Die Union zittert vor engagierten Schülern, die AfD schlottert vor Migranten – und in Berlin bricht die helle Empörung aus, weil eine Politikerin öffentlich ausspricht, was angesichts von Terror- und Extremismusgefahren völlig normal ist: Angst. Die Kampagne gegen die Linken-Politikerin Elif Eralp ist an Heuchelei, Scheinheiligkeit und politischer Verlogenheit schlicht kaum noch zu überbieten. Sie entlarvt sich bei genauerem Hinsehen als ein durchschaubares Manöver, das jeglichen Bezug zur Realität vermissen lässt.
Wer den absurden Maßstab anlegt, den Kritiker hier anwenden, der muss sich die Frage gefallen lassen: Warum reihen sich im Berliner Regierungsviertel eigentlich tagtäglich Dutzende hochgerüstete, gepanzerte Limousinen aneinander? Warum unterhalten das Bundeskriminalamt mit seiner spezialisierten Sicherungsgruppe und die Landeskriminalämter ganze, schlagkräftige Dezernate ausschließlich für den Personenschutz von Mandatsträgern? Der Staat pumpt Jahr für Jahr Millionenbeträge in Sicherheitsvorkehrungen, weil die reale Bedrohungslage für exponierte Persönlichkeiten längst alarmierende Höchststände erreicht hat.
Wenn sich Politiker hinstellen und so tun, als sei die Angst vor radikalen Kräften, Islamisten oder gewaltbereiten Extremisten eine unzulässige Schwäche, dann lügen sie sich in die eigene Tasche. Wer in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft klare Kante zeigt und sich mit Verfassungsfeinden anlegt, setzt sich tagtäglich konkreten Risiken aus. Das belegen tagtägliche Angriffe, Drohbriefe und das ständige Abgleiten des politischen Diskurses in physische Aggression. Den Repräsentanten des Staates einerseits schwerstes Gerät und einen gigantischen Sicherheitsapparat an die Seite zu stellen, ihnen aber andererseits das elementarste menschliche Frühwarnsystem – die Furcht vor eben diesen Gefahren – abzusprechen, ist perfide.
Diese Kampagne gegen Elif Eralp bricht in sich zusammen, sobald man ihre Logik zu Ende denkt. Wenn das Eingestehen von Sicherheitsbedenken ein Ausschlusskriterium für politische Ämter sein soll, müsste man konsequenterweise das gesamte Berliner Regierungsviertel evakuieren, das BKA auflösen und die gesamte Fahrzeugflotte verschrotten. Doch das fordert natürlich niemand. Stattdessen wird mit zweierlei Maß gemessen, um eine politische Gegnerin gezielt zu diskreditieren. Es ist an der Zeit, diese Scheinheiligkeit zu entlarven: Angst ist kein Makel, sondern im Angesicht echten Terrors ein überlebenswichtiger Instinkt – und wer das leugnet, hat den Schuss nicht gehört.