgrenzung: die eigene – wenngleich individuell nur als dem Zeitgeist verpflichteter Mitläufer nolens volens hingenommene - Verschwörung als solche zu sehen und zu benennen.

9/11 war ohne jeden Zweifel eine Verschwörung - selbstverständlich haben sich da Leute verschworen: das war mit Sicherheit kein Unfall, sondern ein Verbrechen. Die nun schon seit 20 Jahren offiziell verkündete Geschichte dazu ist zwar auch nichts anderes als eine Verschwörungstheorie; aber von allen unseren Mainstream-Medien wird uns diese Theorie bis heute unisono als die absolute und einzige WAHRHEIT verkauft. Das, obwohl uns seit 20 Jahren immer noch niemand erklären kann, wie das WTC 7 – ein Wolkenkratzer, der breiter als hoch war – durch bloße Ausbreitung eines Feuers exakt synchron über die gesamte Breite (wie es nach Meinung aller damit befaßten Fachleute eigentlich nur bei einer sorgfältig vorbereiteten Sprengung möglich ist) im freien Fall einstürzen konnte; und erst recht nicht, wie ein NewYorker Fernsehsender der BBC diesen Einsturz melden konnte, 20 Minuten BEVOR (!) er passierte: die Kommentarsendung im Anschluss an die Nachrichten zeigte im Hintergrund ein Fenster mit Sicht auf das immer noch intakte Gebäude! Aber laut Version unserer Meinungsdiktatoren ist diese zwar sachlich völlig absurde, aber dennoch regierungsoffizielle Verschwörungstheorie natürlich keine Theorie, sondern die einzige und reine WAHRHEIT – und wer daran angesichts der logischen Unmöglichkeit Zweifel im Sinne einer „Verschwörungstheorie“ hegt, ist selbst ein Verschwörer: noch’n FEIND. Ab nach Guantanamo, sofern man seiner habhaft werden kann...

Die Verschwörung an sich ist in der heutigen Politik – wie immer schon – eher die Regel als die Ausnahme. Neu ist, dass man sie selbst dann nicht mehr als solche benennen darf, wenn man selber direkt oder indirekt daran beteiligt ist. Da ist die „Meinungshoheit“ unserer längst nur noch angeblich vom Staat unabhängigen Medien vor: die regierungsoffiziellen Erzählversionen haben als absolute „Wahrheit“ zu gelten. Wer daran zweifelt, der verbreitet „Verschwörungstheorien“ – was heute eben nicht mehr als geschichtswissenschaftlich korrekte Aufarbeitung möglicher/wahrscheinlicher Verschwörungen gilt, sondern ausnahmslos und von vornherein als absurde Lügen irgendwelcher unseriöser Rattenfänger, angesiedelt irgendwo zwischen Hochverrat und Paranoia. Von daher habe ich sogar ein gewisses Verständnis für die „Corona-Leugner“ meiner Partei, obwohl ich ihre Meinung nicht teile: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht… Die Leute wurden von unseren Regierenden und den daran hängenden Medien einfach schon viel zu oft und viel zu dreist belogen, um dieser Seite überhaupt noch irgendetwas zu glauben. Meiner Frau habe ich am Silvesterabend in nur leichter, satirischer Überspitzung gesagt, dass ich dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mal mehr die dort verkündete Uhrzeit unbesehen glaube :)

Das Verhängnisvolle an dieser Entwicklung ist nicht die Machtverlagerung, auch nicht die zum Teil auf dreiste Lügen aufgebaute „Meinungshoheit“. Die auf solche Weise jeweils wechselnden Agitatoren sind prinzipiell auswechselbar, für Genosse Normalbürger macht das kaum einen Unterschied. Das wirklich Gefährliche daran ist, dass eine solche Politik die Menschen an der Basis voneinander trennt. Da werden systematisch künstliche Feindbilder aufgebaut; da werden Menschen, mit denen wir im ureigensten Interesse solidarisch sein sollten, stattdessen in „Gut“ und „Böse“ aufgeteilt, und die angeblich „Bösen“ werden – aller „Diversität“ zu Spott und Hohn - so konsequent isoliert und an den Rand gedrängt, dass wir nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, unsere Urteile über sie anhand persönlicher Inaugenscheinnahme zu korrigieren. Auf längere Sicht führt das auf der Ebene der Bürger unweigerlich zu Kämpfen um die nackte Existenz: schon immer wurden auf diese Weise von den Machthabern Kriege vorbereitet. Aber noch nie wurde das so intensiv und mit so eiskalter Konsequenz betrieben wie heute.

Ich fürchte, wir haben die längste Zeit des Friedens in Mitteleuropa hinter uns. Und der nächste Krieg wird fürchterlich sein – noch fürchterlicher als die letzten beiden Weltkriege: nicht nur, weil die Waffen seitdem noch schlimmer geworden sind, sondern vor allem auch, weil wir selber – jeder einzelne von uns! - weniger denn je bereit dazu sind, in unseren angeblichen „Feinden“ gleichberechtigte, wie wir fühlende Mitmenschen zu sehen. Und weil man sich ja auch in „modernen“ Kriegen nicht mehr Auge in Auge gegenüber steht: man tötet und verstümmelt heute per Joystick aus einem Bunker heraus, während der „Feind“ dasselbe mit denjenigen Volksgenossen (schon wieder dieses schreckliche Wort…) macht, die gerade nicht im Bunker sitzen. Ob und wann man als Täter über die Opfer in den eigenen Reihen überhaupt noch was erfährt, ist ungewiss...

Wer mit dieser verhängnisvollen Polarisierung als Grundhaltung angefangen hat, ist die falsche Frage. Mit Rechten und vermeintlich „berechtigter“ Vergeltung prolongiert man Konflikte nur immer weiter, wie die Blutrache über viele Generationen in manchen Ländern eindrucksvoll zeigt. Wer dem wirksam entgegentreten will, der muß bei sich selber anfangen und sich den zeitgeistig aufoktroyierten Feindbildern konsequent verweigern - und dazu diese überhaupt erst mal als solche erkennen! Wir müssen wieder lernen, abweichende Meinungen anzuhören, ihre Validität redlich zu prüfen und die Möglichkeit eigenen Irrtums in Rechnung zu stellen – kurz: fair und in Solidarität um eine gemeinsame Sache zu ringen, anstatt den Gegner hinterrücks abzustechen. Dazu gehört vor allem auch VERTRAUEN in die demokratische Toleranz, Solidarität und Fairness des jeweiligen Gegners – als (vorsichtiger) Vertrauensvorschuss selbst dann, wenn der „Gegner“ solches Vertrauen aktuell nicht zu verdienen scheint. Man könnte es auch eine „Verschwörung“ nennen: diesmal aber ausnahmsweise nicht gegen, sondern FÜR etwas – für unsere Demokratie. Die Chance mag klein sein, Mancher wird sie in dem aktuell herrschenden, verhetzten Klima als „unrealistisch“ abtun. Aber es ist die einzige Chance, wenn wir unsere Demokratie retten wollen. Eine Demokratie beruht existenziell auf dem (bewährten, gewachsenen) Vertrauen in die demokratische Toleranz, Solidarität und Fairness der großen Mehrheit ihrer Mitglieder. Wo dieses Vertrauen nicht mehr möglich ist, ist auch keine Demokratie mehr möglich.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen vor allem ein friedliches Jahr 2021.

Nachtrag:

whgreiner, hier versehentlich in einem per Zufall (schiefgegangener Einlog-Versuch) entstandenen Zweitaccount - also KEINE "Sockenpuppe" :)

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

LaMagra

LaMagra bewertete diesen Eintrag 03.01.2021 21:30:46

Kai-Uwe Lensky

Kai-Uwe Lensky bewertete diesen Eintrag 03.01.2021 16:30:59

Frank und frei

Frank und frei bewertete diesen Eintrag 03.01.2021 07:48:48

58 Kommentare

Mehr von W. H. Greiner